Zwiefalten: Zunächst Durchgangsstation nach Grafeneck, dann Todesspritzen

Foto: Dr. Henning Krämer, Geesthacht, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Einen Einblick, wie in der "Wilden Euthanasie" auch nach der "Aktion T4" Insassen umgebracht wurden, was auch Nürtinger betroffen haben könnte, schildert Josef Demetz am Beispiel der Anstalt Zwiefalten. Am 26. Mai 1940 wurden 299 "volksdeutsche" Südtiroler, die als "geistig und körperlich minderwertig" eingestuft waren, mit einem Sonderzug aus Pergine in die Heilanstalt Zweifalten eingeliefert. Pergine Valsugana, früher Persen oder Fersen im Suganertal, liegt heute in der Autonomen Provinz Trient in Italien. Direktor Dr. Alfons Stegmann (Jahrgang 1908) und Ökonomieverwalter Heinrich Metzger waren bei der Ankunft wie auch eine Anzahl "Krankenwärterinnen" und "Krankenwärter" anwesend.

 

Hunger, Verhungern

Josef Demetz erinnert sich: "Der Doktor Stegmann [Dr. Alfons Stegmann, Jahrgang 1908, Anm. MW], der läuft jetzt noch in Zwiefalten rum. Da haben wir 8 Tage lang nichts zum Essen bekommen, und Kleider haben wir überhaupt keine bekommen. 8 Tage sind wir eingesperrt gewesen, haben wir gesagt: 'Wo kommen wir denn hin, wo sind wir da hingekommen?'"(1) Insgesamt wurden rund 500 Südtiroler Patienten nach Schussenried und Zwiefalten verfrachtet. Bis zum Mai 1945 waren etwa die Hälfte der 299 aus Pergine nach Zwiefalten verschubten Menchen "verstorben". Diese hohe "Sterblichkeit" war kein Spezifikum der Südtiroler. Sie entsprach der Todesrate der anderen Patienten, die in Zwiefalten deutlich höher als in Schussenried und Weissenau bei Ravensburg lag. Bis Ende 1940 waren bereits 14 Südtiroler in Zwiefalten "verstorben" gewesen. In die Weissenau waren 75 Patienten weiterverlegt worden. Medizinalrat Dr. Alois Bischoff meinte, sie hätten sich in schlechtem Allgemeinzustand befunden.(2)  Dies kann aber auch als Schutzbehauptung empfunden werden, eventuell aber auch stimmen.

 

Spritzen und Tabletten

Ende Dezember 1940 waren die Tötungen in Grafeneck eingestellt worden, "in Zwiefalten aber wurde die „Euthanasie“ an einzelnen Patienten weitergeführt. Ein Abteilungspfleger berichtete, es seien 'arg viel Kranke auf den Friedhof gekommen. Das hat man wohl mit Spritzen und Tabletten gemacht. Einmal hat das auch Frau Dr. Fauser von mir verlangt, ich habe mich aber geweigert, es zu tun.'"(3)

Josef Demetz schildert Details aus Zwiefalten: "Da kam Frau Doktor Fauser [Dr. Meta Fauser, Jahrgang 1889, Anm. MW] mit dem Pflegervorsteher Frankenhauser [Paul Frankenhauser, Anm. MW] und der Acker [Oberpfleger Martin Acker, Jahrgang 1877, Anm. MW]. Die kamen. Da sagt die Frau Doktor: 'O, der hat auch so gläserne Augen, schau, der hat auch so gläserne Augen. Da ist auch nicht mehr viel dabei.' So ging es bei drei, vieren hintereinander. Dann, eine Viertelstunde drauf kamen die zwei Oberpfleger mit Spritzen. Und die wurden gespritzt. (...) Tatsächlich. Die erste Bettlade rausgeschoben. Der Mann war tot..."(4)

 

Suizide

Josef Demetz überliefert auch, dass Insassen sich aus Verzweiflung und großem Leid das Leben nahmen.

In der Radiosendung "Verwahren und vernichten. Opfer der NS-Euthanasie in Württemberg" von "SWR 2 Glauben" vom Sonntag, den 1. September 2013 (12.05 Uhr) berichtet Josef Demetz, Psychiatrieinsasse der "Staatlichen Heil- und Pflegeanstalt" Zwiefalten, wie in der NS-Zeit Mitpatienten totgespritzt wurden und anderweitig litten und ermordet wurden. Diese Sendung kann man kostenfrei nachhören und nachlesen, weiter unten sind diese Angebote von SWR 2 verlinkt.

Der Sender fasst dien Beitrag von Hans-Volkmar Findeisen folgendermaßen zusammen:

"Es ist ein unbekanntes Kapitel: Ab 1940 wurden 500 sogenannte "volksdeutsche" Psychiatriepatienten aus Südtirol nach Württemberg deportiert. Einer von ihnen war Josef Demetz, der im ehemaligen Kloster Zwiefalten in der "Staatlichen Heil- und Pflegeanstalt" landete, einer Art Durchgangsstation zur Tötungsanstalt in Grafeneck. Demetz war in dem kleinen, katholisch geprägten 2500-Seelen-Ort bestens bekannt und langjähriger Vorbeter der katholischen Kirchengemeinde. Trotz großer Geheimhaltung der Nazis ließen sich die Vorgänge in der Anstalt, das massenhafte Sterben, nicht verbergen. Zumal allein 1940 mehr als 1600 Patienten durch Zwiefalten geschleust wurden. Eine Solidarität der Bewohner mit den Opfern blieb jedoch aus, während der württembergische Landesbischof als auch der Freiburger Erzbischof in mehreren Briefen gegen die Euthanasie protestierten. Josef Demetz ist 1998 in Zwiefalten gestorben. Nun ist ein von ihm besprochenes Tonband wieder aufgetaucht, in dem er sein Schicksal beschrieben hat. Eine bewegende Anklage gegen das Vergessen."

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Stationen eines "Ungewollten"

Josef Demetz war als Kleinkind von seiner ledigen Mutter ausgesetzt worden, und wurde in Pflegefamilien und Heimen groß. Als 13jähriger stürzte er von einem Kirschbaum und litt unter Epilepsie. Dies führte zur Einweisung in verschiedene psychiatrische Anstalten. Nach dem Abkommen, das Hitler und Mussolini über die Südtiroler getroffen hatten, wurde er weg aus seiner Heimat "heim ins Reich", über Pergine nach Zwiefalten verlegt. Er war zu dieser Zeit 23/24 Jahre alt. Er überlebte die NS-Zeit in Zwiefalten. Bis 1970 galt er als staatenlos, danach wurde ihmn die italienische Staatsbürgerschaft zuerkannt.Zwar unternahm er Urlaubsfahrten nach Südtirol, blieb aber in Zwiefalten. Er wünschte, in St. Ulrich in Gröden in Südtirol (Italien) begraben zu werden. Gegen diesen Wunsch war er zunächst in Zwiefalten begraben worden, doch nach jahrelangen Bemühungen des "Vereins der Südtiroler" wurde er dann doch umgebettet.(5)

 

Im Namen des Volkes

Dr. Alfons Stegmann wurde in dem im Sommer 1949 begonnenen Grafeneck-Prozess im Rittersaal des Tübinger Schlosses zu 24 Monaten Haft verurteilt. Dr. Meta Fauser, wegen der Tötung von 387 Menschen angeklagt, wurde zu 18 Monaten Haft verurteilt. Heißt es in der Anklage bei ihr noch, die Taten seien "mit Ueberlegung und Heimtücke" verübt worden, wird ihr vom Gericht zugute gehalten, sie habe aus „Nächstenliebe“ gehandelt. Die Strafen beider galten wegen der Dauer der Untersuchungshaft als bereits verbüßt oder wurden zur Bewährung ausgesetzt.(6)

Der Prozess fand in der Öffentlichkeit geringes Interesse, es waren wenig Zuhörer anwesend. Oberpfleger Martin Acker und Pflegevorsteher Paul Frankenhauser waren wie Heinrich Metzger beim Grafeneck-Prozess als Zeugen geladen.(7)

  • add Fußnoten

    • (1) Zitiert nach: Hans-Volkmar Findeisen: Verwahren und vernichten. Opfer der NS-Euthanasie in Württemberg, Sendung SWR2 Glauben vom 01.September 2013, 12.05 Uhr.
    • (2) Vgl. Thomas Müller, Uta Kanis-Seyfried: Südtiroler Patienten in Württemberg. Nationalsozialistische und italienische Bevölkerungspolitik nach 1939, in: Schwäbische Heimat 1/2013, S. 40f.
    • (3) Zitiert: Hausgeschichte Zwiefalten, in: Website des Forschungsbereichs Geschichte und Ethik in der Medizin, Zentralbereich Forschung und Lehre des Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg, Ravensburg, www.forschung-bw.de/history/psychiatricmuseum.php
    • (4) Zitiert nach: Hans-Volkmar Findeisen: Verwahren und vernichten. Opfer der NS-Euthanasie in Württemberg, Sendung SWR2 Glauben vom 01.September 2013, 12.05 Uhr. - Die Vornamen wurden vom Verfasser (MW= Manuel Werner) aus Akten des Grafeneck-Prozesses ergänzt (z.B. dem Schreiben des Amtsgerichtes Calw vom 4. Mai 1949 an Herrn Ladgerichtsrat Rauscher, den Vorsitzenden der Strafkammer des Landgerichtes Tübingen mit einer Liste geladener Zeugen, StAS Wü 29 / 4 T 1.).
    • (5) Vgl. Thomas Müller, Uta Kanis-Seyfried: Südtiroler Patienten in Württemberg. Nationalsozialistische und italienische Bevölkerungspolitik nach 1939, in: Schwäbische Heimat 1/2013, S. 42.
    • (6) Vgl. Hans-Volkmar Findeisen: Verwahren und vernichten. Opfer der NS-Euthanasie in Württemberg, Sendung SWR2 Glauben vom 01.September 2013, 12.05 Uhr und den Zeitungsartikel: "Euthanasie-Verbrechen vor Gericht. Der Fall Grafeneck - 9000 Menschen vergast", im Faksimile hier auf der Website des StAL zu sehen, sowie Website des Forschungsbereichs Geschichte und Ethik in der Medizin, Zentralbereich Forschung und Lehre des Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg, Ravensburg, www.forschung-bw.de/history/psychiatricmuseum.php.
    • (7) Vgl. das Schreiben des Amtsgerichtes Calw vom 4. Mai 1949 an Herrn Ladgerichtsrat Rauscher, den Vorsitzenden der Strafkammer des Landgerichtes Tübingen mit einer Liste geladener Zeugen, StAS Wü 29 / 4 T 1.

Text/Zusammenstellung: Manuel Werner  [MW], Nürtingen, 27. Oktober 2013