Weitere NS-Frauenämter

Nürtingerinnen waren in verschiedenen NS-Organisationen tätig

Anne Schaude, 2021

Mehrere hunderttausend Frauen, die im NS-Staat zum Beispiel in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), in der NS-Frauenschaft (NSF), der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und dem Bund Deutscher Mädchen (BDM) haupt- und ehrenamtliche Funktionen bekleideten, übernahmen „aktive Verantwortung für die Volksgemeinschaft“. Dabei waren nicht alle Frauen „glühende Nationalsozialistinnen oder Parteimitglieder“. Doch durch ihre breitgefächerte organisatorische Erfassung in den verschiedensten Gruppen waren sie politisch integriert und loyal gegenüber dem neuen System eingestellt, zudem stärkten sie das Regime (1/233).

 

Die Entscheidungsspitze des Dritten Reiches war eine Männergesellschaft! Im Rahmen ihrer Tätigkeit für die Volksgemeinschaft gelang es keiner Frau, „in die zentralen Entscheidungsgremien von Partei und Staat aufzusteigen“ (1/233). Weil sich schon „in der Weimarer Republik Politikerinnen und Parteifrauen nur mit den Themen hatten befassen dürfen, die dem weiblichen Lebenszusammenhang entstammten“, erschien den meisten „die Haltung des NS-Staates weder als ungewöhnlich noch als revolutionär“ (1/233). Waren die Frauen in den 1930er Jahren zumeist noch auf ihre Rollen als Hausfrauen und Mütter reduziert, wurden sie ab Kriegsbeginn „im großen Umfang als Arbeitsreserven im Widerstreit zur Ideologie“ beansprucht. Neben Nahrungssorgen, Schlangestehen, Fliegeralarm und Verkehrsproblemen verrichteten zudem viele ehrenamtlich soziale Aufgaben für die „Volksgemeinschaft“, aus der wiederum andere ausgeschlossen waren (2/119).

Tafel im NS-Dokumentationszentrum München, 2019

Dass auch Nürtingerinnen unter denen waren, die mit ihrem Engagement das Regime stärkten und es am Laufen hielten, ist aus verschiedenen Spruchkammerakten überliefert. Hier folgen weitere Berichte von Frauen, die - so meinten sie nach dem Krieg - „eigentlich der Partei ablehnend gegenüberstanden“. Ihre Hilfsdienste im Rahmen der Partei sahen sie vielmehr als ein „Herzensbedürfnis“ an, ihr soziales Handeln verstanden sie als Dienst am Nächsten. Lesen wir nun, wie die Spruchkammer nach dem Krieg im Rahmen der Entnazifizierung dieses soziale Engagement einzelner Nürtingerinnen bewertete:

Die folgenden Berichte basieren auf Informationen aus Nürtinger Spruchkammerakten der ersten Nachkriegsjahre. Diese einseitig wirkenden Quellen stammen aus Eigenaussagen und Entlastungszeugnissen der angeklagten Frauen. Gern hätte die Autorin auch die Sichtweisen von Nürtingern dargestellt, die in der NS-Zeit unter diesen ehrenamtlich Tätigen benachteiligt wurden. Diesbezügliche Aussagen konnten in den Spruchkammerakten aber keine gefunden werden.

 

Quellen:

 

1. Hrsg. W. Benz/ H. Graml/ H. Weiß, Enzyklopädie des Nationalsozialismus, dtv, 1997, ISBN 3-608-91805-1

2. F. Bedürftig, Taschenlexikon Drittes Reich, Piper Verlag, München, 1998, ISBN 3-492-22369-9

 

1. Anna L. - Sachbearbeiterin im NSV-Hilfswerk „Mutter und Kind“

Anna L. war die Ehefrau eines Nürtinger Strickwarenfabrikanten. Sie, eine geborene D., wurde hier im Jahr 1891 geboren, 1917 heiratete sie Hermann L.. In ihrem Haus in der Bismarckstraße sollen christliche Werte gelebt worden sein. Seit 1934 war die Hausfrau Anna L. Mitglied der NS-Frauenschaft (NSF), seit 1937 Mitglied in der NSDAP, seit 1935/36 gehörte sie zum Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA). Von 1936 bis 1938 leitete sie wohl für diesen Verein eine Frauengruppe (1).

 

Der VDA setzte sich unter anderem „für den erhöhten Schutz der bedrängten deutschen Minderheiten“ im Ausland ein, aber auch für die rücksichtslosen Umsiedlungs- und Germanisierungsmaßnahmen zum Beispiel von Deutschen im Baltikum. Diese sollten im Herbst 1939 ihre angestammte Heimat verlassen, um in eroberten polnischen Gebieten angesiedelt zu werden“. Diese Ansiedlung geschah auf Kosten der vielen Polen und Juden, die zuvor dort ihre Heimat hatten und vertrieben worden waren (2/789).

Nürtinger Tagblatt vom 27. Juni 1934

Von 1938 bis bis Ende 1945 war Anna L. in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) Sachbearbeiterin für das dort angegliederte Hilfswerk „Mutter und Kind“ (1). Die NSV war eine im Jahr 1934 ins Leben gerufene Organisation zur Unterstützung und Betreuung hilfsbedürftiger Familien (2/510). Im September 1939 hatte die NSV reichsweit mehr als 14 Millionen Mitglieder (3/159). Der NS-Staat war der Auffassung, dass in einer „echten Volksgemeinschaft“ keine Armut hingenommen werden soll, vor allem keine Armut, die „politisch, rassisch und erbbiologisch würdige Personen betraf“. So gewährte das Hilfswerk kinderreichen Familien, die unter sogenannten rassischen Gesichtspunkten ausgewählt wurden, zum Beispiel Wohnungshilfe, medizinische Unterstützung und Kinderbetreuung. Finanziert wurden diese Leistungen durch Beiträge, Sammlungen und Spenden (2/510).

Die Tätigkeit im Mutter-und-Kind-Hilfswerk war wohl das Ehrenamt, für das sich Anna L. am meisten einsetzte. Ihre Aufgabe bestand im Wesentlichen in der Betreuung der Wöchnerinnen, der jungen Mütter und ihrer Kleinkinder. Es ist zum Beispiel bekannt, dass sie sich 1940 dafür einsetzte, dass eine junge Mutter für drei Wochen zur Erholung geschickt wurde. Von ihr bekam diese bedürftige Familie 1941 auch ein Kinderbett, einen Kinderwagen und Kinderkleidung. „Es wäre wünschenswert gewesen, wenn alle Fabrikantenfrauen so gewesen wären wie Frau L.“, berichtete im Jahr 1947 diese damals begünstigte junge Mutter vor der Nürtinger Spruchkammer (1).

 

In ihrer Anhörung vor der Spruchkammer erklärte die Betroffene Anna L., „es sei richtig, dass sie sich aktiv betätigt habe, aber nicht in politischem Sinn, sondern nur auf rein sozialem caritativen Gebiet. Sie habe nur Wohltätigkeit ausgeübt, wie etwa die Betreuung werdender Mütter und der kleinen Kinder und der Säuglinge“. Die Motivation zu ihrem Handeln habe sie „auf Grund ihrer Glaubenseinstellung zur evangelischen Kirche ausgeübt, der sie ununterbrochen“ angehöre, unterstrich sie in ihrer Aussage (1). Ihr Amt hatte sie von Stadtpfarrer Maysenhölder (Anm. AS: Hermann, nationalsozialistischer Stadtpfarrer (4/290)) übertragen bekommen. Sie führte weiter aus: „Da immer wieder eine Tätigkeit von mir erwartet wurde, und da ich hier eine Aufgabe rein fürsorglicher und sozialer Art erblickte, die mit Politik oder gar mit Nationalsozialismus nichts zu tun hatte, sah ich schließlich keine Veranlassung, mich länger zu sträuben. Es durfte aber in eingesessenen Nürtinger Kreisen hinreichend bekannt sein, dass ich durch diese Tätigkeit nichts weiter als reine Wohlfahrt geübt habe, sondern dass ich da geholfen habe, wo meine Hilfe jeweils gebraucht wurde“ (1).

Entlastungszeugnisse für die Spruchkammer

Dass die Spruchkammer sie möglicherweise in die Gruppe der Aktivisten, Belasteten, einstufen könne, diesen Vorwurf hielt Anna L. „als grund- und haltlos“ (1). Die Gruppe der Aktivisten war die zweite von fünf Kategorien, in die die jeweilige Spruchkammer Betroffene in einem gerichtsähnlichen Verfahren eingruppieren konnte. In die erste Gruppe wurden Hauptschuldige (Kriegsverbrecher) eingereiht. Da die Spruchkammern nicht die Schuld der Betroffenen, sondern die Angeklagten ihre Unschuld, beweisen mussten, organisierten sich die Betroffenen aus ihrem sozialen Umfeld schriftliche Entlastungszeugnisse, sogenannte Persilscheine. Daraufhin entwickelte sich oft ein System gegenseitiger Entlastung (5).

 

Solche Entlastungszeugnisse lieferte auch Anna L. bei der Spruchkammer ab: Eine Zahnärztin betonte im Mai 1947 in ihrem Schreiben an die Spruchkammer, Anna L. habe „das Gebaren der Nazis stets aufs heftigste verabscheut: Waren ihr doch, wie vielleicht wenige hier in Nürtingen, von Anfang an durch die vielen ausländischen Geschäftsbeziehungen ihres Mannes die Augen geöffnet über den wahren Gang der Geschichte! In all diesen Jahren habe ich nur stärkste Ablehnung von ihr gehört! Dass sie trotzdem die Betreuung von ,Mutter und Kind‘ übernommen hat, hatte seinen Grund darin, um endlich vor den Quälereien der Nazis Ruhe zu haben, und dann auch, weil es eben ihre Art ist, zu helfen, wo es not tut“ (1).

 

Eine weitere Entlastungszeugin, Luba M., war davon überzeugt, dass Anna L. „aus schwesterlicher und mütterlicher Fürsorge“ diese Arbeit ausgeübt hatte, „also aus ihrem sozialen Gefühl heraus. Sie lehnte alles Unedle und Gemeine des NS-Regimes genauso ab wie wir anderen, die wir politische Nazigegner waren“ (1). - Auch Gottlob J. unterstrich in seiner Erklärung unter anderem: „Frau L. ist eine Frau voll mütterlichen Empfindens und großer Hilfsbereitschaft. Sie stellte sich immer verantwortungsbewusst auf den Standpunkt: Besitz verpflichtet und übte in diesem Geist viel Wohltätigkeit“ (1). - Die Nürtinger Gemeinderätin Paula Planck erklärte in ihrem Schreiben, dass Frau L. die von ihr betreuten Frauen nicht politisch beeinflusst habe: Davon „konnte keine Rede sein“ (1).

Einstufung als Mitläufer

Die Spruchkammer kam aufgrund der Entlastungszeugnisse zu dem Urteil, „dass es der Betroffenen offenbar ein Herzensbedürfnis gewesen sei, zu helfen, wo sie nur konnte“. Sie habe zwischen Parteigenossen und Nicht-Parteigenossen „keinen Unterschied gemacht. Politisch sei Anna L. nicht in Erscheinung getreten“. Daraufhin wurde die ehemalige Leiterin des NS-Hilfswerks „Mutter und Kind“ von der Nürtinger Spruchkammer in die Gruppe 4, als Mitläufer, eingestuft. Sie hatte einen einmaligen Sühnebetrag von 1.500 Reichsmark (RM) zu bezahlen. Bei der Bemessung des Sühnebetrags hatte die Spruchkammer in Betracht gezogen, „dass die Betroffene ihr Wohltätigkeitswirken hätte auch noch mehr in der Stille durchführen können, ohne dabei die Verflechtungen mit der Partei einzugehen“ (1).

 

Quellen:

1. StAL (Staatsarchiv LB) EL 902/17 Bü 6386

2. Hrsg. W. Benz/ H. Graml/ H. Weiß, Enzyklopädie des Nationalsozialismus, dtv, 1997, ISBN 3-608-91805-1

3. H.-J. und G. Wohlfromm, „Und morgen gibt es Hitlerwetter!“, Alltägliches und Kurioses aus dem Dritten Reich, Anaconda Verlag, Köln, 2017, ISBN 978-3-7306-0517-2

4. Hrsg. R. Tietzen, Nürtingen 1918 – 1950, Verlag Sindlinger-Burchartz, Nürtingen/ Frickenhausen, 2011, ISBN 978-3-928812-58-0

5. Tafel NS-Dokumentationszentrum, 2019

 

2. Fanny F. - Hilfsstellenleiterin beim NSV-Hilfswerk „Mutter und Kind“ in Garching

Als sie im Jahr 1942 mit ihrem Ehemann Max nach Nürtingen zog, war sie hier nur noch ein „stilles, zahlendes Parteimitglied“. Ihre ehrenamtliche Tätigkeit als Hilfsstellenleiterin für die NSV hatte sie zuvor in Garching bei München ausgeübt (1). In Nürtingen angekommen, wollte die Partei sie überreden, hier auch wieder ein ähnliches Amt zu übernehmen. Aus gesundheitlichen Gründen lehnte die 61-jährige Mutter von zwei erwachsenen Töchtern eine soziale Tätigkeit in Nürtingen ab (1).

 

Fanny F. wurde 1886 in Stuttgart geboren. Seit 1907 war sie mit Max F. verheiratet, das Ehepaar lebte von 1921 bis 1942 in Garching. Von 1938 bis 1942 war sie Mitglied der NSDAP mit der Mitgliedsnummer 5.154.361. Ab 1935 war sie bis zu ihrem Umzug nach Nürtingen 1942 beim NSV-Hilfswerk „Mutter und Kind“ ehrenamtlich tätig (1).

 

Nürtinger Tagblatt vom 1. November 1944

Anfänglich übte sie ihr Ehrenamt in Garching aus, ohne Mitglied der NSDAP zu sein. Dazu ein Entlastungszeuge im Jahr 1947 vor der Nürtinger Spruchkammer: „Sie wurde zum Eintritt in die Partei gezwungen. Sie wollte nicht eintreten, weil sie mit Politik nichts zu tun haben wollte. Dann aber auch deshalb, weil ihre bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnisse es nicht zuließen, dass außer ihrem Mann auch sie noch einen Mitgliedsbeitrag bezahle“. Dieser Zeuge, ein Fabrikant aus Stuttgart, erklärte weiter, Fanny F. habe damals in Garching nicht auf ihre Tätigkeit verzichten wollte: „Die frauliche Sorge um notleidende Frauen und Kinder war es, was sie allein bewegte. Sie war von jeher eine Idealistin und hatte ihre Freude an der Betreuung der werdenden Mütter, Wöchnerinnen und den Säuglingen, da sie selbst 2 Kinder hatte. … Ich kenne Frau F. seit Jahrzehnten als eine überaus liebenswürdige, charakterlich zuverlässige gefällige und ehrliche Frau. Sie hat sich … nie mit dieser Amtsstellung gebrüstet und blieb immer bescheiden“ (1).

Der Bürgermeister von Garching schrieb 1946 in seinem Entlastungszeugnis an die Nürtinger Spruchkammer, dass Fanny F. dort „ in Propaganda und Werbung für die NSV sehr rege und aktiv“ gewesen sei (1). Hier in Nürtingen war sie eben nur noch das stille, zahlende Parteimitglied, wie Bürgermeister Weilenmann der Spruchkammer mitteilte (1). Die hiesige Spruchkammer unter Vorsitz von Hans-Otto Walther stufte Fanny F. im Oktober 1947 in die Gruppe 4 als Mitläufer ein, sie musste einen Sühnebeitrag von 300 RM entrichten (1).


Quelle:

1. StAL EL 902/17 Bü 2036


3. Gertrud P. – Zellenfrau als Leiterin der Schuhaustauschstelle

Offiziell war sie eine sogenannte Zellenfrau der Nürtinger Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Es war aber keine Zelle innerhalb der Stadt, die Gertrud P., Jahrgang 1895, betreute, ihre Zelle war die so genannte Nürtinger Schuhaustauschstelle. Seit 1937 war sie Mitglied der hiesigen NS-Frauenschaft. Im Februar 1940, kurz vor der Eröffnung der Schuhaustauschstelle, trat sie der NSDAP (MitgliedsNr. 7.461.868) bei, im selben Jahr auch der NSV (1).

 

Gertrud P., geborene Z., soll eine intelligente und selbstsichere Frau gewesen sein. „Gegen den Widerstand ihres Vaters, der eine Ausbildung für Frauen damals nicht für nötig hielt“, hatte sie in Stuttgart eine kunstgewerbliche Ausbildung absolviert. Seit 1922 war sie mit Alfred P. (geboren 1894 in Göppingen), einem Architekten, verheiratet und Mutter von drei Töchtern (2/184). Die Familie wohnte in der Innenstadt (1). Da in den 1920er Jahren „kaum Aufträge für den jungen Architekten eingingen, beschloss Gertrud P., zusammen mit ihrer Schwester ein Handarbeitsgeschäft aufzubauen. Dieser Laden „entwickelte sich bald zu einer gern genutzten Einrichtung in der Stadt“ (2/185).

 

Im März 1940 richtete die Nürtinger Frauenschafts-Ortsgruppe in der Mörikeschule eine Schuhaustauschstelle ein (3). Wie in anderen Orten auch sollte diese Stelle „allen Schichten der Bevölkerung zugute kommen, nicht zuletzt auch den Nicht-Parteigenossen“ (1). Umgetauscht werden konnten dort aber nur Schuhe in gutem Zustand, reparierte Schuhe waren vom Umtausch ausgeschlossen (4). Der Plan war folgender: Die Mütter konnten die zu klein gewordenen, aber noch gut erhaltenen Schuhe ihrer Kinder abgeben. Im Gegenzug suchten sie ein passendes Paar gleichartiger Schuhe zum Mitnehmen aus (3). Vor dem Besitzerwechsel wurden die Schuhe desinfiziert. Für all diese Aufgaben in der Austauschstelle war Gertrud P. zuständig (5).

 

Nürtinger Tagblatt vom 12. 03. 1940

Innerhalb ihrer fünfjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit als Zellenfrau tauschte sie etwa 3.800 Paar Schuhe aus (1). „Bei dem Mangel an Schuhwerk, der sich schon während des Kriegs sehr stark auswirkte, diente die Schuhaustauschstelle wirklich einem guten und gemeinnützigen Zweck und die Arbeit war eine wirklich soziale“, führte der ehemalige Bürgermeister August Pfänder, der von 1943 – 1945 als NSDAP-Mitglied Bürgermeister war, im Jahr 1947 vor der Nürtinger Spruchkammer aus (1).

In ihrer Anhörung vor der Spruchkammer im Jahr 1947 bat Gertrud P., man möge sie in die Gruppe der Mitläufer (Gruppe 4) einreihen: „Eine Einstufung in die Gruppe der Minderbelasteten (Gruppe 3) könnte ich nur als Härte und Ungerechtigkeit empfinden, da ich keine ,Tätigkeit für die Nationalsozialisten‘ geleistet habe, sondern mich nur für soziale Hilfsarbeit im guten Glauben eingesetzt habe. Sühnemaßnahmen gegen mich zu verhängen, würde darauf hinauslaufen, dass mir eine Strafe für meine Hilfsbereitschaft und für meine selbstlose Arbeit für das Wohl der Allgemeinheit auferlegt würde, nachdem ich schon dadurch schwer gesühnt habe, dass mein Mann 17 ½ Monate interniert war, im Internierungslager schwer erkrankt ist, dort operiert werden musste und krank von dort zurückkehrte. ... Dadurch war ich mit meiner Familie über 2 Jahre ohne Einkommen. Ich bitte die Kammer, dem allen wohlwollend Rechnung zu tragen“ (1).

 

Im Februar 1948 stufte die Nürtinger Spruchkammer Gertrud P. in die Gruppe 4 als Mitläufer ein. Sie hatte einen einmaligen Sühnebetrag von 80 RM zu leisten (1).


Quellen:

1. StAL EL 902/17 Bü 7723

2. Hrsg. P. Garski-Hoffmann, Tagein – Tagaus, Mädchenbildung und Frauenarbeit in Nürtingen, Frauenspuren 3, Verlag Senner-Druck, Nürtingen, 2009, ISBN 3-922849-27-X

3. Nürtinger Tagblatt vom 30. 01. 1940

4. Nürtinger Tagblatt vom 01. 03. 1940, Aus unserer Heimat

5. Nürtinger Tagblatt vom 12. 03. 1940

 

4. Adelheid H. – Kreisabschnittsreferentin des RDB

Der Reichsbund der Deutschen Beamten (RDB) – auch NS-Beamtenbund genannt - wurde im Herbst 1933 gegründet und war eine „der NSDAP angeschlossenen Zwangsorganisation der deutschen Beamten“. Er hatte insbesondere die Aufgaben, seine Mitglieder zu „vorbildlichen Nationalsozialisten“ zu erziehen und sie mit dem Gedankengut der Partei zu durchdringen. Seine Mitglieder waren, je nach Behördenzugehörigkeit, in 14 Fachschaften unterteilt (1), zu der auch die Reichspostverwaltung zählte.

 

Seit mehr als dreißig Jahren war Adelheid H. bei der Post angestellt. Im Jahr 1937 hatte die Postsekretärin für einige Monate das Amt der Kreisabschnittsreferentin des RDB inne, bevor sie, aus uns unbekannten Gründen, von einem Vertrauensmann aus Weilheim „ihres Amtes wieder enthoben wurde“. Im Jahr 1947 schwärmte sie in ihrer Aussage vor der Spruchkammer noch immer von diesen Monaten mit folgenden Worten: „Es war für kurze Zeit, dass ich den schönen Namen ,Kreisabschnittsreferentin’ inne hatte“ (2).

 

Adelheid H. wurde 1895 in Oberboihingen geboren und lebte seit 1933 in Nürtingen, wohnte hier auch in der Friedrichstraße. Von 1937 – 1945 war sie Mitglied der NSDAP, seit 1936 zudem Mitglied des NS-Frauenwerks. 1937 trat sie dem RDB bei. Eigentlich sei sie vor 1933 politisch desinteressiert gewesen, berichtete sie 1947 in ihrem Spruchkammerverfahren. Sie habe aber dem Nationalsozialismus nicht ablehnend gegenüber gestanden: „Im Postbetrieb habe ich im Betriebsdienst gearbeitet (Telegraf- und Fernsprechdienste). Diese Arbeit ist sehr aufregend und abends hatte ich keinen Gedanken mehr, der sich nun gerade auf die Politik konzentriert hätte. Ich ging zur Wahl und wählte demokratisch“ (2).

 

Im Jahr 1936 soll sie für die NS-Frauenschaft angeworben worden sein. Frau R., die hiesige Frauenschaftsleiterin, sei eines Tages an ihren Postschalter gekommen und habe gesagt, sie hätte sie für die Aufnahme zur Partei vorgemerkt: „Später kam Frau R. noch eines zweites Mal auf die Post und fragte nochmal. Ich ging hin und es gefiel mir. Es gab Sammlungen, kleine Vorträge und man fertigte Handarbeiten.“ Eine politische Tätigkeit habe sie in der Frauenschaft nicht ausgeübt, sagte sie 1947 vor der Nürtinger Spruchkammer aus, sie habe aber die Pflichtversammlungen der Partei besucht (2).

 

Adelheid H. sagte weiter aus: „Der Reichsbund deutscher Beamten war (unsere) gewerkschaftliche Vertretung. Die Hauptstelle war in Kirchheim und ich war für sechs Nürtinger Beamtinnen aufgestellt. Von der Oberpostdirektion wurde ein direkter Druck ausgeübt, das war der zweite Punkt, warum ich der Ruhe wegen meinen Eintritt erklärte. Ein einziges Mal wurde eine Sammlung für die Weihnachtsspende durchgeführt und das Geld nach Kirchheim abgegeben. Eine politische Tätigkeit war in dieser Funktion nicht inbegriffen“ (2).

 

Im Jahr 1946 teilte der damalige Bürgermeister Weilenmann der Nürtinger Spruchkammer schriftlich mit, Adelheid H. sei ein stilles, zahlendes Mitglied ohne besondere aktive Tätigkeit in der Partei gewesen. Weil sie, so die Nürtinger Spruchkammer, unter die Weihnachtsamnestie von 1947 fiel, stellte der Öffentliche Kläger im März 1948 dieses Spruchkammer-Verfahren ein (2).

 

Mit der Weihnachtsamnestie-Verordnung von 1947 sollte eine Reduzierung der Verfahrenszahlen erreicht werden. Sie begünstigte Kriegsbeschädigte und finanziell Schwache, gegen die noch keine Entscheidung ergangen war und auch solche Betroffene, die bereits als Mitläufer eingestuft worden waren (3).


Quellen:

  1. Hrsg. W. Benz/ H. Graml/ H. Weiß, Enzyklopädie des Nationalsozialismus, dtv, 1997, ISBN 3-608-91805-1, S. 667

  2. StAL EL 902/17 Bü 4550

  3. Bundeszentrale für Politische Bildung

     

5. Julie H. - Kurierdienste für die NSDAP-Kreisleitung

 

Die 1879 in Hirsau geborene Julie Hedwig H. lebte seit 1933 in Nürtingen und wohnte hier auch in der Gerberstraße. Wann sie in die NSDAP und in die NS-Frauenschaft eintrat, ist nicht bekannt. Die Auskunftsstelle der hiesigen Politischen Parteien teilte im Jahr 1946 der Nürtinger Spruchkammer mit, Julie H. sei eine „fanatische Anhängerin der Partei“ gewesen. Sie habe schon vor 1933 für diese Kurierdienste gemacht. Auch war sie wohl auch eine der ersten Frauen des Kreises, die zu einem der Reichsparteitage nach Nürnberg abgestellt wurden.

Else S. aus der Neuffenerstraße kannte Frau H. seit der Gründung der Nürtinger Gruppe der NS-Frauenschaft. Sie berichtete vor der Nürtinger Spruchkammer, dass im Sommer 1933 ab und zu Frauenschaftsversammlungen im Hause H. stattfanden. Als die Gruppe größer wurde, trafen sich die Frauen in einem Raum der Strickwarenfabrik Z. in der Holzstraße. Sie erklärte weiter, Frau H. habe sich „nicht in führender Stellung betätigt, obgleich sie als Idealistin anzusehen ist, da sie nach der Machtübernahme bei der Kreisleitung als Kurier tätig war. Ob sie allerdings hauptamtlich, also gegen Entgelt beschäftigt war“, entzog sich ihrer Kenntnis.

Die Nürtinger Spruchkammer stellte im April 1947 das Verfahren gegen Julie H. mit der Begründung ein, dass kein hinreichender Verdacht bestehe, ob die Betroffene Hauptschuldige (Gruppe 1: Kriegsverbrecher), Belastete (Gruppe 2: Aktivist) oder Minderbelastete (Gruppe 3: Bewährungsgruppe) sei. Ihr Verfahren fiel unter „die Verordnung zur Durchführung der Weihnachtsamnestie vom 5. Februar 1947“.

Quelle: StAL EL 902/17 Bü 4404