In Frankreich mit der Familie überlebt: Margarete (Gretel) Knauß geb. Heunisch

von Annette Planck und Raya Fraenkel, 2020

Margarete Marie Heunisch, geboren am 25. Februar 1899 in Esslingen, war die Älteste von fünf Kindern. Mit 14 Jahren, am Tag nach der Konfirmation, musste sie früh morgens ihren Arbeitsplatz antreten – zunächst bei der Daimler Motorengesellschaft in Untertürkheim. Ab Januar 1914 lernte und arbeitete sie bei der Strickwarenfabrik Hermann Lorch in Nürtingen. In einem Arbeitszeugnis wurde sie als tüchtige, gewandte und sehr fleißige Repassiererin gelobt. In diesem, heute fast ausgestorbenen Beruf reparierte sie Laufmaschen und Reißlöcher in Textilien. Als gelernte Kraft verdiente sie 33 1/3 Pfennige in der Stunde. Mittags brachten Essensträgerinnen das Essen von Zuhause (Familie Heunisch wohnte inzwischen in Oberensingen). Das Essen war meistens kalt und die Arbeiterinnen aßen im Hof im Stehen - bei jedem Wetter.

 

Nach Ende des Ersten Weltkriegs erstarkten infolge der Not der Bevölkerung durch Arbeitslosigkeit und Inflation die Gewerkschaften. In Nürtingen wurde ein Textilarbeiterverband gegründet, Gretel Heunisch engagierte sich als Schriftführerin. Sie wurde als Delegierte zum Gewerkschaftskartell, einem Zusammenschluss der lokalen Gewerkschaften, gewählt und war auch dort Schriftführerin. Im April 1920 war sie, ebenso wie ihr späterer Ehemann Ludwig Knauß, Gründungsmitglied der Nürtinger Ortsgruppe der kommunistischen Partei (KPD). 1921 entschloss sich Gretel zur Teilnahme an einem fünfmonatigen Fortbildungskurs in Gera. Sie blieb auch danach noch einige Zeit in Gera und arbeitete als Repassiererin.

Im Sommer 1922 heiratete sie Ludwig Knauß. Beide kehrten zurück nach Nürtingen, wo Ludwig für die KPD in den Gemeinderat gewählt wurde. Kurze Zeit danach wurde er aus politischen Gründen für einige Wochen verhaftet. Das führte zu finanziellen Sorgen, denn es gab keine ausreichende Unterstützung und Gretel fand keine Arbeit. 1923 wurde Tochter Ingeborg geboren, und die junge Familie wohnte in einer Dachkammer im Haus von Gretels Eltern in Oberensingen. 1927 erhielt Ludwig Knauß eine feste Anstellung bei der Konsumgenossenschaft Nürtingen, und so konnte die Familie einige Zeit später in eine Dreizimmerwohnung in die Stuttgarter Straße 70 ziehen. Gretel führte die Kasse bei der KPD Nürtingen und Oberensingen. Sie begleitete ihren Mann zu allen Versammlungen und politischen Veranstaltungen und belegte auch einen Kurs beim Arbeiter-Samariter-Bund. Außerdem engagierte sie sich bei den Naturfreunden und machte Hüttendienst in der Rohrauer Hütte. Die Rohrauer Hütte, idyllisch über dem Uracher Wasserfall gelegen, beherbergt auch heute noch Gäste.

 

Verhaftung und Hausdurchsuchungen

Abschied von Ludwig Knauß am 14.4.1933

Nachdem Hitler im Januar 1933 Reichskanzler wurde und die NSDAP gestärkt aus den Reichstagswahlen am 5.März 1933 hervorging, rechnete Familie Knauß damit, dass die KPD verboten und ihre Mitglieder verfolgt würden. Nach der Gemeinderatssitzung am 10. März 1933 hörte man im Gasthaus „Traube“ im Radio, dass Kommunisten und Juden in Bayern verhaftet wurden. Daraufhin ging Ludwig Knauß, ebenso wie sein kommunistischer Gemeinderatskollege Rudolf Schulmeister, nicht mehr nach Hause. Notunterkünfte bei Freunden waren vorbereitet. Als die SA bei der ersten großen Verhaftungswelle am 11. März 1933 frühmorgens kam, um Ludwig zu verhaften, war er nicht daheim. Kurzerhand nahm man stattdessen Gretel Knauß mit und befragte sie erfolglos nach Ludwigs Aufenthaltsort. Nach weiteren erfolglosen Festnahmeversuchen verließ Ludwig Knauß an Ostern 1933 zusammen mit Rudolf Schulmeister und einem weiteren Freund mit dem Fahrrad Nürtingen und entkam seinen Verfolgern über die Schweiz nach Frankreich.

Gretel Knauß musste in den folgenden Wochen mehrere Hausdurchsuchungen erleiden. Am 2. Mai 1933 wurde sie selbst verhaftet und kam in eine Einzelzelle ins Nürtinger Gefängnis. Sie bekam Magenschmerzen und nahm stark ab. Tochter Inge durfte ihre Mutter dienstagnachmittags für 15 Minuten besuchen, musste sich aber zuvor beim Landratsamt melden. Dort wurde sie jedes Mal nach dem Verbleib ihres Vaters gefragt. Inge schwieg, obwohl sie über Vieles Bescheid wusste. Drei Wochen später wurde Gretel wegen schlechter Gesundheit entlassen. Sie musste sich aber jeden Freitagvormittag beim Landratsamt Nürtingen melden mit den Worten: „Ich komme meiner Gestellungspflicht nach“. Man drohte nun, Inge in eine Erziehungsanstalt zu stecken, weil sie nicht mit „Heil Hitler“ grüßte.

Flucht nach Frankreich

Es war Zeit, Deutschland zu verlassen. Um die Fahrt bezahlen zu können, verkaufte Gretel einige Sachen aus ihrem Haushalt. Am Sonntag, 3. Oktober 1933, Erntedankfest, fuhren Gretel und Inge mit dem Zug nach Stuttgart und von dort weiter nach Lörrach. Um nicht aufzufallen, hatten sie kein Gepäck dabei. Inge trug ihre Kleider doppelt, Gretel hatte nur eine Handtasche. Ein Helfer brachte die Beiden durch die Grenzkontrolle nach Basel und von dort zum Französischen Bahnhof St. Louis. Mit dem Zug ging es nach Strasbourg, wo Ludwig wartete. Die „Rote Hilfe“ hatte ihm ein Zimmer mit Küche bei Familie Gangloff in Bischheim vermittelt. Erleichtert und froh war die Familie nun wieder vereint und dem Nationalsozialismus entkommen. Gretel fand Arbeit als Haushälterin, ihr Gesundheitszustand besserte sich.

Bald forderte jedoch ein Gesetz der französischen Regierung, dass alle deutschen Emigranten Elsass-Lothringen verlassen und ins Innere Frankreichs umsiedeln müssten. Man entschied sich für Paris. Gretel arbeitete als Dienstmädchen in einem größeren Haushalt, hatte kaum Freizeit und wieder gesundheitliche Probleme, so dass sie kündigen musste. Schließlich konnte Familie Knauß südlich von Paris eine Wohnung beziehen. Gretel arbeitete auch dort als Haushaltshilfe, die Kleidung für sich und Inge fertigte sie selbst. Auch die mitgenommene Repassiernadel kam zum Einsatz. Ludwig betrieb zusammen mit dem ebenfalls nach Paris geflohenen Nürtinger Rudolf Schulmeister und einem weiteren Emigranten eine kleine Schreinerei, Inge besuchte die Schule und bestand erfolgreich die Abschlussprüfung. Alles schien auf einem guten Weg.

 

Entlassungsschein für Gretel Knauß aus dem Lager Gurs, 19. Juni 1940

Doch am 3. September 1939 erklärten Frankreich und Großbritannien Deutschland den Krieg und es herrschte wieder Unsicherheit. Ludwig kam in ein Männerlager bei Blois, Gretel und Inge wurden im Mai 1940 in das Lager Gurs in den Pyrenäen gebracht. Nach sieben Wochen bekamen sie den „Befreiungsschein“ - dank Ludwig, der inzwischen im Freiwilligen Arbeitsdienst war. Da sie keinen Wohnsitz mehr hatten, übernachteten Gretel und Inge in einer Turnhalle auf dem Fußboden mit anderen Flüchtlingen. Inge sprach inzwischen fließend französisch, und so gelang ihnen der Weg nach Montauban, wo sie Ludwig in einer Arbeitseinheit trafen. Sie begegneten anderen Emigranten aus Deutschland, die sie bereits aus der Pariser Zeit kannten. Zusammen mit Familie Cohn-Bendit fanden sie im Umland von Montauban ein altes baufälliges Haus, in dem sie in einfachster Form überlebten. Nachdem die Deutschen Frankreich vollständig besetzt hatten, mussten deutsche Emigranten in die Illegalität. Doch Hilfe und Mut der französischen Bevölkerung rettete Familie Knauß und vielen anderen Emigranten das Leben.

Mit der Frau eines Kommunisten gibt es auch nach dem Krieg bei der Stadt Nürtingen keine Zusammenarbeit

Ein Jahr nach Kriegsende erhielten Gretel und Ludwig Knauß endlich die Einreisegenehmigung für die amerikanische Besatzungszone. Am 29. Juni 1946 trafen sie nach 12 Jahren Frankreich wieder in Nürtingen ein. Inge, die in Frankreich geheiratet und ihre kleine Tochter Geneviève dabei hatte, begleitete ihre Eltern. Inge bekam aber nur eine befristete Aufenthaltsgenehmigung für 6 Tage, danach musste sie als "persona non grata" wieder ausreisen. Es ging dabei vor allem um die Lebensmittelkarten, die sie und Geneviève ja ebenfalls brauchten und deren Verteilung streng kontrolliert wurde.

Sie wohnten zunächst bei Gretels Eltern in Oberensingen. Durch die Wohnungsnot, vor allem aber auch wegen ihrer politischen Einstellung, wollte ihnen keiner eine Wohnung vermieten. Als Ludwig bei der Konsumgenossenschaft Esslingen angestellt wurde, konnten sie wieder in die Wohnung in der Stuttgarter Straße 70, die sie bis 1933 bewohnt hatten, einziehen.

Heutige Ansicht des Hauses Stuttgarter Straße 70 in Oberensingen. Im 2. Stock (rechtes Haus) wohnte Familie Knauß.

Kurz nach ihrer Rückkehr nahm Gretel gemeinsam mit ihrem Mann die politische Arbeit wieder auf. Die Ortsgruppe Nürtingen der KPD wurde wieder gegründet, Ludwig war Erster Vorsitzender, Gretel führte die Kasse. Für die wieder gegründete Arbeiterwohlfahrt, deren örtlichen Vorsitz Ludwig 25 Jahre lang übernahm, arbeitete Gretel ebenfalls. Bei der Stadt Nürtingen übernahm sie die ehrenamtliche Aufgabe einer Wohlfahrtspflegerin, auch bei den Naturfreunden war sie wieder tätig. Als sie wegen der starken Zunahme von Verkehrsunfällen mit Kindern aktiv wurde, Unterschriften für das Aufstellen von Warntafeln sammelte und mit dieser Unterschriftenliste zum Bürgermeisteramt ging, gab man ihr zwar in der Sache recht, lehnte jedoch die Zusammenarbeit mit „der Frau eines Kommunisten“ ab. Ludwig war seit 1947 wieder für die KPD in den Gemeinderat gewählt.

Weitere Tiefpunkte folgten. Unangemessen war die Durchsuchung der Wohnung am 17. August 1956. Zwei Stunden nach dem vom Bundesverfassungsgericht ausgesprochenen KPD-Verbot stand die Polizei mit LKW vor dem Haus, in dem Knaußens ihre Wohnung hatten. Von 12 – 19 Uhr wurden Wohnung, Dachgeschoss und Keller durchwühlt.

1960 konnte Gretel Knauß, die so oft ihr mühsam eingerichtetes Dach über dem Kopf verlassen musste, mit ihrer Familie ins eigene Haus im Denkendorfer Weg in Oberensingen ziehen.

Ludwig Knauß starb 1988 mit 95 Jahren. Gretel Knauß lebte, gepflegt von Tochter Inge, noch bis zu ihrem Tod am 5. September 1992 im Denkendorfer Weg.

  • add

    • Aufschriebe von Ingeborg Knauss
    • Ludwig Knauß. Sein Lebensweg, Hrsg. Lehrerarbeitskreis für Landeskunde im Schulamtsbezirk Nürtingen, 1995
    • Nürtingen 1918 -1950, Verlag Sindlinger-Burchartz, Nürtingen/Frickenhausen2011