Pädagogische Tipps zu "In Nürtingen geboren – in Auschwitz ermordet: Anton Köhler"

von Manuel Werner, Nürtingen

Sieben der Geschwister Köhler in der St. Josefspflege in Mulfingen, vorne rechts Anton Köhler. Nur Waltraud, hinten Mitte, und Josef, nicht auf dem Bild, überlebten, Foto: J. Nägele, Bildrechte: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Was Fotos verraten

Rechts vorne siehst Du Anton Köhler. Wie seine Geschwister seinen Eltern entrissen, wurde er hier im Heim St. Josefspflege anlässlich der Schulentlassung seiner ältesten Schwester Waltraud (hinten, Mitte) von seiner Lehrerin Johanna Nägele fotografiert, Danach wird Waltraud das Heim verlassen und bei einer Bauernfamilie arbeiten. Anton Köhler steht vorne rechts.

  • Betrachte, wie Anton Köhler dasteht. Wie kann man diese Körperhaltung beschreiben? Woran erinnert sie? 
  • Waltraud Köhlers rechte Hand ist zu sehen. Was macht sie mit ihr?
  • Wie mögen die kleinen Waisenkinder sich in dem Wissen fühlen, dass ihre ältere Schwester sie nun verlässt, nachdem sie zuvor ihre Eltern verloren hatten?
  • Was für eine Beziehung scheinen die Waisenkinder zur Fotografin zu haben?
  • Zur genaueren Betrachtung kannst Du das Foto wie auch die weiteren Fotos unten durch Anklicken vergrößern!

Eine Schwester des Heims St. Josefspflege mit Mädchen des Heimes, links Angela W. geborene Reinhardt

Das Foto links zeigt Mädchen der St. Josefspflege und eine Schwester des Heimes,

  • Beschreibe den Gesichtsausdruck der Mädchen?
  • Wie alt mögen sie sein?
  • Schaue Dir die Füße der beiden Mädchen links vorne an. Das Foto kannst Du durch Anklicken vergrößern. Vergleiche sie mit denen der Mädchen, die rechts von ihnen stehen. Was kann man daran ablesen?
  • Wie mag die Schwester den Kindern vorgekommen sein? 
  • Welche Beziehung hatte sie zu den Kindern? 

Angela Reinhardt, das Mädchen ganz links, hatte sich mit ihrem einarmigen Vater und ihrer Pflegemutter und "Herzensmama" in den Jahren 1939/1940 lange Zeit in den Wäldern der Alb um Burladingen versteckt, sogar im Winter bei klirrender Kälte.

Weshalb wohl haben sie dies auf sich genommen?

Nenne einige Eigenschaftswörter, die die Körperhaltung und den Gesichtsausdruck von Angela Reinhardt, dem Mädchen ganz links, hier im Heim beschreiben.

Die "Rassenforscher", "Rassenhygieniker" und "Kriminalbiologen"

Dr. Ritter und Dr. Justin bezeichneten sich als "Rassenhygieniker",

  • Was bedeutet das Wort Hygiene?
  • Was mögen diese Wissenschaftler unter "Rassenhygiene" verstanden haben?
  • Was mägen sie unter "Kriminalbiologie" verstanden haben?

Dr. Robert Ritter und ein Polizist, Ausschnitt, Bundesarchiv, R 165 Bild-244-71 / CC-BY-SA

Auch die Fotos, die die "Rassenhygieniker" und "Kriminalbiologen" machten, verraten einiges:

Rechts siehst Du Dr. Robert Ritter, links einen Polizisten der Ordungspolizei.

  • Was macht Dr. Ritter gerade?
  • Was hält der Polizist in der rechten Hand?

 

Zu dem Ritter und der Justin, zu den Rassenforschern, da mußten wir alle hin… Sie haben uns alles vermessen…Da war eine alte Frau, die war schon über 70 Jahre alt, die haben sie auch befragt. Die Rassenforscher waren aber mit ihrer Antwort nicht zufrieden…  Da haben sie sie mit eiskaltem Wasser übergossen, immer wieder. Die Frau blieb fest… Das war auf dem Polizeipräsidium…“.

 Weshalb haben Dr, Ritter und Eva Justin und die Polizisten die alte Frau immer wieder mit eiskaltem Wasser übergossen?

  • Was wollten sie wohl von ihr wissen?
  • Was bedeutet; "Die Frau blieb fest..."
  • Weshalb hatten die Rassenforscher Ritter und Justin die Sinti zum Vermessen und Befragen auf das Polizeipräsidium bestellt?
  • Was mögen die Nachbarn und Fußgänger gedacht haben, als sie die Sinti hierzu ins Polizeipräsidium haben gehen sehen?

Foto: Bundesarchiv, R 165 Bild-244-71 / CC-BY-SA, Wikimedia Commons-Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany.

Hier siehst Du das Foto in ganzer Größe. Vielleicht erkennst Du jetzt den Gegenstand besser, den der Polizist in der Hand hält.

  • Weshalb hat Dr. Ritter hier (mindestens) einen Polizisten dabei?
  • Was mag in seinen Unterlagen stehen?
  • Was will er wohl von der Frau?
  • Wer hat dieses Foto wohl aufgenommen? Wo ist dieses Foto wohl aufgenommen?
  • Was für eine Beziehung hat der Fotograf zu der Frau? Was für eine zu den beiden Männern?
  • Was für eine Beziehung haben die beiden Männer und der Fotograf zu der Frau? Weshalb hat der Polizist diesen Gegenstand in der rechten Hand?
  • Beschreibe und vergleiche die Kleidung, die diese drei Personen anhaben! Vergeliche auch ihre Körperhaltung!
  • Vergleiche die Frau, die hier als "typische Romni" beziehungsweise "typische Sintiza" ausgesucht wurde, mit den Fotografien, die in dieser Website als "Beispiele" für Sinti und Roma ausgesucht wurden (z.B. hier und hier). Welche Unterschiede fallen Dir auf? Wie will der Fotograf des obigen Fotos die Sinti und Roma zeigen und wie will diese Website auf den beiden verlinkten Seiten Sinti zeigen? Was mögen die Motive hierfür sein? Was für ein Foto würdest Du von Dir auswählen, wenn Du Dich auf einer Website präsentieren wolltest?
  • Was hat der Fotograf mit diesem Foto zeigen wollen, das zwischen 1936 und 1940 gemacht wurde? Wie will er die Männer, wie die Frau darstellen?
  • Was sagt uns dieses Foto heute?

Foto: Bundesarchiv, R 165 Bild-244-64 / CC-BY-SA, Wikimedia Commons-Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany

Dieses Foto wurde im Jahr 1936 von der "Rassenhygienischen und Kriminalbiologischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes" gemacht.

  • Was untersucht und klassifiziert die Frau im weißen Kittel?  
  • Wen untersucht sie? Weshalb? - Will sie der Frau helfen, wie ansonsten für eine Krankenschwester im weißen Kittel üblich?
  • Welche Gegenstände liegen auf dem Tisch? Wofür sind sie? Auf den Fotos unten (links und rechts) siehst Du diese Gegenstände in Gebrauch.

Dieses Foto wurde im Jahr 1936 von der "Rassenhygienischen und Kriminalbiologischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes" gemacht.

  • Was untersucht und klassifiziert die Frau im weißen Kittel?  
  • Wen untersucht sie? Weshalb? - Will sie der Frau helfen, wie ansonsten für eine Krankenschwester im weißen Kittel üblich?
  • Welche Gegenstände liegen auf dem Tisch? Wofür sind sie? Auf den Fotos unten (links und rechts) siehst Du diese Gegenstände in Gebrauch.

Das Foto links wurde 1938 von der Kripo Stuttgart gemacht.

  • Was bedeutet die Abkürzung "Kripo"?
  • Was macht die Frau (Eva Justin?) hier mit dem jungen Sinto? Weshalb tut sie das?
  • Warum tut sie das bei der Kripo Stuttgart?

 

Das Foto in der Mitte zeigt Eva Justin um 1936 bis 1940.

  • Was macht sie da?
  • Wo hast Du die Frau, die links von ihr sitzt, schon einmal gesehen?
  • Wie stellt Eva Justin sich auf diesem Foto dar? Welchen Eindruck vermittelt Eva Justin auf diesem Foto (Kleidung, Frisur, Körperhaltung)?Welchen Eindruck vermitteln die anderen Menschen?
  • Vergleiche den Jungen mit Anton Köhler und den Sinti-Mädchen auf dem Foto mit der Schwester der St. Josefspflege. Weshalb hat der Fotograf wohl diesen Jungen und wieder die Frau links als Beispiele für Sinti zu Eva Justin positioniert?
  • Wer hat wohl dieses Foto aus welchen Gründen gemacht?
  • Wer war bei dieser Aufnahme noch dabei, aber ist hier nicht auf dem Foto zu sehen (vergleiche mit dem Foto oben, das Dr. Robert Ritter zeigt)?

 

Das Foto rechts zeigt Eva Justin und eine Sintiza im Jahr 1938. 

  • Weshalb vermisst (untersucht) Eva Justin die Frau? Was hat sie davon?
  • Weshalb lässt die Frau sich untersuchen? Was hat sie davon?

Dr. Robert Ritter im Jahr 1936 mit Kindern im Lager Neumünster, Bundesarchiv, Bild 146-1987-108-62 / CC-BY-SA, Wikimedia, Creative Commons-Lizenz: Attribution-Share Alike 3.0 Germany.

Die Bonbon-Verteiler

Bonbons und Schokolade waren 1943 und 1944 fast nicht erhältlich. Das Essen war zu dieser Zeit schon im Heim knapp. Viele Sinti-Kinder in Auschwitz kamen bereits durch Verhungern ums Leben.

  • Weshalb verteilten Eva Justin und Dr. Mengele Bonbons auch in den Jahren 1943 und 1944 an die Sinti-Kinder?
  • Was machten sie danach mit ihnen?
  • Romanes zu sprechen war den Sinti-Kindern im Heim von den Schwesern verboten gewesen, die sagten: "Wir sind hier doch nicht in Zigonesien!" Weshalb sprach Eva Justin die Kinder auf Romanes an? Wie nennt "Rutla" dies?

Die Motive der Mörder?

"Wir hören die kurzen Befehle der SS, das Kreischen der Kinder. Ich erkenne die einzelnen Stimmen. Die älteren wehren sich hörbar, rufen um Hilfe, brüllen Verrat, Schufte, Mörder! Ein paar Minuten nur und die Autos fuhren davon, das Geschrei verhallt in der Nacht. Nach einer knappen halben Stunde kehren die Wagen zurück.. "

  • Weshalb wurden Anton Köhler und seine Geschwister und die anderen Sinti-Kinder in Auschwitz ermordet?
  • Weshalb wurde Amalie Schaich geborene Reinhardt nicht in Auschwitz vergast, sondern von dort in das KZ Ravensbrück gebracht?

Dr. Josef Mengele und Auschwitz

Quelle und Bildrechte: Sammlung des Archivs des Staatsmuseums Auschwitz-Birkenau, O?wi?cim, alle Rechte vorbehalten!

  • Was kann man an diesem Zettel alles ablesen, was "sagt" er uns? (Wer? Wann? Wo? Was? Warum?,...)

 

Zusatzinformationen:

"l.Lagerarzt" heißt so viel wie "Leitender Lagerarzt"

Die Unterschrift des leitenden Lagerarztes des Konzentrationslagers Auschwitz II und SS-Hauptsturmführers ist vielleicht schlecht lesbar. Sie lautet: "J. Mengele".

  • Erkläre und recheriere vorher, was "K.L. Auschwitz II" bedeutet!
  • Was sind "histologische Schnitte"? Recherchiere!
  • Wie kam Dr. Mengele wohl zu einem Kopf eines 12jährigen Kindes?
  • Woraus kann man entnehmen, dass es sich um ein Sinti-Kind handelt?
  • Was war die "Waffen-SS"?
  • Worum handelte es sich bei dem "Zigeunerlager"?
  • Recherchiere, um wen es sich bei Dr. Josef Mengele handelt. Schreibe ein Kurzreferat dazu (ungefähr 7 Zeilen)! Es sollte im Besonderen beinhalten: Was waren seine Funktionen in Auschwitz und in Auschwitz-Birkenau? Womit beschäftigte er sich im Konzentrationslager Auschwitz und im Vernichtungslager Birkenau zusätzlich? Was geschah mit ihm, nachdem Auschwitz befreit wurde, wie sah sein weiteres Leben aus?
  • In der Bildunterschrift und Quellenangabe des Dokuments steht das Wort "Oświęcim". Was bedeutet es?
  • Weshalb hatte dieser Ort 1940 bis 1944 offiziell auschließlich einen deutschen Namen und heute einen polnischen?
  • Wie war das Zusammenleben von deutschmuttersprachlichen und polnischmuttersprachlichen Einwohnern dieses Ortes von Ende des 13. Jahrhunderts bis 1939? Wie danach?
  • Eine Nürtingerin nahm an einer Reise durch Polen mit der Volkshochschule teil. Als die Reisegesellschaft in Auschwitz programmgemäß das Stammlager und die Gedenkstätte besuchen wollte, sagte sie, sie gehe da nicht mit, da würde "man ja sowieso nur angelogen". Die Mitreisenden sagten nichts dazu. - Was wäre eine Antwort, die Du ihr nach einigem Nachdenken geben würdest?

Gendenkstein in Auschwitz-Birkenau, Foto: Michaela Saliari-Abdelatif, alle Rechte vorbehalten!

Kein Grab

  • Weshalb hat Waltraud Köhler kein Grab ihrer kleineren Geschwister besuchen können?
  • Was steht auf dem Gedenkstein? In welcher Sprache?

Hierzu empfohlene Medien (z.B. für Schule, Jugendarbeit,…):

  • Film: Michail Krausnick/Romani Rose: Auf Wiedersehen im Himmel! Die Sinti-Kinder von der St. Josefspflege, 40 Minuten
  • Buch: Michail Krausnick: Auf Wiedersehen im Himmel. Die Geschichte der Angela Reinhardt. Würzburg (Arena) 2005.

Diese Unterrichtstipps sind verbesserungsfähig, auch methodisch. Vorschläge werden gerne entgegen genommen!

  • add Bildquellen

    Die Fotos aus dem Bundesarchiv auf dieser Unterseite:

    • Dr. Robert Ritter mit Aktenmappe, ein Polizist und eine Romni, Bundesarchiv, R 165 Bild-244-71 / CC-BY-SA, Wikimedia Commons-Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany.
    • Foto: Klassifizierung der Augenfarbe, Bundesarchiv, R 165 Bild-244-64 / CC-BY-SA, Wikimedia Commons-Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany.
    • Foto: Kripo Stuttgart IV 1938: Eva Justin [?] bei Schädelmessung am Kopf eines jungen Sinto, Bundesarchiv, Bild 146-1989-110-33 / CC-BY-SA, Wikimedia, Creative Commons-Lizenz: Attribution-Share Alike 3.0 Germany.
    • Eva Justin, 1936, Bundesarchiv, R 165 Bild-244-72 / CC-BY-SA, Wikimedia, Creative Commons-Lizenz: Attribution-Share Alike 3.0 Germany.
    • Foto: Eva Justin bei Schädelmessung in Stein in der Pfalz, 1938, Bundesarchiv, Bild 146-1986-044-08 / CC-BY-SA, Wikimedia, Creative Commons-Lizenz: Attribution-Share Alike 3.0 Germany.
    • Dr. Robert Ritter im Jahr 1936 mit Kindern im Lager Neumünster, Bundesarchiv, Bild 146-1987-108-62 / CC-BY-SA, Wikimedia, Creative Commons-Lizenz: Attribution-Share Alike 3.0 Germany
  • add Bildrechte und Lizenzen

    Bildrechte der zwei Fotos ganz oben: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg, alle Rechte vorbehalten!.

    Sämtliche Fotos aus dem Bundesarchiv, die mit "CC-BY-SA, Wikimedia Commons-Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany." bezeichnet sind, können unter bestimmten Bedingungen von jedem verwendet werden, siehe die Lizenzbeschreibungen in den Links.

    Das Foto mit dem Dokument aus dem "Zigeunerlager" Auschwitz stammt aus der Sammlung des Archivs des Staatsmuseums Auschwitz-Birkenau, Oświęcim, Bildrechte dort, alle Rechte vorbehalten!

    Das Foto des Gedenksteins stammt von Michaela Saliari, alle Rechte vorbehalten!

Text, Zusammenstellung: bislang Manuel Werner, Nürtingen