Kindheitserfahrungen

von Peter Reinhardt

Peter Reinhardt (Jahrgang 1951), ein Sohn von Anton Reinhardt, der in Nürtingen in einem Zwangsarbeitslager gewesen war, schildert im Jahr 2013 folgende Kindheitserfahrungen aus einem Stadtteil Stuttgarts:

 

"Ich habe selbst den Rassismus auf kläglichste Weise erfahren! 

Dabei bin ich als 'Schwob' (= Schwabe) aufgewachsen, ich habe keinen echteren 'Schwob' gekannt wie meinen Vater. Wir waren 'Schwoba', die rein zufällig noch zwei Sprachen gesprochen haben. Mein Vater war ein konservativer alter Stuttgarter 'Schwob', der war dermaßen 'schräg', aber er war auch ein absolut 1000prozentiger" Sinto.* "Er war erzkonservativ, hat CDU gewählt, ich habe mich oft deswegen gestritten mit ihm. Wir waren Teil der deutschen Gesellschaft. Natürlich hatten wir Probleme durch das Verhalten der deutschen Gesellschaft uns gegenüber und der Gedanke, ebenfalls ein Deutscher zu sein, fiel mir eigentlich schwer oder erschien mir als Absurdum, denn kaum jemand vermittelte uns dieses Gefühl der Dazugehörigkeit.

Es gab wenige Ausnahmen. Bei meiner Mutter war immer wieder 'eine Deutsche'** zu Besuch, sie haben Kaffee getrunken. Auf meine Frage, was sie denn mit ihr wolle, hat sie geantwortet: Das ist meine Freundin! Das ist meine Freundin, und sie weiß das!"

In der Grundschule war ich immer 'das Zigeunerle". Ich war ja dunkel 'wie ein Neger'. Es gab durchaus die eine oder andere Situation, wo ich auch gerne hellhäutig und blauäugig gewesen wäre, vor allem als Jugendlicher.

 

Bedrückendes in der Schule:

 

Das Hauptproblem war der Lehrer, in der 6. und 7. Klasse.

 

"Wenn ich morgens reing'laufe bin in die Schule, dann fragte ich mich, holt er mich heut' wieder? Denn es verging kaum eine Woche, dass mein Lehrer nicht zu mir sagte: 'Peter, komm her! Stell Dich ra, gegen mich. Ruhe! Setzen! Peter, mach dei Gosch uff! Da, gucket dem seine Zäh' an! Das sind Zähne! Der hat noch nie a Zahnbürste gesehen! Das ist ein Naturvolk! Das ist a primitives Volk, das ist gutes Erbmaterial. Der muss seine Zäh' net putzen, aber ihr!'

Beim Weglaufen hat er meistens mein Ohr vorgezogen und geguckt: 'Na ja, g'wäscha hascht di ja!"

 

"Als wir das Dritte Reich durchgenommen haben, die Konzentrationslager, meldete ich mich und sagte, dass meine Leut' auch im KZ waren.

 

Der Lehrer antwortete: 'Halt dei Gosch, des interessiert hier net!'"

Befreiendes in den Sommerferien trotz "kläglichster Armut":

 

"Wenn wir Sommerferien hatten, dann sind wir auf die Reise gegangen. Trotz kläglichster Armut!

 

So hatte mein Vater einmal nur für 20 Mark Sprit, das hat gerade bis Seeburg bei Urach gelangt.

Meine Mutter ist hausieren gegangen, bei den Landwirten. In ihrer Tasche hatte sie immer Knöpf, immer sechs auf Karton aufgenäht, Schuhbändel, Gummibänder. Die Leut' haben damals ja alles selbst repariert. Die Landbevölkerung, die Bauern waren zu dieser Zeit recht arm und sie besaßen kaum Geld, überdies kamen sie kaum in die nächste Stadt, um das eine oder andere zu kaufen, also waren sie teils froh über das Erscheinen meiner Mutter, zumal sie mit Naturalien bezahlen konnten. Oder sie ist in Gaststuben gegangen, in Metzgereien. Da hat sie Tischdecken und aufgerollte Spitzen angeboten, für die Aussteuer.

Das war das Geld für das Essen, während wir auf der Reise waren. Doch meistens gab es dafür Naturalien.

 

Wir sind auch durch den Schwarzwald getuckert. Die heutigen Bundesstraßen waren damals Schotterwege. Wenn da mehrere Familien gemeinsam gereist sind und wir viele Kinder waren, dann fühlte man sich nicht mehr anders! Das Gemeinschaftsgefühl ließ einen stark werden.

Meine Haare waren ja rabenschwarz, und im Juni hab' ich Farb' angenommen 'wie ein Neger'."

Die Mitschüler

 

In der 5. und 6. Klasse wurde Peter Reinhardt auch von Mitschülern körperlich schikaniert. Doch dann setzte er sich zur Wehr, schlug zurück. Danach war da Ruhe, nur noch die üblichen Händeleien und Rangeleien fanden statt..

Peter Reinhardt berichtet 2013: "Meine 32 Mitschüler waren keine schlechten Menschen. Sie waren Opfer von ihrem Zuhause...

Aus der Keltersiedlung, die auch "Zigeunerinsel" genannt wurde, kamen auch drei Mitschüler von mir, die ebenfalls dort wohnten, aber keine Sinti waren. Die Keltersiedlung war eine Arbeitersiedlung, heute würde man 'sozialer Brennpunkt' dazu sagen. Die meisten der Arbeiter, die dort wohnten, waren brillante Menschen, gute Menschen! Diese Drei gingen mit mir in die Schule, aber zu deren Geburtstagen durfte ich nicht kommen. Deren Wohnungen durfte ich nicht betreten. Das war eine unausgesprochene Wahrheit. Vielleicht geht das auch heute ausländischen Kindern so. Ausgrenzung ist nichts Schönes für Kinder. Man fühlt sich nie dort angekommen, immer wie ein Mensch zweiter Klasse. Man wird dann dazu gezwungen, dass man sich kulturell nur in einem Raum bewegen kann unter sich. Da erfahren Sie sich nur in dieser Gemeinschaft, da lässt die Seele los! In der anderen Gesellschaft macht man gute Miene zum bösen Spiel. Die Seele schweigt!

Aber jeder kommt doch mit dem gleichen Funken in sich auf die Welt,... und dieser Funken ist die Liebe! Jeder Mensch ist doch gleich. Dass man sich Menschen zweiter Klasse denkt, dass man sich Untermenschen denkt, auch und besonders Akademiker, die doch viel Wissen haben sollten, das ist doch krank! Das Menschsein geht verloren. Es zählen materielle Dinge, der Status, das ist anscheinend alles, was zählt. Doch das Wichtigste ist, in dieser Welt in Achtung und Würde zu bestehen, 24 Stunden am Tag!"

 

Doch seine Mitschüler haben sich auch für ihren Mitschüler Peter eingesetzt:

 

"In der 6. und 7. Klasse haben sie mich immer als Klassensprecher gewählt. In der 8. Klasse kam ein neuer Lehrer. Da wurde ich wieder als Klassensprecher gewählt, doch er hat die Wahl annulliert. Ich dachte, ich erkenne die Welt nicht mehr. Das war ein Fiasko! Da sind wir zum Rektor gegangen. Der Lehrer rechtfertigte sich mit Strukturen, die sich festgefahren haben, die aufgelöst werden müssen. Er sagte: 'Ich unterstelle hier, dass der Peter hier Einfluss nimmt." Der Rektor fragte die Mitschüler: 'Schlägt der Euch auf d' Gosch nuff, wenn ihr ihn nicht wählt?' Doch das stimmte nicht, in der Schule den Klassenkameraden gegenüber war ich net gewalttätig. Draußen auf dem Weg zur Schule und zurück musste ich mich oft wehren, wenn ich an bestimmten Wohnblocks vorbei bin, aber das waren andere. Die Leute wiederum, die bei uns in der Nähe wohnten, das waren Arbeiter. Gute Menschen!

Jedenfalls sagten meine Mitschüler dem Rektor, dass das nicht stimme, dass ich sie nicht schlage, ihnen nicht drohe, und auch keinen Einfluss nehme: 'Wir wollen den Peter halt wieder als Klassensprecher!'

Da sagte der Rektor zum neuen Lehrer: 'Herr P., kommen Sie Ihren Lehrerpflichten nach! Wenn die Schüler unbedingt den Peter wählen wollen, dann müssen Sie sich damit arrangieren!'"

Ärzte

 

"Wenn bei uns jemand ernsthaft krank war, dann waren es zwei Ärzte, die bereit waren, zu uns zu kommen. Meine Mutter sagte jedes Mal zu Beginn: 'Aber Herr Doktor, mit dem Bezahlen...'  Da unterbrach der Doktor sie und sagte jedes Mal: 'Das Geld hole ich von denen da oben, von den Reichen. Das geht schon klar.' Einer der Ärzte ärgerte sich, wenn wir Kinder nach dem 'Herr' nur seinen Nachnamen sagten: 'Das heißt: Herr Doktor!' Na gut, wenn er das unbedingt brauchte, wenn er so borniert war, dann konnte man ihm diesen Gefallen ja tun. Aber jedes Mal, wenn er meinen Vater sah, dann sagte er: 'Aber Herr Reinhardt, gell, net so viel trinken!'

 

Aber mein Vater hat nie einen Tropfen Alkohol angerührt!"

 

 

Jugenderfahrungen an Grenzen

 

"In die Schweiz wurde mir die Einreise verboten, Sinti hatten anscheinend Einreiseverbot. Wir waren eine Jugendgruppe aus Stuttgart, 24 Leute, ein Bus voll. Wir hatten in der Schweiz ein Ferienhaus angemietet. Da hieß es an der Grenze, der Bus bleibt stehen, der Bus könne nicht weiterfahren wegen mir. Das war ein Fiasko! Das war in Stein am Rhein, am Grenzübergang. Jeder hat seinen Personalausweis zeigen müssen. Der Zöllner sagte: 'Peter Reinhardt, steigen Sie aus, Sie dürfen die Schweiz nicht betreten.' Die Sozialpädagogen vom Stuttgarter Jugendhaus e.V. waren total durch den Wind. Einer sagte: 'Das glaube ich nicht, was ich hier erlebe! Wir schreiben das Jahr 1969!'. Der Grenzer sagte: 'Er weiß warum' und zu mir: 'Sie wissen doch ganz genau, dass Reinhardt, dass Ihre Volksgruppe, das Land nicht betreten darf.' Ich sagte: 'Das weiß ich net!' 'Ja, dann wissen Sie es jetzt!', sagte der Grenzer. Doch die Sozialpädagogen des Jugendhauses sagten: 'Das kann nicht angehen!', das Jugendhaus war damals eher links. Nach zweieinhalb Stunden kam ein Zivilist daher, vielleicht ein Oberer der Zollbehörde, und sagte: 'Das geht in Ordnung, Sie dürfen einreisen!' Ich war damals 18 Jahre alt.

 

An einem Grenzübergang von Österreich nach Deutschland haben sie mich einmal, ja haben sie die ganze Jugendgruppe ins Gefängnis der Grenzstation getan. Ich habe gehört wie ein Grenzer zum anderen gesagt hat: 'Der kommt von der 'Zigeunerinsel' in Stuttgart, ich weiß das, meine Frau kommt aus dieser Siedlung!' - Nach dem Wachwechsel kam ein anderer: 'Was macht Ihr denn da in den Zellen?' Wir sagten ihm das und er telefonierte und er ließ uns sofort raus und gehen!"

 

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*) Im Original sagte Peter Reinhardt "100prozentiger 'Zigeuner'."

**) Mit "eine Deutsche" ist "eine Gadschi" gemeint, siehe bei den Begriffserklärungen hier.

Aufgezeichnet und zusammengestellt von M. Werner aufgrund von Gesprächen von Peter Reinhardt, Stuttgart, mit Manuel Werner, Nürtingen, vom 4. Dezember 2008, 21. Februar 2013, 16. März 2013 und 6. Mai 2013, überarbeitet und autorisiert von Peter Reinhardt am 07.06.2013, kleine Änderungen nach einem Gespräch am 23. Oktober 2013, Stand: 23. Oktober.2013, alle Rechte vorbehalten!

Zu diesen Kindheitserfahrungen von Peter Reinhardt gibt auf unserer Website erschließende Fragen für Unterricht oder Jugendarbeit:

 

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