In Hadamar vergast

Auch mindestens drei NürtingerInnen unter den Opfern

© Foto: Frank Winkelmann, Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Psychiatrisches Landeskrankenhaus Hadamar, in diesem Gebäude waren Krematorien und Gaskammer

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Gaskammer in Hadamar, Psychiatrisches Landeskrankenhaus Hadamar

von Anne Schaude

Am 1. November 1940 wurde die Landesheil- und Pflegeanstalt Hadamar (in der Nähe von Limburg/Lahn/Hessen) von der „Gemeinnützigen Stiftung für Anstaltspflege“ angemietet und zur Massenvernichtung „lebensunwerten Lebens“ umfunktioniert. Zwischen Januar 1941 und März 1945 wurden hier etwa 14.000 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen ermordet. Sie alle starben anfänglich in der Gaskammer, später durch tödliche Injektionen und Medikamente sowie durch vorsätzliches Verhungernlassen. Zudem wurden hier ab Mai 1943 in einer „Kinderfachabteilung“ auch „halbjüdische“ Kinder, Mischlings- und Zigeunerkinder durch Injektionen getötet (1 S. 315).

Die T4-Anstalt Grafeneck war im Dezember 1940, aufgrund zahlreicher regionaler Proteste und weil ihr „Einzugsgebiet“ fast erschöpft war, geschlossen worden. Als Nachfolgeeinrichtung sollte Hadamar Patienten und Patientinnen auch aus Baden und Württemberg aufnehmen. Im Gegensatz zu den Tötungsanstalten Grafeneck und Hartheim lag die Anstalt Hadamar nicht abgelegen außerhalb eines Ortes, sondern oberhalb der Stadt Hadamar an exponierter Stelle auf dem Mönchberg. Die Anstalt war von keiner Mauer umgeben, es führte sogar eine von der Bevölkerung viel genutzte Straße nah an den  Anstaltsgebäuden vorbei. Zudem hatte die Anstalt Anbindung an Reichsautobahn und Bahnhof, die zum Transport der Opfer genutzt wurden (2 S. 79).

Rund um Hadamar lagen verschiedene Anstalten, zum Beispiel auch Herborn und Eichberg, die ab Frühjahr 1941 als sogenannte Zwischenanstalten zur Verfügung standen. Zu diesen zählten auch Wiesloch in Baden und Weinsberg in Württemberg. Bei den über diese beiden Pflegeanstalten nach Hadamar transportierten Opfern handelte es sich um Kranke, die aus dem eigentlichen Einzugsgebiet von Grafeneck stammten, aber erst im Laufe des Jahres 1941 per Meldebogen als „lebensunwert“ eingestuft worden waren. In den Zwischenanstalten wurden die verstörten Kranken als sogenannte Durchgangskranke behandelt und getrennt von den restlichen Insassen untergebracht. Dieses System hatte sich seit April/Mai 1940 aus Gründen der Tarnung bewährt: Zum einen sollte den Angehörigen das Auffinden ihrer Kranken er-schwert werden. Zum anderen konnte in den Zwischenanstalten ein großer Teil von Mordopfern untergebracht werden, die auf Abruf in die Tötungsanstalten verlegt wurden (2 S. 84).

Wie Transportgut behandelt

Wie ein Schreiben deutlich macht, wurden die verlegten Kranken in manchen Zwischenan-stalten wie Transportgut behandelt: „... Verschiedene, bei der Verlegung aus anderen Anstalten nach hier zunächst aufgetretene Missstände veranlassen mich, Sie bei der Vorbereitung der Verlegungen um Beachtung nachstehender Punkte zu bitten: Die Namensbezeichnung der Kranken auf einem aufgeklebten Heftpflaster hat sich nicht bewährt, da dieser oft abgelöst und entfernt wurde... Wir bitten deshalb, jedem Kranken seinen Namen und Vornamen mit Tintenstift auf die vorher angefeuchteten Hautstellen zwischen den Schulterblättern zu schreiben und bei Kranken mit oft vorkommenden Namen, z.B. Schmidt, Meyer, Müller u. ähnl. auch das Geburtsdatum auf der Haut mit anzugeben.“

Auch in Hadamar herrschte, wie in allen T4-Anstalten, mörderische Routine: Von Januar bis August 1941 fuhren an jedem Wochentag die grauen Busse der Gekrat (Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft) von Hadamar in die Zwischenanstalten und zurück. Nachdem bei der Rückkehr der Bus im Hinterhof in eine spezielle Garage gefahren war, stiegen die Kranken aus und wurden in einem großen Saal vom Begleitpersonal ausgezogen. Mit übergehängten alten Militärmänteln führte man die Opfer einzeln einem Arzt und einem Bürobeamten vor, der die Identität feststellte. Der Arzt begutachtete noch kurz die nackten Menschen und entschied sich jetzt für eine von 61 falschen Todesursachen für das Ausfüllen des Totenscheins. Nach dieser „Untersuchung“ wurden sie gewogen und fotografiert. Unruhige Kranke erhielten zudem eine Beruhigungsspritze (2 S. 89).

Zwei Pfleger führten sie hinunter in den Keller, in die etwa 14 qm große Gaskammer. Im Höchstfall waren es sechzig Personen, die in die als Duschraum getarnte Gaskammer, mit gasdichten Türen, gezwängt wurden. Der Arzt, der eben noch die „Untersuchung“ durchgeführt hatte, betätigte in einem Nebenraum den Gashahn, so dass das tödliche Kohlenmonoxydgas durch die Kammer strömen konnte. Die Inhalation des Gases führte zu Hör-und Sehstörungen, Schwindelgefühl, Herzsensationen, Muskelschwäche, Erregung und Blutdruckanstieg. Der Tötungsarzt beobachtete das Sterben der Menschen durch ein kleines Fenster in der Wand und stellte die Gaszufuhr ab, wenn nach seiner Meinung alle Kranken gestorben waren. Im allgemeinen dämmerten sie anfänglich vor sich hin. Manche aber schrien, tobten und hämmerten in Todesangst gegen Wände und Türen (2 S. 89).

Nach etwa einer Stunde wurde das Gas ins Freie geleitet. Danach begannen die Brenner, „Desinfektoren“ genannt, mit dem Heraustragen der ineinander verkeilten Leichen. Vorher gekennzeichnete Tote wurden in den angrenzenden Sektionsraum geschafft, um die Gehirne für „wissenschaftliche Forschungszwecke“ zu entnehmen. Die anderen Leichen kamen in einen Raum in der Nähe der Krematorien. Dort wurden ihnen vor der Verbrennung die Goldzähne herausgebrochen. (2 S. 89). Unter den Opfern, die in Hadamar getötet wurden, befanden sich auch drei Nürtingerinnen [nach jetzigem Wissensstand, es könnten bei weiterer Forschung auch mehr Nürtinger Opfer sein]:

Eine besondere Abscheulichkeit war die Feier aus Anlass der Verbrennung der zehntausendsten Leiche im Sommer 1941: Das gesamte Personal wurde dazu in die Kellerräume bestellt. Die Leiche eines Patienten mit Wasserkopf war mit Blumen geschmückt und lag auf einer Bahre. Ein Angestellter der „Stiftung“ hatte sich verkleidet und imitierte einen Priester, wobei er eine kurze Rede hielt. Alle an dieser Feier Teilnehmenden erhielten eine Flasche Bier. - Nach der Verbrennung der Leichen wurde die Asche in großen Mengen gesammelt und den Angehörigen auf Wunsch zugesandt. Wenn die Angehörigen in der Kürze der Zeit einen Urnenplatz nachweisen konnten, sandte die Anstalt Hadamar ihnen die Urne zu. Verzichteten diese aber auf die Zusendung der Asche oder war es ihnen nicht möglich, so kurzfristig einen Platz zu erhalten, wurden die Urnen Friedhöfen zugesandt, in deren Region die Hinterbliebenen wohnten (2 S. 95).

Ärzte als Täter

Zur Bewältigung der mörderischen Arbeit standen bis zu einhundert Personen zur Verfügung. Sie waren über verschiedene Wege zur Tötungsorganisation gekommen – von der freiwilligen Einverständniserklärung bis hin zur Dienstverpflichtung. Haupttäter der „Euthanasie“-Verbrechen waren die Ärzte. Sie beteiligten sich als Gutachter, Obergutachter und Tötungsärzte in den Anstalten, sie pervertierten ihre Berufsaufgabe, vernichteten, anstatt zu heilen. - Einer dieser Ärzte war Dr. Bodo Gorgass (geboren 1909 in Leipzig), der von Juni bis Ende August 1941 mehrere tausend psychisch kranke und geistig behinderte Menschen tötete. Seine eigentliche ärztliche Aufgabe wäre es gewesen, diese Kranken zu heilen und zu pflegen. Er aber wähnte sich in dem Glauben, eine besondere Aufgabe zu erfüllen, deren Ergebnisse spä-ter veröffentlicht werden sollten. Gorgass war zu dieser Tätigkeit nie gezwungen worden; hätte er die Aufgabe abgelehnt, wären ihm daraus keine Nachteile entstanden (2 S. 109f).

Pflegepersonal als Täter

Am Beispiel der Hadamarer Krankenschwestern und Pfleger wird deutlich, wie sich diese Personengruppe aus Überzeugung und Pflichtgefühl an den Morden beteiligte. Sie waren willfähige Instrumente der Ärzte, die durch Anordnungen von oben ihre Legitimation zum Töten erhielten und diese Anordnungen gehorsam ausführten. – Eine dieser Schwestern war Pauline K. (1900 in der Ukraine geboren, lebte ab 1918 in Deutschland, Krankenpflegeausbildung in Duisburg), die von Grafeneck nach Hadamar kam. Pauline K. war dem „Euthanasie“-Programm gegenüber aufgeschlossen und gewöhnte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten schnell an ihre mörderische Tätigkeit. Sie war von der Idee des „Gnadentodes“ überzeugt. In den Jahren 1942 bis 1945, nach dem Abbruch der Gasmordaktion, tötete sie auf Anordnung des Arztes Kranke mit Medikamenten. „ ... Wenn ich Anweisungen bekam, Kranke einzu-schläfern, hatte ich keine Gewissensbisse und hielt es für gut.“ Sie hatte weder Versetzungsanträge gestellt noch aus Gewissensgründen gekündigt (2 S. 111f).

Verwaltungspersonal als Täter

Die leitenden Mitarbeiter der Verwaltung in Hadamar waren von ihrer mörderischen Arbeit überzeugt. Zum Beispiel war Bürovorsteher Gottlieb Hering (Kriminalbeamter) der Mann, der bei der Verbrennung der zehntausendsten Leiche die Rede gehalten hatte. Unfreiwillig waren die Büroangestellten nach Hadamar gekommen. Viele junge Frauen (die jüngste war 1941 17 Jahre alt) waren plötzlich dienstverpflichtet und nach Hadamar befohlen worden. Zum Beispiel kam Judith Th., 1922 geboren, im Juli 1941 nach Hadamar. Sie arbeitete dort in der Personalabteilung und versuchte mehrmals zu kündigen. Selbst als sie 1943 ein Kind bekam, musste sie weiter dort arbeiten und ihr Kind auf ihrem Zimmer versorgen. Sie blieb bis zum Kriegsende in der Hadamarer Verwaltung dienstverpflichtet. Später sagte sie aus, sie habe von den Tötungen der Kranken nichts miterlebt (2 S. 114).

Für das Personal war der Aufenthalt in Hadamar nicht sehr gesellig. Die Angestellten lebten kaserniert, es gab keine Hausmusik und keine Ausflugsfahrten. Strenger Kasernenton, Frühsport und das Absingen von Kampfliedern bei den Mahlzeiten sollen den Tagesablauf bestimmt haben. Bemerkenswert ist ein Gerücht unter dem Pflegepersonal gewesen, demzufolge nach Beendigung der Aktion in Hadamar alle Mitarbeiter zu einer Dampferfahrt eingeladen werden sollten, um dann geschlossen ermordet zu werden(2 S. 114).

Abbruch der Gasmordaktion im August 1941

Teile der deutschen Bevölkerung waren schon 1940 über die Tötung der psychisch Kranken und geistig Behinderten unterrichtet. Es hatte zu viele „Pannen“ bei der Vertuschung der Morde gegeben. Zum Beispiel erhielt eine Familie zwei Urnen, oder eine Todesnachricht zeigte als Sterbeursache Blinddarmentzündung an, obwohl dem Patienten der Blinddarm be-reits entfernt worden war. In einem Brief des Limburger Bischofs Hilfrich von August 1941 an den Reichsjustizminister Dr. Franz Gürtner beschrieb er die Situation in Hadamar sehr deutlich: „... Öfter in der Woche kommen Autobusse mit einer größeren Anzahl solcher Opfer ... an. Schulkinder ... kennen diese Wagen und reden : ,Da kommt wieder die Mordkiste’. Nach der Ankunft solcher Wagen beobachten die ... Bürger den aus dem Schlot aufsteigenden Rauch und sind von dem ständigen Gedanken an die armen Opfer erschüttert. ...“

Der Bischof von Münster, von Galen, berichtete Anfang August 1941 in einer Predigt in aller Öffentlichkeit über die Anstaltsmorde: „... Wenn einmal zugegeben wird, dass Menschen das Recht haben, unproduktive Mitmenschen zu töten, ... dann ist grundsätzlich der Mord an allen unproduktiven Menschen, also an allen unheilbar Kranken, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir ... altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben. ... Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher“ (2 S. 116f). - Obgleich aus den Reihen der evangelischen Kirche der Leiter der von Bodelschwinghschen Anstalten in Lobetal, Pastor Gerhard Braune, im Juli 1940 eine Denkschrift gegen die Anstaltsmorde verfasste, blieb seine Intervention erfolglos. Er selbst kam für drei Monate in Haft (2 S. 156).

Am 24. August 1941 wurden durch einen mündlichen Befehl Hitlers in allen Anstalten die Gasmorde im Rahmen der „Euthanasie“-Aktion eingestellt. Doch das erste Planziel der Aktion, nämlich die Ermordung von 60.000 bis 70.000 Anstaltsinsassen, war zu dieser Zeit längst erreicht. Am 31. Juli 1942 ging die Anstalt auf dem Mönchberg wieder in die Trägerschaft des Bezirksverbandes Wiesbaden über. Doch das Morden ging dort weiter. Ab Sommer 1942 töteten Ärzte und Ärztinnen, Krankenschwestern und Pfleger mit tödlichen Medikamentendosen und durch gezielte Mangelernährung die ihnen zur Pflege anvertrauten Menschen. Die neuen Tötungen sollten eine „natürliche Todesart“ vortäuschen.(2), S. 118ff. Tagsüber arbeitete das Personal im Schein der „Normalität“, nachts wurde auf den Stationen gemordet. Das Personal wollte daran glauben, den Gnadentod zu gewähren, und gab die tödliche Dosis wie ein heilendes Medikament. Das Töten, die Angabe falscher Todesursachen und –daten, die Bestattung in Massengräbern – all dies gehörte auch zum regulären Alltag der Landesheilanstalt Hadamar, bis am 26. März 1945 der Einmarsch der amerikanischen Truppen dem Töten unschuldiger Opfer ein Ende setzte (2 S. 15)1.

Abtransport aus der Zwischenanstalt:

Ankunft in Hadamar:

Die Gaskammer:

Der Gaskammer-Nebenraum

Die Schleifbahn:

Der Sektionsraum:

Denkschrift und Predigt:

Friedhof der Gedenkstätte Hadamar:

  • add Quellen

    1. Puvogel, Stankowski. Gral: Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus, Band I, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, ISBN 3-89331-208-0
    2. Hrsgb. Landeswohlfahrtsverband Hessen, Historische Schriftenreihe: Katalog Band 2, „Verlegt nach Hadamar, Die Geschichte einer NS-„Euthanasie“-Anstalt, Kassel, 1994, ISBN: 3-89203-011-1

    Text: Anne Schaude, alle Rechte vorbehalten, Stand: 2013

    Zitiervorschlag: Anne Schaude (2013): In Hadamar vergast. Auch mindestens drei NürtingerInnen unter den Opfern, in: Nürtinger Opfer nationalsozialistischer Verfolgung.

    Website der Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen: ns-opfer-nt.jimdo.com, abgerufen am: XY.YX.20XY.