„Dem Führer ein Kind schenken“

Wahrheiten und Gerüchte rund um den Lebensborn e.V.

von Anne Schaude, 2021


 1.  Geldstrafen für Drei, die nach der Wahrheit fragten


Im Jahr 1943 ereignete sich in einer Gemeinde des Altkreises Nürtingen, die seit 1975 als Teilort zur Stadt Nürtingen gehört, etwas - für uns heute - ganz Unglaubliches:


Die junge Marinehelferin Else Sch. (Geburtsjahr und Einsatzort nicht bekannt), die auf Heimaturlaub nach Hause kam, berichtete ihrer Mutter, dass den an ihrem Einsatzort neu angekommenen Marinehelferinnen bei einem Appell mitgeteilt worden sei, sie könnten dem Führer ein Kind schenken. Ergänzend habe der hier nicht näher beschriebene Vorgesetzte den jungen Frauen folgende Mitteilungen gemacht: Unter anderem wurden sie darüber informiert, dass sie im Falle einer Schwangerschaft keinen Urlaub bekommen, damit zu Hause niemand etwas über die Schwangerschaft erfahre. Nach der Geburt würden ihre Kinder in Kinderheimen aufwachsen. Den Müttern entstünden keine weiteren Kosten oder Nachteile, beruflich sei ihnen aber eine Beförderung und ein höheres Gehalt in Aussicht gestellt worden. Von 48 Marinehelferinnen hätten sich dreißig zu einer Schwangerschaft bereit erklärt, teilte Else Sch. ihrer Mutter mit.


Die Reaktion der Mutter auf diesen Bericht ihrer Tochter ist nicht bekannt. Sie soll aber daraufhin mit ihrer eigenen Mutter, Frau Sp., der Oma der jungen Frau, über dieses Angebot für Marinehelferinnen gesprochen haben. Wohl nichtsahnend gab die Oma diesen Bericht an ihre Mieterin, Frau T. (geborene Z., Jahrgang 1906), weiter, die sich darüber mit ihrer Schwester, Frau M. (geborene Z., Jahrgang 1912), austauschte. Frau M. hatte mit ihren zwei Kleinkindern kriegsbedingt ihren Wohnort Karlsruhe verlassen müssen und wohnte seit Sommer 1943 in derselben Straße im Nürtinger Teilort wie ihre Schwester, nur ein paar Häuser weiter.

 

Stubenwagen (a/152)

„Hast Du denn sowas schon gehört?“, fragte Frau T. ihre Schwester. Sie selbst hatte nie zuvor von derartigem erfahren und war über diese Information sehr überrascht. Frau M. wandte sich an Herrn H. (geboren 1908), der im selben Hause wie sie wohnte. Er hatte zwar schon mehrmals davon gehört, konnte aber diesen Bericht nicht so recht glauben. Herr H. war Vater von zwei Kleinkindern und arbeitete als Fräser in einer Spezialfabrik für Messgeräte in Esslingen. In einem Gespräch mit seinen Arbeitskollegen wollte er von ihnen wissen, wie sie diese Geschichte einschätzten.


Vorladungen in Esslingen und Nürtingen


Einzelheiten des Gesprächs unter den Arbeitskollegen sind nicht überliefert, bekannt ist auch nicht, wie lange es dauerte, bis Herr H. infolge dieses Gespräches an seinem Arbeitsplatz von der NSDAP-Kreisleitung in Esslingen eine Vorladung erhielt. Auch wer ihn denunziert hatte, ist aus den vorliegenden Akten nicht ersichtlich. Als gesicherte Information gilt eine diesbezügliche Mitteilung der NSDAP-Kreisleitung in Esslingen an die Nürtinger Kreisleitung zu Händen von Regierungs-Oberinspektor (Otto) Hoffmann, datiert auf den 27. November 1943. Bei der Vorladung auf der Esslinger NSDAP-Kreisleitung gab Herr H. das Gespräch mit seinen Kollegen zu, er nannte auch die Namen der beiden Schwestern aus seinem Wohnort, sagte aber, dass er sich nur im Kreise seiner Kollegen geäußert und nicht mit schlechter Absicht gehandelt habe.


Wenige Tage später, Anfang Dezember 1943, erhielten Herr H. und die beiden Schwestern vom Nürtinger Landrat (Anm.; sein Name ist Helmuth Maier, in dieser Quelle wird sein Name nicht genannt) eine Vorladung. Ihm gegenüber erklärte Herr H., er bedaure es sehr, dass er das ihm zur Last gelegte Gerücht tatsächlich einem Arbeitskollegen gegenüber ausgesprochen habe. Er habe diese Geschichte selbst nicht glauben können und seine Kollegen gefragt, ob diese schon mal etwas über ein derartiges Angebot gehört hätten. „Aus böser Absicht heraus“ habe er nicht gehandelt, fügte er hinzu. Deshalb bitte er darum, dass gegen ihn kein Strafverfahren eingeleitet werde. Da sich Herr H. bis zu diesem Tag nichts hatte zuschulden kommen lassen, blieb es bei einer „eindringlichen Verwarnung“ und einer Zahlung von „100 Reichsmark (RM) an die Kreisamtsleitung ... zu Gunsten des Kriegswinterhilfswerks“. Er versprach, sich „in Zukunft nichts mehr zuschulden kommen zu lassen“.


Auch Frau M., die eine der beiden Schwestern, berichtete, dass sie das ihr zur Last gelegte Gerücht weitererzählt habe: „Ich hatte es von meiner Schwester ... gehört. Ich wohne bei Herrn H. im Hause und habe es ihm weitererzählt, weil es mir unglaublich vorkam, dass derartiges wahr sein sollte. Ich hatte nicht die Absicht, ein Gerücht zu verbreiten, sehe aber durchaus ein, dass ich mich strafbar gemacht habe. Ich bin ... nicht vorbestraft und habe einen guten Leumund. Ich bitte diesen Vorfall nicht strafrechtlich weiter zu verfolgen und bin bereit, eine Buße von 100 RM zu Gunsten der NSV (Anm. Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) zu bezahlen“. Auch sie musste versprechen, sich „in Zukunft nichts mehr zuschulden kommen zu lassen.“


Als dritte erklärte auch Frau T., die andere Schwester: „Ich bedaure sehr, dass ich durch mein Verhalten gegen meinen Willen zur Verbreitung eines Gerüchtes beigetragen habe. Ich bitte, mit Rücksicht auf meinen bis jetzt unbescholtenen Lebenswandel von einer Strafe absehen zu wollen“. Auch sie bezahlte 100 RM an die NSV. Und auch sie bestätigte mit ihrer Unterschrift, dass sie wegen „fahrlässiger Verbreitung von Gerüchten streng gewarnt“ worden sei und „im Wiederholungsfalle mit strenger Strafe zu rechnen habe.“


Ihre Strafe haben die drei bezahlt. Diese drei Quittungen/ Einnahme-Belege von jeweils 100 RM sind auch nach mehr als 75 Jahren erhalten geblieben. Bei allem, was man heute über den so genannten „Lebensborn e.V.“ weiß, ist es unvorstellbar, dass diese drei Personen für ein Gerücht bestraft wurden, welches gar kein Gerücht, sondern bittere Realität war. Doch alles, was im Rahmen des Lebensborn geschah, unterlag strengster Geheimhaltung. Dass Menschen, die auf der Suche nach der Wahrheit Gerüchte hinterfragten, mit empfindlichen Strafen zu rechnen hatten, erfuhren diese Drei zu spät: Mit Geldstrafen und Strafandrohungen im Wiederholungsfall wurden sie mundtot gemacht. Welche Strafe die junge Marinehelferin zu erwarten hatte, ist hier nicht überliefert.

 

Quelle: StAL EL 900/17 Bü 25


2. Lebensborn e.V.: „Deutsche Mutter, bist Du bereit?"

 

Schon im Jahr 1924 hatte Adolf Hitler die Vorstellungen seiner so genannten Rassen- und Bevölkerungspolitik verkündet. Zu seinen Ideen zählte unter anderem die Sorge um den Bestand der so genannten „nordisch-arischen ,Herrenrasse’“, die er mit „modernsten ärztlichen Hilfsmitteln“ vergrößern wollte. Sein Konzept sah zum Beispiel neben der Unfruchtbarmachung von so genannten „erblich Belasteten“ die Förderung der „Fruchtbarkeit des gesundes Weibes“ vor. Kurz nach seiner Machtergreifung begann Hitler, diese beiden Projekte „zielstrebig“ voranzutreiben. Im Juli 1933 trat das so genannte „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses in Kraft“, ab 1935 waren zum Beispiel nur noch Schwangerschaftsabbrüche aus so genannter eugenischer (Anm.: erbgesundheitlicher) Indikation erlaubt (1/224).

 

Es sollten nur so genannte „rassisch wertvolle“ Frauen dem Staat Kinder schenken, alle anderen Frauen galten „nach den strengen rassehygienischen Kriterien als ,minderwertig'". Deren Schwangerschaften waren unerwünscht und sollten mit allen Mitteln verhindert werden. So durfte ab September 1935 zum Beispiel kein Standesbeamter mehr eine Ehe „ohne Vorlage eines (so genannten) amtlichen Ehegesundheitszeugnisses" schließen. Diesem Zeugnis lag eine Gesundheitsprüfung der Heiratswilligen zugrunde (1/224). So wurde festgestellt, dass nur noch Partner mit so genannten „deutschem oder artverwandtem Blut“ heirateten. Zuwiderhandlungen wurden mit Gefängnis bestraft (1/224f). Die Heirat von deutschen Frauen mit „Mitgliedern der (so genannten) NS-Eliteorganisationen“ wie Berufssoldaten und SS-Angehörigen (SS-Schutzstaffel) unterlag besonders strengen Regeln: „Nur vollkommen gesunde und rassisch einwandfreie Frauen durften sich" mit diesen verbinden (1/225).

 

So sind auch heute noch in Nürtingen Spuren aus dieser Zeit erhalten: Im Jahr 1938 wurde im Rahmen einer Renovierung des Rathauses in einen Deckenbalken im Trauungszimmer folgender Spruch eingekerbt:

I n  u n s  s e l b s t  l i e g t  d i e  Z u k u n f t  d e r  d e u t s c h e n  N a t i o n“ (2/208)

 

Das Ziel war so genannter erbbiologisch-wertvoller (3/23) Nachwuchs etwa als Soldaten-Nachschub und „nicht zuletzt ... für Siedler in dem erhofften ,Großdeutschen Reich’ und den erwarteten ,Kolonien im Osten’" (3/46). Auch aus diesem Grunde wollte das NS-Regime die etwa 600.000 Schwangerschaftsunterbrechungen nicht akzeptieren, die im Reich bis dahin jährlich durchgeführt wurden und die auch unverheiratete, so genannte wertvolle, Frauen durchführen ließen. Zudem bestand bei Schwangerschaftsabbrüchen die Gefahr von Sterilität oder Tod der Frauen, die zukünftig als „Mütter deutscher Sippen“ ausfallen würden (3/28). Mit der Wiedereinführung der Paragrafen 219 und 220 des Strafgesetzbuches konnten nun nach gesetzeswidrigen Eingriffen schärfere Strafen verhängt werden (1/225).

 

(Quelle: a/133)

 

Organisation des Lebensborn e.V.

 

Um „den Kinderreichtum in der SS zu unterstützen, jede Mutter guten Blutes zu schützen und zu betreuen und für hilfsbedürftige Mütter und Kinder guten Blutes zu sorgen“, gründete Reichsführer-SS (RFSS) Heinrich Himmler (1900 - 1945, Suizid (1/846)) im Jahr 1935 den so genannten Lebensborn e.V. (1/225). Er war ein Verein, der, als gemeinnützig deklariert, „1936 in das Vereinsregister des Amtsgerichts Berlin eingetragen“ wurde. Der Lebensborn „unterstand (anfänglich) dem (so genannten) Rasse-und Siedlungs-Hauptamt der SS (RuSHA) unter dem Vorsitzenden des so genannten Sippenamtes SS-Oberführer Berndt Freiherr von Kanne mit seinem Stellvertreter SS-Stumbannführer Matthias Haidn". Da Himmler selbst den Vorsitz übernehmen und dem RuSHA die Kontrolle entziehen wollte, schaffte er es, den „Sitz des Vereins von Berlin nach München“ zu verlegen und die Satzung des Vereins zu ändern (3/60f). Ab Januar 1938 unterstand das neue „Amt L“ direkt „Himmlers Persönlichem Stab“, er machte seinen Freund Gregor Ebner (1892-1974) zum Geschäftsführenden Vorstandsmitglied des Lebensborn e.V.. Gegen Kriegsende waren noch etwa 700 Angestellte beim Lebensborn tätig, davon achtzig Prozent Frauen, weil viele Männer im Krieg waren (3/61).

 

Für alle hauptamtlichen SS-Führer sei der Beitritt in diesen Verein Ehrenpflicht, verkündete Himmler (1/23). Im Dezember 1938 hatte der Verein etwa „13.000 Mitglieder, davon 8.000 aus der SS und 4.000 aus der Schutzpolizei". Die Mitgliedsbeiträge dienten unter anderem zur Unterstützung kinderreicher SS-Familien und den Hinterbliebenen gefallener SS-Männer (3/64f), auch für Gebäudekäufe, Baukosten und die Anschaffung von medizinischen Geräten (3/77). Mit den Beiträgen konnte aber nur ein „kleiner Teil aller Ausgaben bestritten werden“ (3/65). Weitere Einnahmen kamen von der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) und von den Vätern (3/76), über die hier weiter unten berichtet wird. Innerhalb der NSDAP nahm dieser Verein eine Sonderstellung ein, auch deshalb, weil „die Aufnahme in eines seiner Heime ausschließlich auf freiwilliger Basis erfolgte“. Die Frauen konnten selbst entscheiden, ob sie die Hilfe des Vereins in Anspruch nehmen wollten (4/32).

 

Der Lebensborn e.V. verzichtete auf „lautstarke Werbung in eigener Sache“: für Ruhe und Diskretion zu sorgen gehörte zu den wichtigsten Aufgaben des Vereins. Um seine Zielgruppe zu schützen und die Verschwiegenheitsgarantie gegenüber seinen Klienten, insbesondere den Frauen, zu gewährleisten, machte er nur „dezent auf sich aufmerksam“ (4/28). Aber allein schon, dass bereitwillige Frauen angeworben werden mussten, wie weiter vorne im Bericht der jungen Marinehelferin aufgeführt wird, zeigt, dass sich die Bevölkerung, die nicht direkt mit dem Verein in Berührung kam, ein „ungefähres Bild über den Lebensborn“ machen konnte. Allerdings sorgte dieses Bild für „ein diffuses Halbwissen, für Mythen und Legenden", die nicht ausgeräumt wurden, die aber Gerüchten „den besten Nährboden“ bereiteten (4/69ff).


Heime im Altreich und in mehreren besetzten Ländern


Das erste Lebensborn-Heim, das ab 1936 eröffnet wurde, befand sich in Steinhöring in Oberbayern. Weitere folgten im Harz und Schwarzwald, bei Berlin, Bremen und Wien, in Bad Polzin und Wiesbaden (3/100ff). Es gab einzelne Heime in Frankreich, Belgien und ein kleines Kinderheim in Luxemburg (3/202ff). In Norwegen wurden Luxushotels und Krankenhäuser beschlagnahmt und zu Entbindungs- und Kinderheimen umgebaut (3/194f). Genaueres darüber folgt weiter unten.


Mutterkreuz (b)

Himmlers Wunsch war es, mit der als langfristig angelegten Einrichtung des Lebensborn „das rassistische ,Ausleseprinzip'“ umzusetzen (3/28). Er stellte sich vor, wenn es gelänge, die so genannte Abtreibungsseuche zu unterbinden, könnten „allein durch diese bevölkerungspolitische Maßnahme in 18 bis 20 Jahren 18 bis 20 Regimenter mehr marschieren“ (3/28). Es wurde ein neuer „Kultus der Mutterschaft" kreiert, der aus bevölkerungspolitischen Motiven hervorging (3/45). Im Jahr 1936 rief Himmler als Reichsführer der SS und der Polizei „alle SS-Führer und 1939 die gesamte SS und Polizei zur Zeugung einer“ Familie mit mindestens vier Kindern auf (1/564) - und lockte mit dem Mutterkreuz. Erreiche ein Paar dieses Ziel nicht, weil es keine Kinder bekommen könne, „sollte jeder SS-Führer rassisch und erbgesundheitlich wertvolle Kinder annehmen und sie im Sinne des NS erziehen“ (3/23).


SS-Angehörige hatten sich mit der Wahl ihrer Partnerinnen „für die Reinheit des Blutes“ zu entscheiden, aber nicht alle sollen sich an Himmlers so genannten Heiratsbefehl gehalten haben, „beklagte ein namentlich nicht bekannter Referent“ auf einer Tagung im Jahr 1944. Anstatt sich von der so genannten „minderwertigen“ Partnerin zu trennen, traten sie aus der SS aus, meinte er. Seine Schlussfolgerung: Dann „sei es zu spät, um in die Gattenwahl eingreifen zu können“. Deshalb müsse vorher „jeder SS-Mann die Gelegenheit bekommen, rassisch wertvolle Frauen ... kennen zu lernen, um die es sich zu werben und zu kämpfen lohne“ (3/39). Weiter erklärte der uns unbekannte Referent:


Die Pflicht ... und den Willen zum Kind ,müssen wir dem Volke und vor allem auch den Männern der SS ins Herz hämmern, so dass hier der heilige Wille entfacht wird, dem Volke zu geben, was es braucht: Kinder und abermals Kinder’“ (3/39).

(Quelle: a)


Eheanbahnungen


Um dieses Ziel zu erreichen, schlug Reichsärzteführer Leonardo Conti (1900 – 1945, Suizid in alliierter Haft (1/828)) im Jahr 1942 vor, die „planmäßige Durchführung von Eheanbahnungen ... als eine schöne und wichtige Aufgabe (anzusehen), deren Durchführung sehr wohl die Partei mithilfe des Amtes für Volksgesundheit, des NS-Ärztebundes und anderer Einrichtungen übernehmen könnte“ (3/29). Es sollten nur die Menschen zusammengebracht werden, „von denen wieder nordisch bestimmte Kinder zu erwarten sind“ (3/37). Für diese gab es ein Bewertungssystem, nach dem „sowohl die Frauen als auch die Väter ... aussagekräftig“ benotet wurden: Zur Gruppe I gehörten „Mutter und Vater, charakterlich, weltanschaulich, rassisch, erbgesundheitlich und gesundheitlich in Ordnung“. Zugeordnete zur Gruppe II wiesen schon „rassisch, erbgesundheitlich oder gesundheitlich gewisse Mängel auf“. „Unerwünschte Mütter oder unerwünschte Vater“ zählten zur Gruppe IV: Diese seien als „charakterlich oder weltanschaulich fehlerhaft oder rassisch abzulehnen oder erbgesundheitlich oder gesundheitlich ernsthaft zu beanstanden und deshalb als Erzeuger von Kindern unerwünscht“ (3/13).


„Trotz hoher Verluste an der Ostfront“ rechnete Hitler „im Mai 1943“ noch immer mit einem Sieg. Nach dem Krieg wollte er die Ehegesetze ändern und die so genannte Doppelehe einführen. Sein Ziel war es nicht, die Einehe aufzuheben, vielmehr sollten „die Helden des Kriegs“ wie zum Beispiel die „Träger des Deutschen Kreuzes in Gold ... das Recht erhalten, eine zweite Ehe einzugehen“. Aufgrund dieser Auszeichnungen seien dann die Männer bekannt, „an deren weitgehendster Vererbungsmöglichkeiten das Reich das größte Interesse habe“. Von jenen könne erwartet werden, „dass sie Kinder mit besten Qualitäten in die Welt setzen würden“ (3/41).

 

(Quelle: a)

Ledige Mütter


Zuerst aber wurde Näherliegenderes geplant: Um Nachschub für gefallene Soldaten aufzuziehen, musste sich Reichsführer-SS Himmler bei der Auswahl der Frauen umorientieren. Die „mit SS-Männern verheirateten werdenden Mütter waren zwar weiterhin da, aber der Anteil der ledigen Frauen nahm ständig zu“ (3/46). Unverheiratete Frauen galten im NS-Staat „als Wesen ohne eigentliche biologische Existenzberechtigung“, als eine so genannte „Arbeitsbiene“, die sich – nach seinen Worten - der Mutterschaft entzog (3/45). Um ihr Gebär-Potenzial zu nutzen, sollte mit den „überalterten Vorstellungen auf dem Gebiet der öffentlichen Moral“ gebrochen werden (3/52f).


Um eine Veränderung der alten Moralvorstellungen zu erreichen und eine „Wandlung im Bewusstsein der Deutschen zu initiieren“, warb Himmler auch in der SS-Zeitung „Das schwarze Korps“ für die Notwendigkeit einer Einrichtung wie den Lebensborn (3/46). Jede ledige Mutter mit so genannten gutem Blut „erfülle dem Volk gegenüber nur eine Pflicht, die es zu fördern und zu unterstützen galt“, war seine Meinung. Weiter führte er aus: Wenn diese Kinder „von gesunden Eltern abstammen und in geordneten sozialen und moralischen Verhältnissen aufwüchsen, seien sie durchaus wertvolle Glieder der Volksgemeinschaft“ (3/52f).



Nach Frauenherzen, Frauenhänden schreit

in bitteren Nöten unsere schwere Zeit.

Wohl kann der Mann die großen Zeiten bauen;

doch steht und fällt ein Volk mit seinen Frauen!“


Dr. Arthur Gütt (1891 - 1949), 1934 (5)

SS-Zeugungshelfer


Laut damaligen Berechnungen ging man von „etwa zehn Prozent der unverheirateten Frauen“ aus, die bereit sein könnten, ein so genanntes Wahlkind zu empfangen. Insgesamt wären dies „rund 100.000 Kinder“ gewesen (3/29). Im April 1939 forderte Himmler unter anderem die Lebensborn-Führer auf, diesbezügliche Werbung zu betreiben. Dabei ging es nicht um „Reklame zur Heiratsvermittlung“, vielmehr müsse man „die ungezählten Hunderte und Tausende von Frauen und Mädels“ darauf hinweisen, dass es für sie „Hilfe in anständigster Form gibt“ (3/12). Der Lebensborn nahm aber nicht automatisch alle unehelichen Kinder auf. Die Heime waren zuerst „für die Bräute und Ehefrauen der jungen SS-Angehörigen“ gedacht, erst dann für die Aufnahme „unehelicher Mütter guten Blutes“ (3/44).


Reichsärzteführer Conti unterbreitete Himmler drei diesbezügliche Vorschläge:


  1. Alleinstehende Frauen wählen selbst einen Partner, „der aber aus irgendeinem Grunde für die Eheschließung nicht in Frage kommt“.

  2. Sie können sich einen Partner vermitteln lassen. Dies sei aber die „psychologisch schwerwiegendste" Möglichkeit, „gegen die schwere Bedenken bestehen wegen der Folgen, die das sexuelle Erlebnis in solchen Fällen wecken muss“, unterstrich er. Aus diesem Grund wurde „dieser Weg ... außer Diskussion gestellt“.

  3. Die dritte Möglichkeit bestand darin, „die wissenschaftlichen Erfahrungen hinsichtlich der künstlichen Befruchtung nutzbar zu machen. ... Zwar bekäme der Befruchtungsvorgang dadurch etwas mechanisch Seelenloses, aber schließlich sei es mindestens so unnatürlich, wenn gesunde ... Frauen ihrem natürlichen Gefühl nach Mutterschaft nicht Folge leisten dürften und kinderlos bleiben müssten“ (3/29).


Eigentlich stand Himmler der künstlichen Befruchtung ablehnend gegenüber (3/29). Doch konnte ledigen Frauen, die sich ein oder mehrere uneheliche Kinder wünschten, so genannte SS-Zeugungshelfer vermittelt werden (3/36). Als „Organisation weigerte sich aber der Lebensborn, Partnerschaften anzubahnen und Zeugungshelfer zu vermitteln“ (6/231).

 

Ein so genanntes Begattungsheim auch in Nürtingen?


In diesem Zusammenhang sollen Gerüchte aus der Nachkriegszeit entkräftet werden, die davon künden, SS-Männer hätten in den Lebensborn-Heimen Kinder gezeugt (3/36). Spekulationen um Zeugung, Schwangerschaft, Geburt und Verbleib eines Kindes entstanden schon in der NS-Zeit, wie obiger Bericht deutlich macht (6/14). Dass die Lebensborn-Heime keine „Edelbordelle“ waren, ist schon lange nachgewiesen: Dafür gibt es in der Forschung keine Belege, es konnten nicht einmal diesbezügliche Hinweise gefunden werden (3/36). Trotzdem leben diese Phantasien weiter: Auch in Nürtingen sind heute, 2021, immer noch manche davon überzeugt, dass draußen beim Jungborn im Tiefenbachtal in der NS-Zeit derartige Treffen stattfanden. Zudem wird vermutet, der Name Jungborn könne aus dieser Zeit stammen.

 

Seit 1910 befand sich in der idyllischen Landschaft des Tiefenbachtals der „Schwäbische Jungborn“ von Karl Mauz. Als Kurbad und Walderholungsheim konzipiert, hatte er „die beeindruckende Anlage“ mit einem Haupthaus, einem Nebengebäude als Badegebäude (7), kleinen Holzhäuschen für die Gäste und einem „Kneipp-Tretbecken am Tiefenbach“ errichten lassen (8/14). Das Haupt- und das Nebengebäude wurden im November 1970 abgerissen (7).

 

Walderholungsheim Schwäbischer Jungborn, Ansichtskarte, Luftaufnahme unbekannten Datums (b)

Hier die „Villa Sorgenlos“, eines der Gästehäuschen auf dem Gelände des „Schwäbischen Jungborn“ (Ansichtskarte um 1930 (b))

Gauschule Jungborn, Nebengebäude, NS-Lehrerbund Gau Württ.-Hohenzollern, Ansichtskarte vermutlich um 1935 (b)

Nachdem Karl Mauz gestorben war, nahm hier ab Sommer 1934 ein Gauschulungslager des NS-Lehrerbundes seinen Betrieb auf (8/14f). Im Nürtinger Stadtarchiv gibt es keine Archivalien aus dieser Zeit, die Auskunft über die Existenz eines so genannten Begattungsheims im Tiefenbachtal in der NS-Zeit geben könnten. Zudem wird davon ausgegangen, dass die Bezeichnung „Jungborn“ von Karl Mauz selbst stammt, aus der Zeit um 1910, als er mit seinem Kur- und Badebetrieb begann (7). Auch mit der mittleren Ansichtskarte aus der Zeit um 1930 wird dokumentiert, dass hier bereits vor der NS-Zeit der Name „Jungborn“ gebräuchlich war.

 

Bericht von einem Lehrgang für Erzieher im Jungborn (Nürtinger Tagblatt vom 21. 06. 1937)

Die Zeugung von Knaben

 

Himmlers Vorstellungen gingen sogar so weit, nach Wegen zu suchen, um bevorzugt Jungen für seine „18 – 20 Regimenter in 18 – 20 Jahren“ zeugen zu lassen. „Allen Ernstes“ soll er den Auftrag erteilt haben, „beim Lebensborn einen Vorgang ,Frage der Zeugung von Mädchen oder Knaben’" einzurichten. Diese Idee kam ihm, nachdem er eine Geschichte von der Schwäbischen Alb gehört hatte: Dort würde die Ausübung bestimmter Rituale zum Erfolg führen, wenn sich ein Paar einen Knaben wünschte. Dieser Wunsch traf vermutlich zum Beispiel dann zu, wenn ein Landwirts-Ehepaar sehnlichst einen Nachfolger für seinen Hof benötigte. Ohne dieses Thema weiter zu vertiefen, sollen die entsprechenden Rituale unter anderem in einer besonders gesunden Ernährung der Frau und einem Vierzig-Kilometer-Marsch des Mannes vor der Zeugung eines Jungen bestanden haben (3/31). Was aus diesem Projekt des Lebensborn wurde, ist leider nicht überliefert.


Betreuung von Mutter und Kind


Der Lebensborn sollte viele Aufgaben erfüllen wie zum Beispiel die Unterbringung und Betreuung der „rassisch und erbbiologisch wertvollen werdenden Mütter“, damit „wertvolle Kinder zur Welt kommen“. Diese Kinder waren zu betreuen, egal, ob die Mütter ihre Kinder bei sich behielten oder sie zur Fremdpflege freigaben. Die Frauen kamen aus allen „sozialen Schichten“. Unter ihnen befanden sich zum Beispiel sowohl Katholikinnen als auch so genannte Gottgläubige, die landwirtschaftliche Gehilfin entband beispielsweise neben der Witwe eines gefallenen Soldaten oder SS-Mannes (3/139).


Die meisten Geburten verliefen normal, die durchschnittliche Säuglingssterblichkeit lag bei nur drei Prozent im Gegensatz zu sechs Prozent im restlichen Reich. Zwei Monate Stillen war Pflicht! Unter Aufsicht geprüfter Schwestern betreuten die Mütter ihre Kinder selbst. Im Jahr 1941/42 befanden sich etwa knapp sechzig Prozent uneheliche Mütter in den Heimen des Lebensborn, von denen die eine Hälfte einen „ledigen Kindsvater“, die andere Hälfte einen verheirateten Kindsvater, hatte. Die Geheimhaltung über das Kind wurde meistens von den Müttern gewünscht. Zu dieser Zeit verließen die Mütter das Heim „in der Regel nach 88 Tagen, während das Kind 297 Tage im Heim blieb“. Wenn die Mütter ihre Kinder nicht mitnehmen konnten, wurden diese bis zu einem Jahr im Lebensborn-Heim betreut. Erst dann kamen sie in Kinderheime oder wurden „bei kinderlosen, beziehungsweise kinderarmen SS-Führerfamilien in Pflege gegeben“ (3/116ff).


Versorgung der unehelichen Kinder


Da „die Sippe ... eine organische Gemeinschaft (ist), die man nicht ohne weiteres auflösen darf“, wünschte sich das NS-Regime, dass Mütter und Kinder zusammenbleiben konnten (3/139). Und nur selten, so scheint es, wollten sich die ledigen Mütter endgültig von ihren Kindern trennen. „Bis Ende 1939 waren 214 Kinder in Pflegestellen untergebracht worden“, bis zu dieser Zeit hatten „zwanzig Mütter ihre Kinder zur Adoption freigegeben“. Für die unehelichen Kinder übernahm nach der Entlassung der Mütter der Lebensborn die Vormundschaft (3/117). Unter anderem schloss das so genannte Rasse- und Siedlungshauptamt der SS-Reichsführung mit der „Deutsche(n) Lebensversicherungs-AG ...Versorgungsversicherungen für die von ihm betreuten unehelichen Kinder“ ab. So wurden von den monatlichen Unterhaltskosten der unehelichen Väter in Höhe von 35.- Reichsmark (RM) „zehn RM als Versicherungsprämie einbehalten“ (3/84).



Fünf-Monats-Statistik von 1941/42“:


Kindsväter:

25,8 Prozent stammten aus dem Kreis der hauptamtlichen SS-Angehörigen,

12,1 Prozent aus der Wehrmacht,

5,9 Prozent von hauptamtlichen Parteimitgliedern,

13,5 Prozent von höheren Beamten und Akademikern


Kindsmütter:

48 Prozent waren evangelisch

15 Prozent waren katholisch

33 Prozent waren gottgläubig


Dem rassischen Ausleseprinzip der SS entsprachen:

68,7 Prozent der Mütter, 73,3 Prozent der Väter


Vormundschaft des Lebensborn:

bei 36,2 Prozent der Geburten (3/118)



Nur wenige Adoptionen

 

(Quelle: b)


Etwa 6,3 Prozent der Säuglinge vermittelte der Lebensborn an Adoptiveltern. Aufgrund dieser geringen Zahl, so ist überliefert, konnte „nur jedem zehnten“ Ehepaar, das einen Adoptionsantrag gestellt hatte, ein Kind zugewiesen werden. (3/117f). Und die Geheimhaltung funktionierte auch hier: So genannte Lebensborn-Kinder sollten „vereinfacht und beschleunigt“ vermittelt, von Nachfragen sollte abgesehen, und es sollten keine Einwände „gegen die Feststellungen von Lebensborn“ erhoben werden. Die Lebensborn-Führung bestätigte die deutsche Abstammung der Kinder, bestätigte auch, dass die Eltern nicht aus so genannten asozialen Familien stammten und frei von Erbkrankheiten waren. Diese Bestätigungen wurden den Vormundschaftsgerichten vorgelegt und – möglichst ohne Rückfragen der Jugendämter – von den Gerichten abgesegnet (3/140). In einer Art „Selbstbedienungsladen" konnten sich die Nationalsozialisten Kinder „nach Maß aussuchen“, zudem galt es „als chic“ oder als „völkische Pflicht, Kinder gefallener SS-Angehöriger zu adoptieren“ (3/146).


Ende des Krieges verfügte der Lebensborn noch über acht Entbindungs- und Kinderheime. Bis dahin wurden dort 11.000 Geburten registriert. Anfänglich kamen in den Lebensborn-Heimen mehr uneheliche als eheliche Kinder zur Welt, später glichen sich die Zahlen hälftig an. Parallel dazu bestanden Patenschaften für etwa 5.000 Kinder (3/227). In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Himmler für alle Kinder, die jedes Jahr am 7. Oktober, an seinem Geburtstag, geboren wurden, eine Patenschaft übernahm (3/136).


Geheimhaltung


Die Geheimhaltung um Zeugung, Geburt und Betreuung der Kinder war das „Erfolgsrezept“ des Lebensborn. Sie begann mit der polizeilichen Abmeldung der werdenden Mutter im Heimatort und der Neu-Anmeldung im „besonderen Meldeamt ... des Lebensborn e.V.“. So konnte dieser Vorgang und die Geburtsanmeldung des Säuglings vertraulich behandelt werden. Später wurden "eigenständige Standesämter“ direkt in den Heimen eingerichtet. Ab 1943 nahm das „Standesamt L“ in der Lebensborn-Zentrale in München seine Meldetätigkeit auf (2/140ff). Jeder SS-Arzt hatte für die Ehre der werdenden Mutter einzutreten, egal, ob sie einem vorehelichen oder unehelichen Kind das Leben schenkte. Und auch die staatlichen Jugendämter wurden in diesen Fällen nicht informiert. Vaterschaftsprozesse fanden in der Regel am für das Heim zuständigem Amtsgericht statt (3/253).


Trotz Geheimhaltung war der Zweck des Lebensborn in der Öffentlichkeit weitgehend bekannt, weil bereitwillige Frauen angeworben werden mussten, und vermutlich schwiegen auch nicht alle SS-Väter. Zogen aber diesbezügliche Gerüchte und Phantasien durchs Deutsche Reich, wurden die so genannten Denunzianten mit Strafen mundtot gemacht, wie wir dies eingangs am Beispiel der Kreisleitungen Esslingens und Nürtingens aufzeigten.



Verschleppung osteuropäischer Kinder mit Hilfe des Lebensborn - hier zwei Beispiele:


1. Im „Juli 1942 erließ SS-Chef Himmler einen Befehl ,zur Überführung von Kindern aus Oberkrain und Untersteiermark ins Altreich'". Vorausgegangen war die so genannte „,Aktion gegen Partisanen und sonstige Banditen’ in diesen Regionen Ex-Jugoslawiens“. Im Rahmen dieser Aktion wurden die Männer, die die Widerstandskämpfer unterstützt hatten, getötet und die Frauen in Konzentrationslager überführt. Der Lebensborn übernahm dabei „die herausragende Aufgabe“, die zurückgelassenen Kinder rassisch zu bewerten und diese, wenn sie den Auslesebestimmungen der Nazis genügten, aus ihrer Heimat ins so genannte Altreich zu deportieren, um sie in deutschen Heimen und Pflegefamilien unterzubringen. Sie erhielten neue gefälschte Geburtsurkunden, einen neuen Namen und durften – um ihre Muttersprache zu vergessen – nur noch Deutsch sprechen (3/149).


2. Im Juli 1943 erteilte Himmler dem Lebensborn-Chef Max Sollmann den Auftrag, in Prag „die Versorgung, Erziehung und Unterbringung“ von ausgesuchten „tschechischen Kindern“ zu organisieren (3/155f). Es waren Kinder aus Lidice, einem Ort westlich von Prag, der 1942 von deutschen Truppen zerstört worden war. Bei dieser Aktion wurden 173 einheimische Männer ermordet, 88 Kinder von ihren Müttern getrennt und diese in die von Deutschen besetzte polnische Stadt Litzmannstadt deportiert. Dort wurden sie nach rassischen Kriterien ausgesondert: Sieben Kinder mit blauen Augen und blonden Haaren hielten die Nazis für „rückdeutschungsfähig“. Die restlichen 81 Kinder kamen ins Vernichtungslager Kulmhof und wurden dort in einem SS-Wagen vergast. Die sieben ersteren Kinder kehrten nach dem Krieg in ihre Heimat zurück (9).


Dazu Marie Schupickova, geborene Dolezalova:

Damals waren wir Kinder aus Lidice in dem Lager in Lodz versammelt. Ich weiß noch, dass die Gestapo kam, wir mussten uns alle in einem Raum auf den Fußboden setzen, und sie sind zwischen uns hindurch gegangen, haben auf einzelne von uns gezeigt. Warum sie gerade uns ausgesucht hatten, wußten wir nicht. … Als wir aus Lodz weggebracht worden waren damals, haben wir … gefragt, warum und wohin wir gehen. Es wurde uns gesagt, wir fahren zu den Eltern. Wir haben uns gefreut, haben das geglaubt. … Das war … das letzte Mal, dass wir unsere Mitschüler … gesehen haben. Als erstes hat man uns verboten, in dem Kinderheim untereinander Tschechisch zu sprechen. … Wir mussten also Deutsch lernen, und langsam kamen einzelne deutsche Familien in das Lager, dadurch haben wir mitbekommen, dass wir wahrscheinlich für etwas anderes bestimmt waren. … Ich war damals zehn jahre alt. … Ich war bis 1943 in dem Heim. …

Dann kam ich in die Familie Alfred Schiller in Poznan. … Ich hieß dann Ingeborg Schiller. ... Ich glaube, sie waren keine Faschisten. Sie waren in irgendeinem Bund der deutschen Frauen. … Er war schon ziemlich alt damals, um die 60. Sie hatten … drei Kinder, und alle drei sind gestorben. … Ich muss sagen, dass sie mich gut behandelt haben. Wir haben vorher so schlimme Sachen erlebt in dem Kinderheim. …

Als wir Lidice verließen, haben die Nazis Gold und allen Schmuck gesammelt. Meine Mutter hatte meine Ohrringe versteckt … Die habe ich dann immer mitgehabt, bis in die Familie Schiller. Die Frau hat mir die Ohrringe abgenommen und mir andere gegeben. … Erst als ich nach den Krieg nach hause kam, hat sie mir … meine Ohrringe zurückgegeben. Sie sagte: dann wird dich deine eigene Mutter erkennen. Mit den Ohrringen kam ich dann nach Hause später zurück. ...“ (10)

 


Lebensborn in Nordeuropa am Beispiel Norwegens


Norwegen galt für die so genannten Rassenpolitiker „das Land, in dem die ,arischsten aller Arier‘ lebten“ . Deshalb wurden die „deutschen Soldaten, SS-Männer und Polizeiangehörige von ihren Vorgesetzten animiert, Beziehungen mit norwegischen Frauen einzugehen" (6/234), nachdem am 10. Juni 1940 die norwegischen Truppen vor der Wehrmacht kapituliert hatten. Bald schon meldeten sich erste schwangere Norwegerinnen bei den deutschen Dienststellen und baten um Hilfe (3/192f). Als viele deutsche Soldaten ihre Norwegerin heiraten wollten, waren diese Hürden aber „nur schwer zu überwinden“. Eine solche Heirat war nur mit Hitlers persönlicher Genehmigung möglich. Unter anderem vermutete er, dass oftmals keine „tiefgehende innere Verbundenheit zwischen dem Soldaten und der Ausländerin“ bestand. Er war vielmehr davon überzeugt, dass in den meisten Fällen die Verbindung zueinander „ausschließlich auf sexuellen Trieben“ beruhe (2/197). Dem Lebensborn ging es deshalb weniger um Hilfe für die Frauen, „ihm ging es vor allem um die Kinder, die ,gutes Blut‘ versprachen“ (6/235).

 

Nach und nach entstanden zum Beispiel in Oslo, Bergen, Trondheim und an anderen norwegischen Orten Lebensborn-Heime. Zumeist wurden Luxushotels und Krankenhäuser beschlagnahmt und diese in Entbindungs- und Kinderheime umgewandelt (3/194). So wurde zum Beispiel in Trondheim im Jahr 1943 das Stadtheim Trondheim für dreißig Mütter und zehn Kinder eingerichtet. In Stalheim bei Voss wurde ab Februar 1943 bis Mai 1945 im ehemaligen „Stalheim turisthotel“ ein Kinderheim für bis zu 160 Kinder geführt (6/303). Das Foto hier zeigt das ehemalige Hotel in einer grandiosen Landschaft im Jahr 1925. Mehrmals brannte das Hotel ab, es könnte aber 1943 so oder ähnlich ausgesehen haben:

 

 

Das "Stalheim turisthotel"im Jahr 1925 (c)

 

Ledige Mütter und ihre Babys wurden in Norwegen ähnlich wie deutsche Mütter in deutschen Lebensborn-Heimen betreut (3/192). Die schwangeren Frauen konnten aber erst sechs Wochen vor der Geburt in einem Heim aufgenommen werden, bis dahin hatten sie oftmals mit Anfeindung und Verachtung ihres heimatlichen Umfeldes zu rechnen: Unter anderem mussten sie von ihren Landsleuten „Beschimpfungen als ,Deutschenhure‘ und Stigmatisierung ,durch Haarescheren'“ ertragen (6/237). Nach der Entlassung aus dem Heim konnte jede Mutter ihr Kind mitnehmen. Sie erhielt eine Erstlings-Ausstattung samt Kinderwagen und eine monatliche Unterhaltszahlung. Insgesamt wurden etwa bis zu 12.000 Kinder betreut, von diesen kamen ungefähr 200 Kinder nach Deutschland (3/192).


Nicht genau bekannt ist die Zahl der norwegischen Schwangeren, die zur Geburt nach Deutschland gebracht wurden (3/191ff). Das Nazi-Regime bemühte sich darum, all die, die ihm „erscheinungsbildlich und erbbiologisch besonders wertvoll“ erschienen, zu so genannten „vollwertigen Deutschen“ zu machen. Diese Schwangeren wurden zur Niederkunft in einem Lebensborn-Heim zum Beispiel in Sachsen, im Harz und Schwarzwald untergebracht, wo sie an Umschulungskursen teilnahmen und nach der Heirat bei Verwandten des Mannes unterkamen. Der Lebensborn leistete in diesen Fällen Unterhalt für das Kind und sorgte auch für Ehestandsdarlehen (3/196) für das junge Paar.


Etwa 170 ehemalige von Norwegerinnen geborene Lebensborn-Kinder schlossen sich 1997 zusammen und unterstützen und stärken sich seitdem gegenseitig. Sie waren in der Nachkriegszeit nicht nur in Norwegen‘s Schulen, in Heimen und auf der Straße diskriminiert worden (6/263), sie hatten auch als „Deutschenkinder“ Anfeindungen in der eigenen Familie bis hin zu Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken erleiden müssen (6/257). Schon viele Jahre vor ihrem Zusammenschluss waren einige von ihnen zum ersten Mal in die Öffentlichkeit getreten, hatten so auf ihre besondere Situation aufmerksam gemacht - und ernteten großes Mitgefühl. Sogar der norwegische Ministerpräsident Kjell Magne Bondevik entschuldigte sich „wegen der schlimmen Verhältnisse in der Nachkriegszeit“ bei ihnen. Im Jahr 2001verklagten sie ihren Staat und forderten für jeden Kläger etwa 250.000 Euro als Form der Wiedergutmachung. Das Gericht in Oslo wies ihre Klage aber wegen Verjährung und fehlender Dokumentation zurück (6/263).

 

Aufarbeitung nach dem Krieg


In der jungen Bundesrepublik wurde nicht über die Lebensborn-Mütter und ihre Kinder gesprochen (3/232). Im Jahr 1950 mussten sich folgende Personen im Rahmen ihrer Entnazifizierungsverfahren vor der Münchner Hauptspruchkammer als Hauptschuldige und Aktivisten verantworten (3/227):


  1. Max Sollmann (1904 - 1970), Geschäftsführer des Lebensborn (3/306)

  2. Gregor Ebner (1892 – 1974), SS-Oberführer, Stabsführer im Rasse- und Siedlungshauptamt (RuSHA), Geschäftsführender Vorstand des Lebensborn (3/302)

  3. Inge Viermetz (1908 – 1974), Leiterin der Hauptabteilung A im Lebensborn, später Leiterin des Heims „Ardennen“ im belgischen Wegimont (3/306)

  4. Wolfgang Überschar, Adjutant Sollmanns (3/306)

  5. Alfred Wehner, SS-Hauptsturmführer, Leiter der Lebensborn-Hauptabteilung Verwaltung (3/306)

  6. Ernst Ragaller, SS-Hauptsturmführer, ab Juni 1944 Leiter des Lebensborn in Norwegen (3/305)

  7. Franz Lenner (1903 - nach 1950), SS-Hauptsturmführer, Leiter der Lebensborn-Hauptabteilung Finanzen (3/304)


„Die am 15. März 1950 verkündeten Urteile" fielen milde aus: „Sollmann und Ebner wurden zu dreißig beziehungsweise sechzig Tagen Sonderarbeit verurteilt" samt teilweiser Vermögensbeschlagnahmung (3/227f). Inge Viermetz wurde 1948 in einem Folgeprozess freigesprochen (3/247f). Über weitere Urteile ist nichts bekannt.

 

Als sich im Jahr 1953 die FDP-Bundestagsabgeordnete Marie E. Lüders (1878 – 1966) mit der Frage über das Schicksal der in den Lebensborn-Heimen geborenen unehelichen Kinder an Bundesinnenminister Gerhard Schröder (1910 – 1989) wandte, war die Antwort „mehr als dürftig": Weder Jugendämter noch Polizeibehörden konnten genaue Angaben über die Art der Betreuung einzelner Kinder machen, es waren wohl aber Kinder zu ihren Eltern zurückgebracht worden. Die, bei denen eine Rückführung nicht mehr möglich war, seien an Pflege- und Adoptiveltern vermittelt worden. Auch hätten Stadt- und Landkreise Pflegekosten übernommen (3/230).

 

Die Anfrage von Marie E. Lüders sorgte dafür, dass sich die Bundesregierung zum ersten Mal mit dem Thema Lebensborn befassen musste. Da die Aufarbeitung in eine Zeit fiel, „in der die Moralvorstellungen ... als verklemmt bezeichnet werden mussten“, führte „Geheimniskrämerei zwangsläufig zu Spekulationen ... und weiter zur pseudowissenschaftlichen Aufarbeitung“. Demzufolge ließ zwar unter anderem der „Lebensborn"-Film von Arthur Brauner im Jahr 1961 die „Zahl der Kinobesucher steigen, weil er der Sensationslust der Menschen entgegenkam", geschichtlich entsprach er aber nicht der Wahrheit (3/232).


Kinderbildnis, von Emilie von Hallavanya (1874 – 1960) war eine österreichische Künstlerin (a/168)

Lebensborn – Lebenslang


Bin ich ein Kind der Liebe? …

Oder bin ich ein Kind des Lebensborn,

ein Kind der Nazi-Ideologie,

extra gemacht, um die neue Elite aufzubauen,

um das deutsche Volk zu vergrößern?“


Fragen eines ehemaligen Lebensborn-Kindes (6/251)



Verein „Lebensspuren e.V.“


Auch „viele deutsche Lebensborn-Kinder standen am Kriegsende mit durchtrennten Wurzeln, ausgelöschten Erinnerungen und lückenhaften Papieren da. Dabei machte es manchmal keinen Unterschied, ob sie den Zusammenbruch der NS-Herrschaft bei der Mutter erlebten, bei einer Pflege- oder Adoptivfamilie oder in einem der Heime. …. Der zusammenbrechende Lebensborn-Apparat riß sie in einen Strudel hinein, in dem Lebensgeschichten und soziale Beziehungen, Dokumente und Garantien verlorengingen und zerstört wurden.“ (6/244)


Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden vieleehemalige „Lebensborn-Kinder“, die zwischen 1936 und 1945 in einem seiner Heime zur Welt kamen, über ihre Herkunft im Unklaren gelassen. Auch waren viele Standesamtsunterlagen bei Kriegsende verloren gegangen. Einige kennen bis heute weder ihren Geburtsort noch ihre Herkunft (11).


Im November 2006 trafen sich mehrere Lebensborn-Kinder in Wernigerode, um sich auszutauschen und in der Öffentlichkeit auf ihre psychischen Belastungen aufmerksam zu machen. Seitdem unterstützen sie sich gegenseitig auf der Suche nach ihren Wurzeln. Sie haben sich auch zur Interessengemeinschaft „Lebensspuren e. V.“ zusammengeschlossen, um ihre gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten und Informationen zu vermitteln. Nicht zuletzt möchten sie, wie auch ihre Angehörigen, Historiker und Therapeuten, nicht aufhören, an die vielfältigen Verbrechen des Naziregimes zu erinnern (11).

 

  • add

    1. Hrsg. W. Benz/ H. Graml/ H. Weiß, Enzyklopädie des Nationalsozialismus, dtv, 1997, ISBN 3-608-91805-1

    2. Hrsg. R. Tietzen, Nürtingen 1918 – 1950, Verlag Sindlinger-Burchartz, Nürtingen/ Frickenhausen, 2011, ISBN 978-3-928812-58-0

    3. Koop, Volker, „Dem Führer ein Kind schenken“, Die SS-Organisation Lebensborn e.V., Böhlau Verlag Köln, 2007, ISBN 978-3-412-21606-1

    4. Th. Bryant, Himmlers Kinder, Zur Geschichte der SS-Organisation „Lebensborn e.V.“, Marix-Verlag, Wiesbaden, 2011, ISBN 978-3-86539-265-7

    5. Hrsg. Oberste Leitung der NS-Frauenschaft, NS-Frauenbuch, J.F. Lehmanns Verlag, München, 1934, S. 133

    6. Schmitz-Köster, Dorothee, „Deutsche Mutter, bist du bereit“, Alltag im Lebensborn, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, 2004, ISBN 3-7466-8094-8

    7. Stadtarchivar Reinhard Tietzen, 2019, 2021

    8. Hrsg. Verlag Sindlinger-Burchartz, DasTiefenbachtal, Einblicke in eine vielfältige Kulturlandschaft, Nürtingen/ Frickenhausen, 2004, ISBN 3-928812-37-8

    9. A. Ehmann, St. Fischer, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, 2003. www-stiftung-denkmal.de

    10. www.tenhumbergreinhard.de/taeter-und-mitlaeufer/staedte

    11. Lebensspuren e.V., Interessengemeinschaft der Lebensbornkinder, 2021


    Foto-Quellen:

    a. Hrsg. Oberste Leitung der NS-Frauenschaft, NS-Frauenbuch, J.F. Lehmanns Verlag, München, 1934

    b. privat

    c. Fleischhut, Richard: Polarfahrt mit Dampfer "München", Hotel Stahlheim Bildbestand (N 1572 Bild) Bundesarchiv, N 1572 Bild-1925-118 / Fleischhut, Richard / CC-BY-SA 3.0
    Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en