Unermüdlich setzte sie sich für das Leben der ihr Anvertrauten ein

Die Ärztin Dr. Leonie Fürst

von Anne Schaude, 2019


Sie war eine ganz besonders mutige Frau, die Ärztin, die zwischen September und November 1940 mit allen ihr zu Verfügung stehenden Mitteln um das Leben der ihr anvertrauten behinderten Menschen kämpfte. „Unversehens“ war die 28-jährige stellvertretende Anstaltsärztin Leonie Fürst während ihrer halbjährigen Tätigkeit in der damaligen „Heil- und Pflegeanstalt für Schwachsinnige und Epileptiker“ - so die Wortwahl zu jener Zeit - in Stetten „in die Maschinerie“ der so genannten Aktion T4 des Nazi-Regimes geraten. Als am 10. September 1940 auch in Stetten die „systematische Ermordung Behinderter“ begann, setzte sie sich, unterstützt vom damaligen Pfarrer und Anstaltsleiter Ludwig Schlaich (1899-1977), mutig für das Leben ihrer BewohnerInnen ein. Dass letztlich fast all ihre Bemühungen vergeblich waren, belastete sie Jahrzehnte später noch (1).


Im Jahr 1912 in Tuttlingen geboren, machte Leonie Teufel 1931 das Abitur am dortigen Reformrealgymnasium. Die Klassen waren mit Mädchen und Jungen gemischt, das gemeinsame Lernen mit Jungen war dort selbstverständlich. Das elfte Schuljahr verbrachte sie in einer „haus- und landwirtschaftlichen Schule in Großsachsenheim, einer so genannten Maidenschule“. Dem Wunsch der Eltern, einen Architekten zu heiraten, der das Büro des Vaters weiterführen sollte, entsprach sie nicht. Sie wollte Ärztin werden, und Dank ihres „exzellenten Schulabschlusses“ konnte sie mit dem Medizinstudium beginnen. Sie studierte an den „Universitäten Tübingen, Königsberg, Leipzig und Freiburg, wo sie 1938 das Staatsexamen ablegte". Ein Jahr später heiratete Leonie Teufel in Tuttlingen Dr. Dr. Josef Fürst „und vollendete im selben Jahr ihre Doktorarbeit. Damit war sie die erste Medizinerin mit Doktortitel" in Tuttlingen (2).


Nachdem Hitler im September 1939 den Krieg begonnen hatte, wurde Leonie Fürst „kriegsnotdienstverpflichtet“ (2). Im Mai 1940 kam sie „als Vertretung des zum Wehrdienst eingezogenen Landarztes Dr. (Anm. AS: Albert) Gmelin“ in die Heil- und Pflegeanstalt nach Stetten im Remstal (3). Wie oben schon beschrieben, geriet die junge Frau dort „in die Maschinerie der so genannten ,Aktion T4' des Nazi-Regimes“, der systematischen Ermordung von körperlich- und geistig-behinderten Menschen in der Anstalt Grafeneck (1).


Im Oktober 1939 beschloss Adolf Hitler, „dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann“ (3). Unter verschiedenen Tarnnamen wurde die so genannte Aktion T4, benannt nach der Anschrift der Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4, gestartet, in deren Rahmen „psychisch kranke Erwachsene in Heil- und Pflegeeinrichtungen ausgesondert“, in so genannte Tötungsanstalten transportiert und dort mit Kohlenmonoxid-Gas ermordet wurden (4/104). Damit begann für die Ärztin aus Stetten die größte Katastrophe ihres Lebens, von der Leonie Fürst viele Jahre später sagte, sie habe sich im Jahr 1940 „als Mensch und Ärztin missbraucht" gefühlt (1).


Feilschen“ um das Leben ihrer Patienten


In der Anstalt Stetten war es Aufgabe der stellvertretenden Anstaltsärztin, die Bewohner medizinisch zu betreuen. Als aber am 10. September 1940 die ersten so genannten grauen Busse, die die Kranken zur Ermordung nach Grafeneck abholen sollten, in Stetten vorfuhren, begannen Ärztin und Anstaltsleiter mit dem Transportleiter „um das Leben ihrer Patienten zu feilschen“: Leonie Fürst beschrieb die ihr anvertrauten Kranken zum Beispiel „als fleißige Arbeitskräfte, auf die man nicht verzichten könne“ (1). So geschah es tatsächlich, dass bei diesem ersten Transport neun Patienten weniger mitgenommen wurden als auf der Liste standen (3). Bei jeder Ankunft der Busse, bei jedem weiteren Transport (2), begann das „zermürbende Ringen" um jedes einzelne Menschenleben von Neuem. Meistens standen die Namen derjenigen, die beim letzten Transport zurückgehalten werden konnten, wieder auf der nächsten Liste (5/261). Am 18. September kamen die Busse erneut. Dieses Mal konnten acht Menschen „freigeredet“ werden, deren Namen wieder beim nächsten Transport auf der Liste standen (3).


Am 16. Oktober 1940 sollten 92 Patienten abgeholt werden. Ludwig Schlaich schaffte es, direkt in der Tiergartenstraße 4 in Berlin anzurufen, um die „vorgesehene Durchführung dieses Transportes zu verbieten“. Am Abend des 15. Oktobers sagte Berlin die Transporte für den nächsten Tag ab. Trotzdem hatten Ludwig Schlaich und Leonie Fürst kein gutes Gefühl. Die Ärztin erstellte Gutachten, schrieb „fieberhaft“ Expertisen (3) und versuchte auf diesem Weg, das Wesen und die soziale Kompetenz, Leistungs- und Aufnahmefähigkeit (5/270) jedes einzelnen Bewohners „ausgesprochen freundlich“ hervorzuheben.


So beschrieb sie zum Beispiel die Erkrankung des 48-jährigen Unterensingers Christian Gähr, der seit einem Jahr in Stetten lebte, als „Geisteskrankheit mittleren Grades. Versorgt sich selbst. Gutartig, leicht ansprechbar“. Tatsache war, dass sich dieser Patient schon seit längerem nicht mehr selbst versorgen konnte und tagsüber meist teilnahmslos „in einer Ecke bei der Heizung“ stand. Zudem soll ein Hörschaden die Kontaktaufnahme des Personals mit ihm erheblich erschwert haben (6).


Allein am 17. Oktober fertigte die Ärztin 57 Berichte an mit Formulierungen wie „arbeitet fleißig in der Küche, ist eine große Hilfe“, „schreibt und liest gut", auch Eigenschaften wie „verträglich und freundlich". Ihre Texte „wimmeln von solchen Formulierungen“. Der Ärztin war klar, dass sie die schwerkranken und bettlägerigen Patienten nicht würde retten können. Ein „offensichtlich wahrheitswidriges Zeugnis“ konnte sie diesen nicht ausstellen, das „würde die Glaubwürdigkeit ... aller anderen Gutachten fatal untergraben. Ihre professionelle Kompetenz war das einzige argumentative Pfund, das Leonie Fürst in die Waagschale legen konnte“ (3).


Erfolglose Diskussionen mit dem Gutachter


Noch immer waren die restlichen Patienten nicht gerettet: Am 23. Oktober erschien Dr. Curt Schmalenbach (1910-1944), „Gutachter und späterer Direktor der Tötungsanstalt Sonnenstein“, in Stetten. Er ließ sich alle ärztlichen Berichte vorlegen und „begutachtete im Schnellverfahren weitere 199 Personen“. Dr. Leonie Fürst versuchte, mit ihm über Recht und Unrecht der Euthanasie zu diskutieren, wollte ihm erklären, dass sie „dieselbe nicht anerkennen könne“. Er aber erwiderte, „er verstehe überhaupt nicht, dass eine Frau in dieser Umgebung tätig sein könne. Die Natur nehme einen unverbildeteren Standpunkt ein als die Menschen, ein Reh stoße ihr Kitz in den Bach, wenn es nicht gesund sei“. Ihr Argument, „dass dies ein tierischer Standpunkt sei, über den der Mensch erhaben sei“, konnte er nicht nachvollziehen und meldete ihre Einwände dem Württembergischen Innenministerium (5/272).


Der vierte Transport fand am 5. November 1940 statt. Am Vorabend erfuhr Leonie Fürst telefonisch von einer Hilfskraft des Innenministeriums, „dass die ursprünglich für den 16. Oktober vorgesehenen Personen am nächsten Tag abgeholt würden“. Jedem „solle mit einer Schnur ein Pappschild mit Nummer und Namen unter dem Hemd um den Hals gehängt werden“. Zudem würde „jede weitere Auskunft ...in reichlich ungehörigen Ton verweigert“ (5/278).


Noch einmal versuchte Dr. Fürst, sich für das Leben der ihr Anvertrauten einzusetzen: Nach dem 5. November 1940 fuhr sie selbst zu Ministerialrat Dr. Eugen Stähle (1890-1948) ins Stuttgarter Innenministerium, um den nächsten Transport zu verhindern versuchen. Der Arzt Dr. Stähle, der an der Auswahl des Schlosses Grafeneck als Tötungsanstalt der Aktion T4 beteiligt war, sei ihr mit Vorhaltungen bezüglich der von ihr ausgestellten Gutachten begegnet, berichtete sie in ihrer Zeugenaussage im Jahr 1948 vor dem Amtsgericht Münsingen. Er habe bemängelt, dass sie diese Gutachten „nicht richtig" erstellt habe, bei zwei Fällen sei „herausgekommen, dass sie falsch seien“. Aufgrund ihrer medizinischen Kenntnisse sei die Anstaltsärztin „nicht tragbar“, man würde sie versetzen. In ihrer Zeugenaussage im Jahr 1948 führte sie weiter aus: „Auf meine Frage, wohin ich ,strafversetzt’ werde, ging er hoch und erklärte, wenn er bestrafen wollte, so hätte er ganz andere Möglichkeiten. Ich wurde in der Folge nicht versetzt." (5/271)


Ohne irgendetwas erreicht zu haben, kam Leonie Fürst nach Stetten zurück (5/271), „vollkommen gebrochen und empört zugleich", berichtete Anstaltsleiter Ludwig Schlaich nach dem Krieg (1). Die genaue Anzahl der geretteten Patienten ist nicht bekannt. Möglicherweise waren es „sieben Frauen und Mädchen“, die aufgrund der mühevollen Einsatzbereitschaft und den zähen Verhandlungen vor dem Tod in der Gaskammer bewahrt werden konnten (5/261). 323 der von den insgesamt 760 in der Anstalt Stetten lebenden Menschen wurden an sieben Terminen nach Grafeneck deportiert und dort ermordet. Unter ihnen befand sich auch der Unterensinger, von dem weiter oben berichtet wurde. Ende 1940 wurde die Anstalt Stetten beschlagnahmt, geschlossen und geräumt. Ab August 1941 dienten die Gebäude als Unteroffiziersschule der Luftwaffe. Die überlebenden Bewohner kamen unter anderem in die Heime Mariaberg, Winnenden und Wilhelmsdorf (7).


Der Stein des Gedenkens auf dem Gelände der Diakonie Stetten (8)

Als Landärztin in Ailingen


Frau Dr. Leonie Fürst konnte aufgrund all dieser Erlebnisse vorerst nicht mehr als Ärztin tätig sein: „Ich hatte genug von der Medizin“. Nach der Geburt ihres Sohnes 1942 und der Scheidung 1948 musste sie wieder Geld verdienen (1). Als sie im November desselben Jahres „frohgemut … die mit Bombenlöchern übersäte staubige Landstraße nach Ailingen ging“, hatte sie die „Zulassung von der Ärztekammer Friedrichshafen in der Tasche“. Sie „hoffte auf eine Niederlassung als Landärztin in dem damals nur 2.000 Seelen zählenden selbstständigen Ort, der noch bäuerlich strukturiert war“ und in der Nähe des Bodensees liegt. Anfänglich wollte man sie dort nicht: Sie brauchten keinen Arzt „und erscht recht koi Ärztin“. Ein halbes Jahr später ebnete ihr der Bürgermeister den Weg. Er verhalf ihr „zu einer reichlich behelfsmäßigen Praxis“ in einem Nebenzimmer eines Gasthauses, die am 1. Mai 1949 eröffnet wurde (2). Trotzdem war die „erste evangelische Ärztin“ im katholischen Ailingen nicht willkommen. Als die Flüchtlinge bei ihr Hilfe suchten, trauten sich dann auch die einheimischen Katholiken in ihre Praxis (1).


Im Jahr 1954 ließ sie im selben Ort ein kleines privates Entbindungsheim bauen, in das auch die Praxis übersiedelte. Im „Pflegenest", so sein Name, machte Leonie Fürst erste Erfahrungen mit dem „Experiment Rooming-in", der Anwesenheit des Neugeborenen im Zimmer der Wöchnerin. Bis 1970, als Leonie Fürst das Pflegenest schloss, erblickten dort mehr als 550 Kinder das Licht der Welt. „Wir hatten keinen längeren Fieberanfall ... und auch keinen kranken Säugling", berichtete sie später stolz. Obwohl sie keinen freien Sonntag hatte und auch „oft nachts rausgeklingelt wurde“, soll sie nie gejammert haben (2).


Das Gebäude des ehemaligen Entbindungsheims in der Ittenhauserstraße im Jahr 2019 (8)

Aufgrund eines Augenleidens musste Leonie Fürst im Jahr 1979 ihre Praxis schließen. Zur Augenerkrankung kamen noch weitere Gebrechen hinzu, die ihr mit zunehmendem Alter längere Autofahrten unmöglich machten. Zuvor war die „passionierte Autofahrerin“ mit ihrem Citroen und Hund Arco nonstop nach Italien und Südfrankreich gefahren. Dort, in der Provence, hatte „sie sich in ihr provisorisch erbautes Haus zurückziehen“ können. Das Grundstück hierfür hatte sie Anfang der 1960er Jahre „am steilen Hang eines ehemaligen Weinbergs bei (Le) Lavandou in der Nähe von St. Tropez gekauft“ (2).


Teil des „Kulturgeschwaders“


Leonie Fürst liebte die helle Sonne des Südens, genoss ihre Fähigkeiten zum Dichten und Malen. Es wird berichtet, sie habe sich mit Worten besser ausdrücken können als mit dem Pinsel. Und dann gab es da noch das „Kulturgeschwader“, zu dem sie gehörte, vier Freundinnen mit Kulturhunger, die sich zu Lesungen und Diskussionen trafen und ohne die keine Vernissage in der Umgebung stattfand. In den letzten Lebensmonaten waren es auch die Freundinnen, die ihr vorlasen, zum Beispiel Lyrik und Prosa der Weltliteratur und „Autobiografien bedeutender Frauen“. Unter ihren Alterskameradinnen soll sie eine „Ausnahmeerscheinung“ gewesen sein: emanzipiert, selbstsicher, tolerant, durchsetzungsfähig und zielstrebig, aber auch warmherzig, empathisch und humorvoll (2).


Im September 1987 erhielt Leonie Fürst das Bundesverdienstkreuz am Bande, verliehen für das Entbindungsheim, das sie „aus idealistischer Weltanschauung" betrieben hatte. Bis zu ihrem Tod im Mai 1996 konnte sie sich einen großen Wunsch nicht mehr erfüllen: Zu gern hätte sie noch ein Buch über die Menschen geschrieben, die ihr in ihrem Leben begegnet waren. Und auch die Straße hinter dem Wellen-Freibad in Friedrichshafen-Ailingen, die seit dem Jahr 2000 ihren Namen trägt, erinnert an die große Förderin von Kunst und Literatur (2).


Straßenschild am Wellen-Freibad in Ailingen (8)

 

„Sie hat ein widerständiges Frauenleben geführt in einem Jahrhundert voller Umbrüche und Katastrophen", berichtete im Jahr 2001 die Autorin Angrid Döhmann in einer Broschüre, in der Frauen, die am Bodensee lebten und die „exemplarisch für die Generation von Frauen, die vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg ihre ,Frau‘ standen“, vorgestellt wurden. Eine dieser Frauen, deren Biografie im Rahmen dieses Projekts „Würdigung und Anerkennung“ erfuhren, war die von 1949 bis zu ihrem Tod 1996 in Friedrichshafen-Ailingen wohnende und so beliebte Allgemeinärztin Dr. Leonie Fürst (2).


  • add Quellen

    1. Angrid Döhmann: Leonie Fürst feilschte um das Leben ihrer behinderten Patienten, in: Schwäbische   Zeitung v. 13. 04. 2012

    2. Angrid Döhmann: „Um alles lassen zu können“ - Dr. Leonie Fürst, in: Frauen am See, Arbeitsgemeinschaft Frauen im Bodenseekreis e.V., Broschüre, Friedrichshafen, 2001

    3. Peter Schwarz: Über eine Frau von seltenem Mut, in: Waiblinger Kreiszeitung v. 12. 01. 2012

    4. F. Bedürftig, Taschenlexikon Drittes Reich, Piper Verlag, München, 1998, ISBN 3-492-22369-9

    5. Martin Kalusche, „Das Schloß an der Grenze“, Diakoniewissenschaftliche Studien, Bd. 10, Selbstverlag des Diakoniewissenschaftlichen Instituts der Universität Heidelberg, 1997, ISBN 3-929919-10-9

    6. Historisches Archiv, Diakonie Stetten, Bericht von Schwester Emma B., Juni 1940

    7. Hrsg. Pfarrer R. Hinzen, Broschüre: Bilder, Wege, Spuren, Aus der Geschichte der Diakonie Stetten, 2013

    8. Fotos Anne Schaude, 2019