Hilfspolizist Erich Sch.

Er war auf dem Heuberg als „Magenhüpfer“ bekannt

von Anne Schaude, 2021

 

Er habe „nicht zu den wirklich schlimmen Erscheinungen des Heubergs" gehört, berichtete ein ehemaliger Schutzhäftling des Konzentrationslagers (KZ) Heuberg im Jahr 1947 in einer Spruchkammer-Aussage gegen den Nürtinger Hilfspolizisten Erich Sch., aber „seine Klappe  war größer als der Mann" (1), ergänzte er in seiner Aussage. Erich Sch. soll auch andere Formen von Gewalt angewendet haben, um den Häftlingen zu zeigen, dass sie ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren. Seinen Spitznamen „Magenhüpfer“ allerdings erhielt er, weil seine „alltäglichen Beschimpfungen der Häftlinge ... ihren Gipfelpunkt in dem Erguss: ,ich hüpf' euch in den Magen!’" (1) fanden. Von diesem Spitznamen, den ihm im Jahr 1933 die Häftlinge auf dem Heuberg gegeben hatten, erfuhr Erich Sch. selbst angeblich erst 1947 in seiner Verhandlung vor der Nürtinger Spruchkammer (1).

 

Entnazifizierung:

Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946


Im Rahmen dieses Gesetzes übertrug die Militärregierung der US-Zone die Entnazifizierung an deutsche Laiengerichte, den Spruchkammern. Diese waren mit Laienrichtern und unbelasteten Juristen besetzt. Die Spruchkammern mussten aber nicht die Schuld, sondern die Angeklagten ihre Unschuld, beweisen. Dazu hatte jeder Deutsche über 18 Jahren zuerst in einem Meldebogen über seine Beteiligung am NS-Regime Auskunft zu geben. Er musste sozusagen Rechenschaft über sein Handeln in der NS-Zeit ablegen. In einem gerichtsähnlichen Verfahren stufte daraufhin die Spruchkammer jeden Betroffenen in eine von fünf Kategorien ein: Gruppe 1: Hautpschuldige (Kriegsverbrecher), Gruppe 2: Belastete (Aktivisten, Militaristen), Gruppe 3: Minderbelastete (Bewährungsgruppe), Gruppe 4: Mitläufer und Gruppe 5: Entlastete. Das waren diejenigen, die nicht vom Gesetz betroffen waren (2).


Das Spruchkammerverfahren vor der Nürtinger Spruchkammer gegen Erich Sch. begann im Sommer 1946. In diesem Verfahren unterstrich sein Anwalt in der Erwiderung zur Klageschrift, Sch. bestreite nicht, „den Häftlingen ab und zu ein rauhes Wort gegeben" zu haben. Diese Tatsache sei aber „nicht geeignet, nun dafür als Beweis zu dienen, dass der Betroffene gegen die Häftlinge gewalttätig und brutal“ gewesen sein soll, fügte er hinzu. Dass in Anbetracht einer möglichen Eingruppierung als Hauptschuldiger (Gruppe 1) sein Verteidiger (1) vor der Spruchkammer versuchte, die Verantwortung für das Handeln seines Mandanten als Hilfspolizist im KZ Heuberg zu verharmlosen, ist somit nicht verwunderlich.      

 

Ein „gewandter Turner, anständig und freundlich"


Schon als Jugendlicher erhielt der 1904 in Langwiesen im Kanton Zürich geborene und seit 1918 in Nürtingen wohnende (3) Maschinenarbeiter seinen ersten Spitznamen „Pulverle". Diesen Namen bekam er wohl, „weil er ein gewandter Turner war" (1). Seit 1920 gehörte er der Nürtinger Turngemeinde (TG) an, möglicherweise fand er über diesen Verein Zugang zum Nationalsozialismus (3). Turnkamerad Wilhelm A., der Erich Sch. seit etwa 1923 von der Turngemeinde her kannte, beschrieb nach dem Krieg Erich Sch.‘s Charakter als „lebhaft, sonst aber freundlich und anständig. Es fällt mir schwer, zu glauben, dass er so roh wäre, andere Menschen zu schlagen, denn als Gewaltmensch kann ich ihn mir nicht vorstellen, zumal seine körperliche Konstitution dazu nicht in Einklang zu bringen wäre“ (1).

 

Erich Sch. von der TG errang 1927 in Nürtingen den 3. Platz im Achtkampf (Nürtinger Tagblatt vom 06. 10. 1927)

 

Wie kam nun der hier als freundlich und anständig beschriebene Sportler zu seinem weiteren Spitznamen „Magenhüpfer"? (1)

Von 1930 – 1935 war Erich Sch. Mitglied der NSDAP (1). Wer ihm 1932 den Rat gab, der SA (Sturmabteilung) beizutreten, ist nicht bekannt. Er ließ sich aber von dem Argument, „dass in dieser Zeit ein junger Parteigenosse auch bei der SA mitzumachen hätte“, ansprechen und überzeugen. Des öfteren habe er sich „an den brutalen Schlägereien der SA, bei denen Gegner des Nationalsozialismus überfallen und blutig geschlagen wurden,“ beteiligt, hielt der Öffentliche Kläger Clemens Schubert in seiner Klageschrift fest  (1).

Seit dem Frühjahr 1932 war Erich Sch. arbeitslos. Als Ende März 1933 die „arbeitslosen SA-Männer" zu einem Ausbildungskurs zum Hilfspolizisten auf den Heuberg aufgerufen wurden, meldete er sich. Er soll froh darüber gewesen sein, „auf diese Weise ein paar Pfennige verdienen“ zu können. Sein Wochenlohn betrug 10,50 Reichsmark (RM) bei freier Kost und Wohnung (1).

 

Hilfspolizisten – extra für diesen Zweck angeheuert

Die Lage des KZs Heuberg im Südwesten des Reiches (KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg, Ulm)

Im März 1933 gab das Württembergische Innenministerium den Auftrag, ein eigenständiges KZ für Männer auf dem Heuberg in Stetten am Kalten Markt (bei Sigmaringen) in einem ehemaligen Kinderheim einzurichten. In diesem so genannten frühen Lager wurden „Schutzhaftgefangene mit politisch-oppositionellem Hintergrund eingesperrt und zwar nicht über die Justiz, sondern ohne Gerichtsverfahren im Rahmen der Verhaftungswelle im März 1933“. Als Aufseher fungierten „Polizeiwachmannschaften und extra für diesen Zweck angeheuerte Hilfspolizisten“ (4/S.19f). Die Gruppe der Hilfspolizisten bestand zum größten Teil aus Mitgliedern der SA, der SS (Schutzstaffel) und Angehörigen des so genannten Stahlhelms (4/28).

In der Regel sollen die frühen SA- und SS-Aufseher keine Freiwilligen gewesen sein. Dennoch müssen viele ihren Auftrag begrüßt haben, „vor allem, wenn sie zu dem riesigen Heer der Arbeitslosen gehörten ... und nun Geld, Kost und Logis erhielten. Tatsächlich belohnten die NS-Behörden ganz bewusst erwerbslose Aktivisten mit Anstellungen in den frühen Lagern. Gleichzeitig betrachteten viele neue Wachen ihre schlecht bezahlten Stellungen als temporär, und fast alle wandten sich nach einigen ... Monaten anderen Beschäftigungen zu“ (5/52f). Mit Erich Sch. gehörten mindestens folgende Nürtinger „SA-Leute“ zur Heuberg-Wachmannschaft: Max H., Eugen F. aus der Holzstraße und Adolf A. aus Oberensingen. Von diesen sind keine Verfahrensakten auffindbar (6).

 

Einleben in die neue Rolle

„Am Anfang“, so schreibt der Autor Nikolaus Wachsmann in seinem Buch über die Geschichte der Nationalsozialistischen Konzentrationslager, „musste der einzelne SA- und SS-Mann seine Rolle noch finden, und einige schreckten vor praktischer Gewalt gegen wehrlose Gefangene zurück (5). - Nach dem Krieg sagte Erich Sch. in seiner Vernehmung vor der Nürtinger Spruchkammer aus, „seine eigene Anteilnahme habe sich in jeder Beziehung auf die Ausführung der ihm erteilten Befehle beschränkt“ (1/38). „In seiner Vernehmung behauptete er zwar, er habe nie Häftlinge misshandelt“. Dem gegenüber stehen Aussagen von ehemaligen KZ-Häftlingen, die bezeugen, dass sich Erich Sch. auf dem Heuberg „in der gemeinsten Art benommen“ haben soll (1).


In der Klageschrift wurden ihm folgende Gewalttaten zur Last gelegt:

  1. er habe „im Einvernehmen mit den ehemaligen Polizeiwachtmeistern Schö. und Schw. wiederholt Häftlinge auf der Bühne (Anm.: Dachboden) des Bau 19 (Anm.: Strafbau) verprügelt“.
  2. er habe „mitten in der Nacht mit einer 08-Pistole die Häftlinge aus den Betten“ getrieben. Dabei brüllte er: „Wo sind meine Moskauer Lumpen? Heraus aus den Fallen (Anm.: Betten)! Notdürftig bekleidet liess er die Häftlinge im Hof antreten und 10 – 20 mal abzählen“.
  3. „Ein neuer aus Nürtingern bestehender Transport Häftlinge wurde nach einem vorgefasstem Plan von Schö., Schw. und dem Betroffenen derart verprügelt, dass deren Hilferufe zu den anderen, während der grausamen Prozedur eingeschlossenen Häftlinge, drangen“ (1).

 

KZ Heuberg 1933 (Gemeinde Stetten am Kalten Markt / Archiv)

Hermann Berg, ein Nürtinger Kommunist und 1906 hier geboren, berichtete im Jahr 1946 in einer Spruchkammeraussage: „Während meiner Inhaftierung im KZ Heuberg im Frühjahr 1933 konnte ich einige mal feststellen, dass der SA-Wachmann Erich Sch. aus Nürtingen mit groben Worten die Inhaftierten anging. So rief er einmal im scharfen Ton zu einer Gruppe Inhaftierter: Euch Kerle spring ich mit beiden Beinen in den Magen. Es ist mir jedoch nicht bekannt, dass Sch. gegen die Häftlinge tätlich vorgegangen ist“ (1).

Kurt F., ein Oberensinger, der wegen unerlaubtem Waffenbesitz auf dem Heuberg einsaß, sagte 1946 aus: „Eines Tages wurde ich zum Brotfassen eingeteilt. Wir waren etwa 14 – 18 Mann. Als wir zur Wirtschaftsbaracke kamen, standen schon cirka 30 Mann aus dem Strafbau dort. Das Sprechen mit denselben war verboten. Trotzdem haben wir uns mit den Kameraden verständigt, bis der Wachhabende – ich erkannte in ihm den SA-Mann Erich Sch. aus Nürtingen – dazwischenfuhr. Ich kann mir die kleine schmächtige Gestalt mit der Riesenpistole im Gürtel noch gut vorstellen. Er bedachte uns mit allerlei ,Kosenamen‘ wie Schweine usw. Sein Palaver schloss er mit den Worten: ,Wenn noch einer spricht, hüpf ich ihm in den ,Magen’. Wir tauften ihn dann ... ,Magenhüpfer’.  Im Allgemeinen bestand ja die Tendenz, Gefangene und Wachmannschaft gleicher Ortschaften nicht zusammen zu lassen. Die Tatsache jedoch, dass Sch. im Strafbau Wachhabender war, dürfte genügen. Ich lag auf Bau 24, der etwa 200 – 300 m vom sogenannten Strafbau entfernt war. Trotzdem haben wir des Öfteren die Schreie der Geschlagenen und Misshandelten auf unserem Block gehört. Und wenn es einmal ganz krasse Formen annahm, durften wir uns nicht einmal in der Nähe der Fenster zeigen“ (1).

 

Viereinhalb Monate als Hilfspolizist tätig

In seinem Pfingsturlaub 1933 habe er sich darum "bemüht, möglichst bald vom Heuberg wieder wegzukommen", erklärte Erich Sch. in der Spruchkammeranhörung im Jahr 1946. Weiter führte er aus, dass dies „so schnell ... aber nicht gegangen (sei), er sei arbeitslos gewesen und habe die 1,50 Reichsmark (RM) pro Tag recht wohl gebrauchen können, die er sich als ,Lohn’ verdient habe“ (1).

Seine Tätigkeit als Hilfspolizist beendete Erich Sch. am 8. August 1933 (1), möglicherweise endete sein Dienst dort auch aufgrund Rückgangs der Gefangenenzahlen ab Juni 1933 (7/123). Etwa viereinhalb Monate war er auf dem Heuberg eingesetzt. Als ihm im Jahr 1935 der Mitgliedsbeitrag der NSDAP erhöht wurde, soll er – nach eigenen Aussagen - seinen Austritt aus der Partei „bewerkstelligt“ haben. Schon vor seinem Parteiaustritt habe er die SA verlassen – und das aus gesundheitlichen Gründen (1). Beweise, Bestätigungen für diese behaupteten Austritte, konnte er nach dem Krieg keine vorweisen.

Von 1938 bis 1945 arbeitete Erich Sch. als Vorarbeiter bei der Nürtinger Maschinenfabrik Th. Genkinger, war auch, bis zu seiner Abberufung durch die Kreisverwaltung, mehrere Monate in seinem Betrieb Obmann der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Sein Einkommen im Jahr 1943 betrug etwa 2.500 RM (1).

 

Verhandlung vor der Nürtinger Spruchkammer im Jahr 1946/47

In seiner Klageschrift unterstrich der Öffentliche Kläger Clemens Schubert, dass  Erich Sch. auf dem Heuberg „als der geeignete Mann als Wachhabender des Strafbaues eingesetzt war“, komme treffend in dem ihm von den Häftlingen beigelegten Spitznamen ,Magenhüpfer’ zum Ausdruck“ (1).

In seiner Spruchkammer-Vernehmung sagte Erich Sch. aus, er habe „nie Häftlinge misshandelt". Er sei auch nicht bei der Ankunft des Nürtinger Transports am 5. Mai 1933 anwesend gewesen. Zu diesem Zeitpunkt habe er sich in Ebingen aufgehalten. „Beim Verprügeln auf der Bühne des Baues 19“ handele es sich um eine Vermutung, die nicht bewiesen werden kann, erklärte er weiter. Zudem kenne er auch keinen Polizeiwachtmeister Schö.. Sein Anwalt unterstrich: „Es ist unwahr, dass der Betroffene Häftlinge mit der 08-Pistole aus den Betten getrieben habe. Richtig ist, dass die Hilfspolizisten Waffen trugen und dass im Nachtdienst sehr häufig Häftlinge zur Verrichtung ihrer Notdurft hinausbegleitet wurden. Er bestreitet nicht, dass bei dieser Gelegenheit die Häftlinge abgezählt worden sind, da der diensttuende Polizist für die Vollständigkeit des Lager verantwortlich war“ (1).

Die Spruchkammer unter Vorsitz von Amtsanwalt Ernst Planck (1907 – 2004), der selbst von Frühjahr bis Herbst 1933 im KZ Heuberg inhaftiert war, vertrat im April 1947 den Standpunkt, dass Erich Sch. aufgrund seiner Tätigkeit als Wachmann auf dem Heuberg in die Gruppe 1 als Hauptschuldiger einzureihen sei. Durch Zeugenaussagen konnte das nächtliche Durchzählen der Häftlinge auf dem Kasernenhof belegt werden. Zudem hatten  Zeugen ausgesagt, dass sich Erich Sch. nicht in Ebingen aufgehalten hatte, als der Nürtinger Transport am 5. Mai 1933 auf dem Heuberg ankam. „In Wirklichkeit“, so Planck, „hatte er sich auf dem Heuberg schon tagelang auf den Empfang der ,Holzfäller’ vorbereitet!“ (1).

 

"Baumfrevel" (Nürtinger Tagblatt vom 3. Mai 1933)

Mit dem Begriff "Holzfäller" wurden die verhafteten Nürtinger von den Wachmännern verspottet, weil sie in Verdacht standen, die frisch gepflanzte Hitlerlinde auf dem Nürtinger Schillerplatz, seitdem Hitlerplatz, herausgerissen und mit den Wurzeln nach oben wieder eingepflanzt zu haben (1). Dazu schreibt die Historikerin Petra Garski-Hoffmann im Heimatbuch „Nürtingen 1918 – 1950“, dass man in diesem Fall von einem nicht aufgeklärten Hintergrund sprechen muss. Die Ereignisse um diese Aktion habe man auch später nicht eindeutig nachweisen können.  (8/180).  

 

Als Aktivist eingestuft

Im April 1947 wurde Erich Sch. von der Nürtinger Spruchkammer in die Gruppe 2 als Belasteter, auch Aktivist oder Nutznießer, eingereiht und für die Dauer von 18 Monaten zur Sonderarbeit herangezogen. Zudem wurde „sein Vermögen ... in Höhe von 20 Prozent eingezogen“. Jemand, der von der Spruchkammer als Aktivist eingestuft wurde, war „dauernd unfähig, ein öffentliches Amt zu bekleiden“. Er verlor zum Beispiel seine Rechtsansprüche auf eine aus öffentlichen Mitteln zahlbare Rente, das Wahlrecht und das Recht ein Auto zu führen. Erklärend zum Spruch fügte der Vorsitzende Ernst Planck hinzu: „Er kann vom Hitler-System nicht viel mehr als Enttäuschungen erfahren haben. Solche Leute mit kleinlicher Rache zu verfolgen, ist nicht der Sinn des Gesetzes. Die Heranziehung zu Sonderarbeit aber entsprach dem Gebot der Gerechtigkeit gegenüber wesentlich weniger Belasteten. Die teilweise Vermögenseinziehung wird angesichts der durchaus nicht rosigen materiellen Lage des Betroffenen weitgehend auf dem Papier bleiben. Im Übrigen über die gesetzlichen Mindestfolgen hinauszugehen, bestand kein Anlass“ (1).

Als Hauptschuldigen (Gruppe 1) konnte die Spruchkammer Erich Sch. nicht ansehen, so Ernst Planck, „dazu fehlte ihm das ganze Format. Man kann nicht sagen, dass er sich ,Verbrechen gegen Opfer des Nationalsozialismus’ oder Grausamkeiten im Sinn des Artikel 5 zuschulden kommen hat lassen. ... Aber man kann ihm nicht abstreiten, dass er sich eben doch noch rechtzeitig von der eigentlichen Leuteschinderei zurückgezogen hat. Irgendwelche Gründe, den Betroffenen als Minderbelasteten anzuerkennen, haben sich nicht finden lassen. ... Im wesentlichen scheint er von seinen nationalsozialistischen Anschauungen abgekommen zu sein und erkannt zu haben, dass man die bestehenden Klassenunterschiede nicht mit guten Worten allein, auch nicht mit gutem Willen und zu allererst mit einer überheblichen Einstellung beseitigen kann“ (1).

Mit der Sonderarbeit tat sich Erich Sch. schwer. Im August teilte ihm das Arbeitsamt Esslingen mit, er könne die Sonderarbeit im gleichen Betrieb ableisten, in dem er aktuell tätig war. Das schien ihm nicht zu gefallen. Im September 1947 wurde festgestellt, dass er für die Tätigkeit bei der Bahnmeisterei Stuttgart ungeeignet sei, er wurde an die Firma B., an ein Baugeschäft, weitergeleitet. Diese Arbeit musste Sch. wegen körperlicher Schwächen, bei einem Körpergewicht von 48 Kilogramm, aufgeben. Daraufhin sollten zwei amtsärztliche Untersuchungen durchgeführt werden. Im Mai 1949 bekam er eine Stelle als Lagerarbeiter in seiner alten Firma (1).

 

Gnadengesuch von Ernst Planck

Ernst Planck um 1942 (Foto privat)

Zunächst für den Leser nicht nachvollziehbar scheint die Vorgehensweise des ehemaligen Spruchkammervorsitzenden Ernst Planck, der sich im April 1948 mit einem Gnadengesuch für den „Belasteten Erich Sch.“ an das Stuttgarter Ministerium für politische Befreiung wandte. In diesem Schreiben stellte er den Antrag, „den Betroffenen vom Aktivisten herabzustufen in die Gruppe der Minderbelasteten“ (Anm.: Gruppe 3). Dieser „ist kein Freund von mir, aber ein ganz bescheidener Arbeiter, ist ,zu stolz’ um selbst einen Antrag zu stellen. Der Mann ist viel zu unbedeutend, um heute noch Aktivist zu sein. ... Leute, deren Stellung eine hundertmal gewichtigere war als die des Betroffenen und die sich sehr viel niederträchtiger benommen haben als er, werden bedenkenlos unter die Minderbelasteten und Mitläufer gebracht. Diese haarsträubende Diskrepanz in der Rechtsprechung muss nicht nur beim Betroffenen jeden Glauben an die Gleichheit vor dem Gesetz ersticken“ (1).

Anlass dieses Gnadengesuchs von Ernst Planck war, neben der Entlastung für den von ihm ein Jahr zuvor als Aktivisten eingestuften ehemaligen Hilfspolizisten, ein zutiefst persönlicher. Dazu folgender Hintergrund: Als erster Vorsitzende der Nürtinger Spruchkammer (9/115) trat Ernst Planck im Februar 1948 „von diesem Amt zurück, nachdem er die Entnazifizierungspolitik der letzten Monate als völlig verfehlt angesehen hatte“ (9/118f). Unermüdlich und unerschütterlich hatte er „bei seiner richterlichen Tätigkeit bewiesen, dass bei der Entnazifizierung eben nicht die Kleinen gehängt und die Großen laufen gelassen würden“ (9). Er wollte Gerechtigkeit schaffen und scheiterte „letztendlich an einem großen Prozess gegen die Fabrikantenbrüder Hermann und Werner Heller, an denen die Entnazifizierung tatsächlich weitgehend spurlos vorüber zu gehen drohte“. Im Januar 1949 wurde Werner Heller in die Gruppe 4 als Mitläufer eingestuft (10).

Im Oktober 1948 teilte die Gnadenabteilung des Ministeriums für politische Befreiung mit, dass nur „der Vermögenseinzug in einen Festbetrag von einhundert Deutschen Mark (DM) umgewandelt und die Sonderarbeit auf 1 Jahr festgesetzt“ wird. Ende September 1949 hatte Erich Sch. den Sühnebetrag in Höhe von 100 DM in Raten abbezahlt. Die Einschufung als Aktivist in die Gruppe 2 blieb weiter bestehen (1). Erich Sch. starb im Sommer 1975 in Nürtingen (3).


Quellen:

  1. StAL EL 902/17 Bü 9362
  2. Tafel NS-Dokumentationszentrum, München, 2019
  3. StANT Juli 2018
  4. Markus Kienle, Gotteszell – das frühe Konzentrationslager für Frauen in Württemberg, Hrsgb. Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm e.V., Verlag Klemm & Oelschläger, Ulm, 2002, ISBN 3-932577-39-6
  5. N. Wachsmann, KL-Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Siedler-Verlag, München, 2015, ISBN 978-3-88680-827-4
  6. StAL EL 901/17 Bü 1, Nürtingen A-B, Blatt …
  7. Hrsg. Bautz, Brüggemann, Maier, Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern, Schmetterling Verlag, Stuttgart, 2018, ISBN 3-89657-156-7
  8. Hrsg. R. Tietzen, Nürtingen 1918 – 1950, Verlag Sindlinger-Burchartz, Nürtingen/ Frickenhausen, 2011, ISBN 978-3-928812-58-0
  9. S. Seischab, Land um Teck und Neuffen – zwischen Nazis und Kommunisten, Verlag Sindlinger-Burchartz, Nürtingen/Frickenhausen 2017, ISBN 978-3-92812-73-3
  10. Annette Planck, Erst war er Opfer, später Richter, Nürtinger Zeitung vom 23. 06. 2018

Alle Namen, die hier anonymisiert aufgeführt wurden, sind der Autorin bekannt.

 

Der Heuberg, ein rechtsfreier Raum hinterm Stacheldraht

Um ihre politischen Gegner schnellstmöglichst auszuschalten, demonstrierten die Nationalsozialisten ihre Macht unter anderem mit der Schaffung der frühen Schutzhaftlager. Diese Lager waren nicht für eine dauerhafte Internierung der Regime-Gegner gedacht, vielmehr sollten diese mit einer eher kurzen Haftzeit nachhaltig eingeschüchtert werden (1/S. 121).

Das KZ Heuberg 1933 (Gemeinde Stetten am Kalten Markt)

Das „geschlossene“ Lager Heuberg auf dem Gelände eines ehemaligen Truppenübungsplatzes, das sich über württembergisches, hohenzollerisches und badisches Gebiet erstreckte, unterstand zunächst dem Stuttgarter Polizeipräsidium. Ab dem 28. April 1933 führte Dr. Mattheiß im Innenministerium die neu eingerichtete Abteilung „Württembergische Politische Polizei". Polizeioberleutnant Müller von der Ulmer Schutzpolizei war für die Organisation des Wachdienstes zuständig. Erster Kommandant war der im Ruhestand lebende Gustav Reich, „der die Leitung aber schon nach wenigen Tagen an Major a. D. Max Kaufmann abgab.“ Unter seiner Leitung soll es „zu keinen schwerwiegenden Übergriffen gekommen sein". Als Mitte April 1933 das Kommando an Kaufmanns Stellvertreter, Polizeihauptmann Karl Gustav Buck, übertragen wurde, änderte sich dieses schlagartig (1/121f).


„Am 21. April trat die ,Dienst- und Vollzugsordnung für das Schutzhaftlager Heuberg“ in Kraft, in der unter anderem die Behandlung der Häftlinge geregelt war (1/122). Etwa 3.300 Inhaftierte durchliefen das Lager Heuberg. Interniert wurden politische Gefangene, die meisten von der KPD, aber auch Mitglieder der SPD und Angehörige anderer politischer Gruppierungen (2/28f). Unter ihnen befanden sich aus Nürtingen „dutzende von Parteimitgliedern der KPD und SPD“ (3/135).

 

Aussage eines ehemaligen Häftlings, der u.a. im KZ Heuberg inhaftiert war (Quelle: Gedenkstätte des ehemaligen KZs Oberer Kuhberg, Ulm, 2018)

Notdürftige Einarbeitung vor Ort

Polizeioberleutnant Müller war zuständig für fünfzig Wachtmeister „und rund 500 im ganzen Land als Hilfspolizisten rekrutierten SA-Männern, die von den Wachtmeistern meist erst auf dem Gelände notdürftig auf ihren Dienst vorbereitet wurden. Häftlinge und Polizisten stammten aus „ganz Württemberg, ... eine ganze Reihe von ihnen kannten sich von früher. Waren alte Rechnungen offen, konnte eine solche Konstellation die Situation der Häftlinge erheblich verschlechtern“ (1/123).

Der Lageralltag bestand aus „Schikanen und Misshandlungen. ... Schon mit der Empfangszeremonie sollte den Häftlingen demonstriert werden, was Regimegegner zu erwarten hatten. Sie bestand zum Beispiel aus Spießrutenlaufen, im von Schlägen begleiteten Stehen an der Wand, ... Haare schneiden“ in Hockstellung. In den Blocks 19 und 23, wohin Buck die „rohesten und sadistischsten Wachleute“ schickte, „quälte man die Häftlinge systematisch und ohne Ausnahme. ... Sie wurden mit Knüppeln und Stahlruten geschlagen oder bis zur Erschöpfung die Treppen herauf- und heruntergejagt. ... Eine psychische Folter waren die Scheinexekutionen. Manchmal stürmten mehrere Wachleute eine Stube und befahlen den Männern sich zur Erschießung aufzustellen ...“ (1/125).

Nur wenig ist „über die Mehrheit der Hilfspolizisten“ bekannt. Viele waren nur einige Wochen im Konzentrationslager auf dem Heuberg tätig. Als im Juni 1933 die Zahl der Inhaftierten sank, sank auch die Zahl der Bewacher (1/123). „Die meisten Inhaftierten kamen nach Wochen und Monaten wieder frei, für einige andere, wie zum Beispiel die Nürtinger Karl Gerber, Gustav Diem, Werner Groß und Eugen Maier, war der Heuberg die erste Station auf dem Weg durch die Hölle der Konzentrationslager“ (3/135). Zum 1. Januar 1934 wurde der Heuberg geräumt. Die letzten 264 württembergischen Heuberg-Häftlinge kamen „in die badischen Schutzhaftlager Ankenbruck und Kislau“ (1/127).


Quellen:

  1. Hrsg. Bautz, Brüggemann, Maier, Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern, Schmetterling Verlag, Stuttgart, 2018, ISBN 3-89657-156-7
  2. Markus Kienle, Gotteszell – das frühe Konzentrationslager für Frauen in Württemberg, Hrsgb. Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm e.V., Verlag Klemm & Oelschläger, Ulm, 2002, ISBN 3-932577-39-6
  3. Hrgb. SPD-Ortsverein, Das andere Nürtingen, Arbeitskreis Geschichte der Nürtinger Arbeiterbewegung, 1989