„Nun bin auch ich geholt worden“

Paula Planck, Pazifistin, Sozialistin, erste Frau im Nürtinger Gemeinderat 

Paula Mohr wurde 1879 in Stuttgart geboren. Nach Schulzeit und Berufstätigkeit heiratete sie 1906 den Bezirksnotar Hermann Planck. 1907 kam Sohn Ernst, 1909 Sohn Otto zur Welt. Bereits 1913 verstarb ihr Ehemann, und Paula Planck zog mit den Kindern nach Nürtingen.

Ihr verstorbener Mann war Pazifist und stand dem Sozialismus nahe. Diese Haltung entsprach auch Paula Plancks Wesen und prägte das Gedankengut der alleinerziehenden Mutter. Durch Leiden und Tod ihres Mannes tief betroffen, erlebte sie die Nöte des ersten Weltkriegs. Sie schrieb: „Der Ausspruch einer Mutter nach Ausbruch des Krieges hat mir damals das Herz zerrissen: ´Es musste einen Krieg geben, es hatte zu viel Menschen, was wollte man denn seine Söhne werden lassen…´“

Wenn es etwas durchzukämpfen gab, stand sie hin.

Paula Planck übernahm den Vorsitz der Nürtinger Gruppe der Deutschen Friedensgesellschaft. Sie trat in die SPD ein. Von 1919 bis 1925 war sie die erste Frau im Nürtinger Gemeinderat. Ihr besonderes Engagement galt der Armenfürsorge und dem Schulwesen. Sie schrieb für verschiedene Zeitungen, auch für das Nürtinger Tagblatt. 1928 war sie Gründungsmitglied des Nürtinger Hausfrauenvereins.

Sie war unvoreingenommen, konnte aber höchst angriffslustig und sarkastisch werden, wo sie Ungerechtigkeit, Scheinheiligkeit und Egoismus am Werk sah. Bedingungslos stellte sie sich dann auf die Seite der Benachteiligten. Als „sozialste Frau, die ich kenne“ beschrieb sie eine Nürtingerin, um die sie sich in Krankheit und Not während des 2. Weltkriegs gekümmert hatte.

Schwere Zeiten brachen mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft für sie an. Ihr Sohn Otto hatte sich im November 1932 das Leben genommen. Im März 1933 kam ihr Sohn Ernst, Mitglied der KPD, in „Schutzhaft“ ins Konzentrationslager Heuberg. Wenig später wurde Paula Planck ebenfalls abgeholt und am 11. April in das Frauenkonzentrationslager Gotteszell bei Schwäbisch Gmünd gebracht. Von dort schrieb sie an ihren Sohn:

„Lieber Ernst! Nun bin auch ich geholt worden u. hier in Gotteszell. Du sollst Dich aber nicht aufregen deshalb – solange Du nicht zu Hause bist wird es ja leichter für mich zu ertragen, dass auch ich fern sein muß. Es geht mir hier erträglich. Auch ich bin nicht in Einzelhaft, dadurch geht die Zeit eher vorbei.  …“

Warum wurde Paula Planck eingesperrt? Weil sie Sozialistin war? Oder weil sie für Frieden und Verständigung eintrat und ihre für andere oft recht unbequeme Meinung mutig und unerschrocken verfocht? Weil ihr Sohn Ernst Kommunist war?

Am 10. Juni 1933 durfte sie wieder nach Nürtingen zurückkehren, stand aber unter Beobachtung. Nun war sie vorsichtiger. Dennoch wäre sie aufgrund einer unbedachten Äußerung zu einer Mitmieterin 1939 fast wieder verhaftet worden. An ihren Sohn Ernst, der noch bis November 1933 inhaftiert blieb, schrieb sie: „Manche Leute sind ja anhänglich und freundlich, aber viele haben eine Mordsangst und grüßen ganz scheu. Und denen will man alle Seelenqual ersparen.“

Nach Kriegsende 1945 half Paula Planck beim Wiederaufbau. Anfang 1946 wurde sie, 67-jährig, erneut in den Gemeinderat gewählt und in den Ortsausschuss für Flüchtlingsangelegenheiten berufen. Sie arbeitete im Fürsorgeausschuss und im Ortsschulrat mit und gab den Anstoß zum Aufbau einer Leihbücherei. Krankheitsbedingt beendete sie ihre Tätigkeit im Gemeinderat 1951.

Am 25.08.1953 starb Paula Planck mit 74 Jahren in Nürtingen.

 

Annette Planck und Raya Fraenkel