Der Schreiner Ludwig Schneck – ein "Schutzhäftling" im KZ Welzheim

Als kranker Mann kam der Nürtinger Schreiner Ludwig Schneck (1886 in Paris geboren, verheiratet) (1/450) Ende Januar 1944 aus dem sogenannten Schutzhaftlager Welzheim (2/185) nach Nürtingen zurück. „Nach seiner Rückkehr berichtete sein ehemaliger Meister, dass Schneck ,bis zu seiner Verhaftung durch die Gestapo weder krank noch anfällig war. Nach seiner Entlassung ging Schneck am Stock. Er (...) war nicht mehr voll arbeitsfähig.’“ (2/185)

Ludwig Schneck war ein ehemaliges Mitglied der SPD und Vorsitzender des Holzarbeiterverbands des Bezirks Nürtingen. Anlass seiner Verhaftung und der Einlieferung als Untersuchungshäftling ins Nürtinger Amtsgerichtsgefängnis war im Dezember 1941 eine Denunziation: (3/21) In einer hiesigen „Wirtschaft“ (1/450) hatte er zuvor dem NSDAP-Blockleiter Heinrich D. erzählt, „dass in München an der Feldherrenhalle ,mit Farbe, die man herausmeißeln musste, geschrieben (stand): Lieber ein König von Gottes Gnaden als ein Massenschlächter von Berchtesgaden!’ Außerdem berichtete er, dass die Engländer bereits auf deutschem Boden gelandet seien.“ (2/196f) Woher Ludwig Schneck diese Informationen hatte, ist nicht bekannt. Für Heinrich D., der sich besonders in den letzten Kriegsjahren als Denunziant betätigte, waren diese Äußerungen Grund genug, Schneck anzuzeigen. (2/196f)

Ende April 1942 wurde Ludwig Schneck „vom Sondergericht Stuttgart zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt“. (2/196f) Das Urteil beinhaltete „Vergehen gegen das Heimtückegesetz, verächtliche Äußerungen in einer Wirtschaft“ (1/450) sowie „gehässige(r) hetzerische(r) Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staats und der NSDAP". ...  Obwohl anerkannt wurde, dass diese Äußerung ,wohl keine eigene Hetze gegen den Führer darstellen sollte’, wollte das Sondergericht die Äußerung ,von Seiten eines kriminell und politisch vorbelasteten Menschen’ mit einer exemplarischen Strafe belegen. (2/197)

Aus den vorliegenden Unterlagen ist nicht ersichtlich, wo sich Ludwig Schneck während seiner Strafhaft aufhielt. Aber schon in der fünfmonatigen Untersuchungshaft im Nürtinger Amtsgerichtsgefängnis war er der Unberechenbarkeit von Wachtmeister Josef Küchle ausgesetzt. Im Juli 1945 gab er vor der Spruchkammer zu Protokoll, dass Küchle ihn zwar nicht geschlagen hat, ihn und die anderen Häftlinge aber mit seinen „ständigen“ Strafandrohungen so geängstigt habe, „dass uns stets ein Zittern befiel, wenn er die Zelle betrat. ... Während meiner Haft war Küchle sehr hart mit mir. Er verhinderte es zum Beispiel 13 Wochen lang, dass ich einen Brief von meinen Angehörigen bekam oder selbst von der mir von rechts zustehenden Erlaubnis, selbst Briefe zu schreiben, Gebrauch machen konnte. Erst die Ankunft meines Sohnes in Urlaub brachte es mit sich, dass ich einen Brief bekam. ... “ (3/21) Im Jahr 1948 (Anm. AS: Josef Küchle hatte im Januar 1947 Selbstmord begangen) unterstrich er in einem weiteren Protokoll die zuvor gemachten Aussagen: „Küchle war der schlimmste Mensch, den die Welt je gesehen hat ... Die Frau war noch viel schlimmer wie er. Beschweren konnte man sich nicht, dem wäre es dreckig gegangen, der das gemacht hätte.“ (4/86)

Nach Verbüßung seiner Strafe musste Ludwig Schneck noch bis Ende Januar 1944 in das KZ Welzheim in Schutzhaft, wo er als Schreiner arbeitete.“ (2/197) Im Herbst 1935 war das so genannte Schutzhaftlager im Oberamtsgefängnis Welzheim (umgangssprachlich auch KZ Welzheim genannt (6)) eingerichtet worden. Die Gestapo nutzte das Lager auch als eine Art „Hausgefängnis“ und für zeitlich befristete Inhaftierungen (5) „Eine kleine Anzahl von wenigen Häftlingen, nämlich wenige Schreiner, wurden die ganze Zeit in Welzheim gehalten, wo sie in der Lagerschreinerei unter anderem Möbel ... herstellten oder die Bauschreinerarbeiten für das 1942 im benachbarten Rudersberg errichtete Frauen-Arbeitslager ausführten.“ (6)

Nürtinger Zeitung vom 09. 07. 1949

Ludwig Schneck konnte das Arbeitstempo in Welzheim nicht durchhalten,

          „... er zog sich Asthma zu, das nicht behandelt wurde.

                                    1949,

                         im Alter von 63 Jahren

      starb er „an seinem fortgeschrittenen Lungenleiden – ,

      verursacht durch die Lebensverhältnisse des KZ’",

       wie sein Arzt Dr. Wilhelm Dandler festhielt.“ (2/185)

  • add Quellen

    • 1. StALB: EL 903/4 Bü 102, 02. 12. 1941
    • 2. Nürtingen 1918 – 1950, Hrsg. R. Tietzen, Verlag Sindlinger- Burchartz, Nürtingen/ Frickenhausen, 2011, ISBN 978-3-928812-58-0
    • 3. StALB: EL 902/8 Bü 8934, 20. 07. 1945
    • 4. StALB: EL 902/8 Bü 8934, 20. 04. 1948, Beilage 1
    • 5. Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Geschichtsort Hotel Silber
    • 6. Wikipedia: Schutzhaftlager Welzheim

Anne Schaude, 2015