Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Nürtingen

Das Foto zeigt das Lager in der Nachkriegszeit, wo es als Notunterkunft genutzt wurde. Bildrechte: Stadtarchiv Nürtingen

Siebzehn Lager allein in Nürtingen für 21 Betriebe

In Nürtingen gab es nach derzeitigem Kenntnisstand um die siebzehn Zwangsarbeitslager bzw. Zwangsarbeiterunterkünfte, in denen Männer wie Frauen als Arbeitssklaven verwendet wurden. Unter den größeren Betrieben Nürtingens oder dahin ausgelagerten Betrieben sind zum Beispiel für das Jahr 1945 Zwangsarbeiter in einundzwanzig Betrieben nachgewiesen. Im Verantwortungsbereich der Kreisleitung Nürtingen und des Landratsamtes Nürtingen ist die Zahl der Lager, Betriebe und Opfer umso größer.

Das Schlurfen ihrer Holzschuhe haben manche Nürtinger noch im Ohr

Viele der Sklavenarbeiter waren in Polen, Russland, der Ukraine und Lettland als „Menschenmaterial“ aufgegriffen worden. Die „Ostarbeiter“ wurden als „Untermenschen“ angesehen, sehr schlecht behandelt und beim geringsten Anlass brutal zusammengeschlagen. So herrschte im „Mühlwiesenlager“, wie im Buch „Nürtingen 1918-1950“ beschrieben, ein „Schreckensregiment“ mit „zum Teil völlig katastrophalen“ Zuständen. Im Lager Mühlwiesen, dem weitaus größten Lager in Nürtingen, waren viele Zwangsarbeiterinnen und Sklavenarbeiter untergebracht. Die meisten Insassen dieses Lagers, 275 an der Zahl, mussten für die Firma Heller arbeiten, wenn man die Situation von April 1945 zugrunde legt. Morgens trieb man sie als Kolonne durch die Stadt zur Firma und abends wieder zurück. Das Schlurfen ihrer Holzschuhe haben manche Nürtinger noch im Ohr. Weiter mussten in jener Zeit beispielsweise 62 Zwangsarbeiter für die Reichsbahn, 28 für die Firma Greiner, 21 für Melchior und 16 für Metabo Zwangsarbeit leisten. Das Lager Mühlwiesen war in einen Männerbereich und einen Frauenbereich getrennt. Es lag ungefähr dort, wo heute die Nürtinger Realschulen sind.

Im Nürtinger Mühlwiesenlager bezeichnete der Wachmann Friedrich Trost während des Gedränges beim Essenfassen die damals so genannten „Fremdarbeiter“ als „Saurussen“ und schlug ihnen „mit einem Schlagwerkzeug über die Köpfe“. Gerne wurden hierzu „Farrenschwänze“ verwendet, so genannte Ochsenziemer. Auch Mädchen wurden hemmungslos und brutal zusammengeschlagen. Eines erschien einmal nicht zur Arbeit und wurde so geschlagen, dass es mehrere Tage „auf einem Ohr nicht hörte“ und „nicht mehr sitzen noch liegen“ konnte.

Sexuelle Ausbeutung

Die jungen weiblichen „Ostarbeiter“ Nürtingens wurden auch sexuell ausgebeutet. Alfons Hirsch, der Leiter des „Mühlwiesenlagers“, Jahrgang 1904, drohte ihnen Schläge oder verweigerte ihnen Kleidung, auch Unterwäsche. „Wer dagegen bereit war“, „ihm - im umfassendsten Sinne - zu Diensten zu sein“, konnte „mit einer Vorzugsbehandlung rechnen“.

Außer den „Ostarbeitern“ wurden in Nürtingen französische, belgische, italienische, bulgarische, griechische und holländische Zwangsarbeiter sowie ein deutscher Sinto zu Sklavenarbeit gezwungen. Seine Kameraden und ein Nürtinger Arzt verhalfen dem Sinto dazu, dass er nicht nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde, weil seine Arbeitsleistung nicht überboten wurde. Die Zwangsarbeiter aus Frankreich, Belgien, Italien und Holland wurden in aller Regel etwas besser behandelt, wurden sie doch von den Nazis nicht als „artfremden Blutes“ eingestuft, nicht als „fremdvölkisch“ wie die „Ostarbeiter“.

Die Zwangsarbeitergräber auf dem Alten Friedhof am Neckar

Auf dem Alten Friedhof am Neckar findet man Gräber von Zwangsarbeitern, die früher „Russengräber“ genannt wurden. Entlang der Mauer sind beispielsweise Fedor Karpenko, Elena Nowrozkaja, Pawlo Nesterez, Dimitrios Pandelidis und Irina Dolgopjata bestattet. Ihre Geburts- und Todesdaten zeigen, dass sie in jungen Jahren umkamen. Seit September 2014 gibt es Tafeln mit den Namen und Daten der hier beerdigten Zwangsarbeiter auf den betreffenden Gräbern des Alten Friedhofs am Neckar.

Mehr über Nürtinger Zwangsarbeiter kann man auf der Webseite gedenken-nt.de und in einem speziellen Kapitel von Steffen Seischab in dem Buch „Nürtingen 1918-1950“, Kap. 10, S. 300-318, erfahren.

 

von Manuel Werner