Auf Spurensuche im „Badischen“

Nur wenig ist bekannt von der in Nürtingen geborenen Karoline Marie S.


von Anne Schaude, 2018


Erinnerung an die Nürtinger "Euthanasie"-Opfer, gestaltet von Schülerinnen des Max-Planck-Gymnasiums Nürtingen, Foto: Manuel Werner


"Assunta" (Maria Himmelfahrt) im Park der Hub

 

Im Herbst 1878

wurde Karoline Marie E. in Nürtingen geboren (1). Sie war das siebte und letzte Kind ihrer Eltern Johann Heinrich und Catharine Louise E., geborene F., die 1863 in Nürtingen geheiratet hatten. Der Ehemann und Vater, Schreiner von Beruf, war „Württemberger durch Abstammung“ (2). Marie wurde, wie ihre übrigen Geschwister vermutlich auch, evangelisch erzogen. Einen Beruf erlernte sie nicht, sie soll in verschiedenen Hotels als Zimmermädchen tätig gewesen sein (3).


Im Jahr 1906

heiratete sie Hermann S.. Das kinderlose Ehepaar lebte in Karlsruhe. Marie S. soll ein ernstes, zurückgezogenes Wesen besessen haben, vom Charakter her war sie wohl eher menschenscheu (3).


Von Juli bis September 1927

und von Mai bis August 1929 fand Marie S. Aufnahme in der Badischen Heil- und Pflege-Anstalt Illenau in Achern. Vom Krankenhaus Karlruhe wurde sie dorthin verlegt, weil sie sich selbst und ihren Haushalt nicht mehr versorgen konnte. Sie soll auch an Rheuma erkrankt gewesen sein. Während ihres ersten Aufenthaltes in Achern wirkte Marie S. freundlich und machte einen vollkommen normalen Eindruck. Sie erklärte, dass sie nach ihrer Heimkehr die „Haushaltung wieder richtig besorgen (wolle), wie es sich gehöre“. Aufgrund ihrer Erkrankungen konnte Marie S. diesen Vorsatz aber nicht umsetzen. Ängste und andere Verhaltensauffälligkeiten führten zum zweiten Aufenthalt in der Illenau zwei Jahre später. Da sie nicht mehr zu Hause leben konnte, stellte ihr Arzt nun einen Antrag auf dauerhafte Aufnahme in eine öffentliche oder private Heilanstalt (3). In welcher Einrichtung Marie S. in den nächsten Jahren betreut wurde, ist nicht bekannt.


Am 17. Dezember 1936

fand Marie S. Aufnahme in der Badischen Pflegeanstalt Hub (1). Ihr Unterstützungswohnsitz war Karlsruhe (4). Weder im Kreisarchiv Rastatt noch im Stadtarchiv Karlsruhe können im Jahr 2014 Spuren ihres Lebens ausfindig gemacht werden. Einwohnermeldedaten liegen für Karlsruhe kriegsbedingt nicht vor. Ihre Akte im Bundesarchiv in Berlin enthält nur ein Blatt. Darauf ist vermerkt, dass Marie S. gemeinsam mit ihrem Mann in der Hub untergebracht war. Ihr Ehemann Hermann starb 1937 (5).


Am 18. Juli 1940

wurde Marie S. in Grafeneck getötet (1).

 

 

Detail eines Stolpersteins, Foto: User:Enslin, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Lt. einer Statistik wurden im Monat Juli 1940 in Grafeneck mehr als 1.200 Menschen vergast, im Jahr 1940 waren es insgesamt etwa 10.000 Menschen (6).


Der 28. Juli 1940

ist das offizielle Sterbedatum von Marie S., das in Grafeneck beurkundet wurde (7). Um Nachforschungen von Angehörigen zu unterbinden, gehörten gefälschte Beurkundungen vom Todesdatum zum Alltag in den Tötungsanstalten. Nicht nur die Opfer selbst, sondern auch die Erinnerungen an sie, sollten gründlich ausgelöscht werden.


Karoline Marie S. wurde 61 Jahre alt

 

 

Schutzlos ausgeliefert - 526 Patienten der badischen Pflegeanstalt Hub wurden in Grafeneck getötet

Mit 240 Kranken und Behinderten fing 1873 die Geschichte der „Kreispflegeanstalt für Schwache, Bedürftige und Kranke“ an. Zuvor hatte auf diesem Gelände in der Ortenau ein Heilbad, das Huberbad, existiert. Um die immer größer werdende Zahl von Pfleglingen in der Hub aufnehmen zu können, kamen in den folgenden Jahrzehnten weitere Gebäude und Ausbauten hinzu. 1931 war mit mehr als 900 Bewohnern der Höhepunkt der Belegung erreicht.


Gedenkplatte im Park der Hub

Von Februar 1940 bis Februar 1941 wurden 526 Patienten aus der Kreispflegeanstalt Hub nach Grafeneck deportiert und dort vergast. Im Vergleich zu den damals in Mittelbaden bestehenden Anstalten war dieses die größte Zahl von Opfern der sogenannten Euthanasie. Der Transport vom 18. 07. 1940, zu dem die in Nürtingen geborene Marie S. gehörte, war der neunte aus Hub mit insgesamt 51 Patientinnen (8/110f). Für die hohe Zahl von 526 ermordeten Kranken soll auch der damalige Direktor Dr. Otto Gerke (1878 in Hannover geboren (8/123)) mit verantwortlich gewesen sein. Er, der 1937 der NSDAP beitrat, äußerte seine Neigung zum Studium der erb- und rassenhygienischen Fragen in seinem Buch über die Geschichte der Hub: „... Gegen den vielen unseligen Minderwertigen von Geburt und Vererbung, gegenüber diesen Untermenschen, die sozusagen ,zum Leben verurteilt’ sind und die nie wertvolle Mitmenschen werden können, gibt es gewisse Grenzen des Mitleids. ...“ (8/117f)

Er soll von Anfang an bereitwillig die Aktion T4 unterstützt haben. Zeugen sagten 1948 aus, dass Dr. Gerke vermutlich häufig arbeitsfähige Bewohner der Hub auf die Transporte schickte (8/115ff). So soll er die Meldelisten allein zusammengestellt haben und bei allen Transporten anwesend gewesen sein, angeblich „um seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht zu viel zu belasten“ (8/120). Dazu Oberpflegerin Rosa Merz 1948: „Ich habe nicht bemerkt, dass Gerke damals irgendetwas unternommen hätte, um Anstaltsinsassen vor einer Verlegung zu retten.“ Da, wo andere Anstaltsleiter mit mehr oder weniger großem Erfolg ihre Schützlinge vor dem sicheren Tod zu schützen versuchten, soll der Arzt Dr. Gerke dem Verwaltungsapparat der Nazis nachgegeben und so den Massenmord unterstützt haben (8/125f). Dr. Otto Gerke starb im Februar 1943 an einer Embolie (8/119).

 

Dazu der Autor Adalbert Metzinger im Jahr 2012: „Die Einstellung und das Handeln von Gerke während der Euthanasiemaßnahmen in der Hub sollte uns Mahnung sein, dass die Tötung von geistig, psychisch und körperlich behinderten Menschen nicht einfach aus der Erinnerung verdrängt werden darf. Auch heute noch sind Ausgrenzungsmechanismen wirksam, die Menschen mit Behinderung treffen. Damals wie heute geht es im Kern um eine Wertbestimmung des Menschen“ (8/126).

Seit 2001 erinnert im Park der Hub die Bronzeplastik „Assunta“ (Anm. AS: Mariä Himmelfahrt) an die 526 in Grafeneck ermordeten Patienten dieser Pflegeeinrichtung (8/120).


Eine dieser Patienten war Marie S.

 

Gedenkplatte Grafeneck

  • add

    1. Gedenkbuch Grafeneck, Februar 2014

    2. StANT, Familienregister NT, Band I

    3. StAF B821/2 Nr. 25287

    4. Kreisarchiv Rastatt 1/ Hub B 1

    5. Barch, Info Mai 2014

    6. Hrgb. Klee, E., Dokumente zur Euthanasie, 1985, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/ Main, ISBN 978-3-596-24327-3 S. 233

    7. StANT, Geburtsregister Nr. 160/ 1878

    8. Hrsg. Martin Walter, Die Hub, Geschichte und Gegenwart einer einzigartigen Einrichtung, Kreisarchiv Rastatt, Band 10, Casimir Katz Verlag, 2012, ISBN 978-3-938047-63