Mit einem rosa Winkel stigmatisiert: Homosexuelle in der NS-Zeit

von Anne Schaude und Stefan Kneser, 2020

 

Über die Verfolgung von homosexuellen Frauen und Männern in der Zeit des Nationalsozia­lismus ist nur wenig bekannt. Dazu Dr. Günter Grau, der über dieses Thema in verschiedens­ten Archiven Dokumente sammelte und diese publizierte: 

 

„Erschreckend ist die Härte, mit der gegen diese Menschen vorgegangen wurde, die allein we­gen ihrer Abweichung von sexuellen Normvorstellungen verachtet, verfolgt – und für den Fall, dass angestrebte ,Umerziehungsversuche’ fehlschlugen – vernichtet worden sind. Er­schreckend ist die Tatsache, dass bis in die 80er Jahre Politiker in beiden deutschen Staaten den Verfolgten die Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus versagten. ...“ Eine weite­re erschreckende Tatsache sei, fügt er hinzu, dass die nationalsozialistische Politik gegen Ho­mosexuelle in der professionellen Geschichtsschreibung bis heute ein Thema am Rande blieb (1 S. 2).

 

Für Nürtingen liegen bis heute keine eindeutigen Nachweise darüber vor, ob und in wel­chem Umfang hiesige Frauen und Männer zu dieser Opfergruppe gezählt werden müssen. 

Der Paragraph (§)175 – Auszüge

Die ursprüngliche Fassung des Reichsstrafgesetzbuchs (RStGB) aus dem Jahr 1871 lautet:

 

„Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“ 
Die neu hinzugefügte Änderung dieses Ge­setzes von Juni 1935 ersetzte unter anderem den Begriff „widernatürliche Unzucht“ durch „Unzucht“ (1. S. 93). „Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen läßt, wird mit Gefängnis bestraft.“ Zehn Jahre Zuchthaus war die Höchststrafe, „bei milderen Umständen“ hatten diese Männer mit Gefängnis nicht unter drei Monaten zu rechnen. Unter dieses Gesetz fielen auch die, die „einem anderen Mann mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gewalt für Leib und Seele oder Leben nötigt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen zu lassen“. Es entfiel „auch die Notwendigkeit, ein strafbares Verhalten nachweisen zu müssen“  (1 S. 93ff).

„Die Verfolgung homosexuell empfindender Menschen ... war also keine spezifisch national­sozialistische Erscheinung. Strafrechtlich verfolgt wurden homosexuelle Männer schon lange vor 1933. ... Hitler, Himmler und Volksgenossen mußten kein neues Gesetz erfinden, auch keinen Apparat neu installieren, ... ihr Ziel aber war die Ausmerzung oder Umerziehung“ der­jenigen, die sich ihrer Politik widersetzten oder sich dieser zu entziehen suchten. Schon im Jahr 1930 hatte der „Völkische Beobachter“, das parteioffizielle Organ der NSDAP, angekün­digt, „was mit Homosexuellen geschehen würde“: „Man müsse sie als das gesetzlich kenn­zeichnen, was sie sind, als ganz gemeine Abirrungen von Syrern, als allerschwerste, mit Strang und Ausweisung zu ahnende Verbrechen ....“ (1 S. 31).

 

Vier Gründe zogen sie heran: 

  1. Die Unfähigkeit und Verweigerung zur Zeugung von Nachkommen
  2. Die Gefahr der Verführung Jugendlicher und damit die Möglichkeit zur „seuchenarti­gen“ Ausbreitung
  3.  Die Neigung zur Cliquenbildung
  4. Die Gefährdung der „Öffentlichen Sittlichkeit“, da sexuelle Beziehungen zwischen Menschen gleichen Geschlechts das Schamgefühl verletze und so zum „Verfall der so­zialen Gemeinschaft“ beitrage (1 S. 31f).

Im Geheimen Staatspolizeiamt wurde im zweiten Halbjahr 1934 ein Sonderdezernat zur Bear­beitung homosexueller Fälle gegründet. Wenig später forderte dieses Amt von den Landeskri­minal-Polizeiämtern Listen von Personen an, „die sich in der Vergangenheit homosexuell be­tätigt hatten“ (1 S. 55). In den ersten drei Jahren nach der Verschärfung der Strafbestimmungen hatte sich aufgrund Vergehens gegen § 175 RStGB die Zahl knapp verzehnfacht, bis zum Jahr 1938 wurden mehr als 22.000 Personen rechtskräftig verurteilt. Insgesamt sollen es etwa 50.000 Personen gewesen sein, die im sogenannten „Dritten Reich“ wegen Homosexualität verurteilt wurden. Zwischen 1937 und 1940 hatte die Gestapo aber mehr als „90.000 Männer und Jugendliche“ als Verdächtige in ihren sogenannten Rosa Listen registriert (1 S. 171).

Gedenkstätte für die im Nationalsozialsmus verfolgten Homosexuellen am Berliner Tiergarten

Weibliche Homosexualität: „Keine sozialpolitische Gefahr“

Nach der Machtübernahme im Jahr 1933 wurden Frauen, die sich zum Beispiel in den 1920er Jahren mühsam Führungspositionen erkämpft hatten, aus Berufen mit hohem Sozialprestige verdrängt“ (1 S. 35f). Weniger qualifizierten unverheirateten lesbischen Frauen drohte die Ent­lassung am Arbeitsplatz, wenn dort ihre Homosexualität bekannt wurde. Zudem wurde mit dem Verbot oder „der Selbstauflösung ... der sogenannten bürgerlichen Frauenbewegung“ im Zuge der Gleichschaltung der Frauenvereine zu Beginn des Dritten Reiches eine Bewegung zerstört, die sich am ehesten für die Belange lesbischer Frauen eingesetzt hatte (1 S. 36).

 

In der weiblichen Homosexualität sah das NS-Regime aber „keine sozialpolitische Gefahr ..., die imstande gewesen wäre, die auf männliche Dominanz basierende ,Volksgemeinschaft’ zu bedrohen“ (1 S. 36). Obwohl immer wieder Diskussionen stattfanden, den § 175 auf die Krimi­nalisierung lesbischer Frauen auszudehnen, waren „die meisten Juristen ... der Meinung, dass die Gefahr der ,Verführung’ bei Frauen für den Staat ,lange nicht so groß sei’ wie bei homo­sexuellen Männern. ... Durch die Ausübung dieses Lasters (sei) die Psyche der Frau lange nicht so beeinträchtigt wie beim Mann.“ Diese Frauen seien „trotzdem fortpflanzungsfähig, urteilte Landesgerichtspräsident Strauß im April 1937.“ - Schon im Jahr 1933 hatte der Philo­soph Ernst Bergmann dazu aufgerufen, „das Geschlecht der Mannweiber zwangsweise zu be­gatten, um sie zu kurieren, müßte man nicht fürchten, dass sie ihre Entartung auf die Nach­kommenschaft vererben“  (1 S. 37).

 

Letztendlich unterblieb die Ausdehnung des § 175 auf Frauen, weil diese, laut Nazi-Regime, nicht im gleichen Maß wie homosexuelle Männer aus der Fortpflanzung ausscheiden (1 S. 37f). Trotzdem konnte es vorkommen, dass lesbische Frauen „von der unspezifischen sogenannten ,Asozialen’- Verfolgung bedroht waren. Prostituierte galten zum Beispiel als Prototyp  weiblicher ,Asozialität’, und darüber hinaus wurde von den Nazis ein besonderer Zusammenhang zwischen lesbischen Frauen und Prostituierten behauptet.“ Es ist nicht be­kannt, „wie oft sich unter den als ,Asoziale’ Verhafteten auch lesbische Frauen befanden oder wie oft lesbische Frauen wegen angeblicher Prostitution verhaftet wurden (1 S. 41).

Männliche Homosexualität:
Heilung von ihrer „widernatürlichen Veranlagung“

Als exemplarische Terrormaßnahme“ wurden schon kurz nach der Machtübernahme homo­sexuelle Männer in Konzentrationslager (KZ) verschleppt. Die genaue Anzahl der Personen ist nicht bekannt, neueste Forschungen gehen von etwa 5.000 bis 6.000 Menschen aus, von denen etwa nur ein Drittel die Lager, zum Beispiel Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen,  überlebte. Im KZ Buchenwald gab es im Jahr 1944 189 homosexuelle Männer, die zu ihrer Kennzeichnung einen rosa Winkel tragen mussten. Das war weniger als ein Prozent aller In­haftierten des dortigen KZs (1 S. 327f).

 

„Gerechtfertigt wurde die Deportation mit der aberwitzigen Begründung, homosexuelle Män­ner durch ,Anhaltung zu ordentlicher Arbeit’ von ihrer ,widernatürlichen Veranlagung heilen’ zu wollen.“ Buchenwald galt als ein KZ, „für schwer belastete, jedoch noch erziehbare Schutzhäftlinge“. Unmenschliche Bedingungen prägten den dortigen Alltag der Häftlinge. „Hinzu kam das Stigma, homosexuell zu sein, das ihnen einen gefahrvollen Sonderstatus ein­brachte.“  („niedrigste Kaste des Lagers“!) Zudem waren diese Gefangenen von ihren Freun­den, ihren Familien und von den anderen Häftlingsgruppen isoliert (1 S. 328f). Sie arbeiteten je­weils geschlossen in der Strafkompanie und wurden unter anderem im Steinbruch eingesetzt. Später verrichteten sie auch Schwerstarbeiten in unterirdischen Stollen. Unter ihrem „schlech­ten Gesundheitszustand“ durch unmenschliche Arbeitsbedingungen und unter der Willkür der SS-Mannschaften fanden viele den Tod. „Allein zwischen dem 8. und dem 13. Februar 1945 starben 96 homosexuelle Häftlinge“ (1 S. 328ff).

Kastrationen und Hormonversuche

Berichten von ehemaligen Mithäftlingen ist zu entnehmen, „dass die Mehrheit der nach Bu­chenwald deportierten homosexuellen Häftlinge kastriert wurde“ (1 S. 329). Ab September 1940 konnte „von einer Einweisung in ein Konzentrationslager ... abgesehen werden, wenn einschlägig verurteilte Männer sich vorher kastrieren“ ließen (1 S. 306). „In den Sicherungsver­wahrungsanstalten sitzen eine ganze Reihe homosexueller Sittlichkeitsverbrecher, ebenso in Konzentrationslagern. Diese ... kosten dem Staat viel Geld und arbeiten nicht produktiv ge­nug. Wenn sie kastriert werden, ... können sie nutzbringend im Leben wieder eingesetzt wer­den“, schrieb SS-Sturmbannführer Dr. Karl-Heinrich Rodenberg (1904 - 1995) im Oktober 1942 an Ministerialrat Otto Rietzsch (1890 – 1947 im Speziallager Nr. 1, Mühlberg) (1 S. 22;320).

 

Zudem wurden in Buchenwald ab Juli 1944 an Einzelnen Hormonversuche zum Zwecke der „hormonellen Umpolung“ durchgeführt (1 S. 345). Nach der Implantation von „künstlich männlichen Sexualdrüse(n)“, beschrieb der dänische Arzt Dr. med. Carl Vaernet (geboren 1893 als Carl Peter Jensen), der im Auftrag Himmlers eine Anstellung bei der Deutschen Heilmittel GmbH Prag (Tarnfirma der SS) inne hatte (1 S. 23), im Herbst 1944 erste Ergebnisse seiner Beobachtungen: „... hat man bei Patienten 1, 2 und 3 die gewünschten Resultate erzielt – eine Umstimmung von homosexuellen zum normalen Sexualtrieb. Bei ihnen findet man jetzt .... Optimismus und Zuversicht zu der Existenz. Sie meistern leichter die ... schweren psychischen Probleme, die mit ihrer jetzigen Existenz verbunden sind“ (1 S. 352f).

 

Dies war wohl der letzte Tätigkeitsbericht des Dr. Vaernet. Im Januar 1945 beendete er seine wissenschaftliche Arbeit – und war für niemanden mehr erreichbar. Er kam in britische Kriegsgefangenschaft, wurde in Kopenhagen interniert und im Herbst 1945 den dänischen Behörden übergeben. Nach einem Krankenhausaufenthalt aufgrund Herzleidens „verschwand er in aller Heimlichkeit ... und entkam nach Argentinien. Dort arbeitete er im Gesundheitsmi­nisterium, ... ließ sich später als ... Arzt in Buenos Aires nieder und starb dort im November 1965“ (1 S. 358).

Homosexuelle in der Wehrmacht

Es gab Befürchtungen, dass „mit der Konzentration und Isolierung von Männern in Heer, Luftwaffe und Marine ... es zwangsläufig zu massenhaften sexuellen Handlungen unter Män­nern kommen“ würde. Dies bestätigte sich nicht; bei einem Vergleich gefällter Urteile im zi­vilen und militärischen Bereich blieb die Zahl konstant (1 S. 209). Es gab Richtlinien, wie die Soldaten ihr Zusammenleben zu gestalten hatten: Grundsätzlich sollte jeder Soldat eine eigene Schlafstätte haben. Ließ sich dieses zum Beispiel an der Front nicht vermeiden, musste für ausreichende Bekleidung gesorgt werden. „Gegenseitiges Sichwärmen unter der Decke ohne geschlossene Hose“ oder „faules Zusammenliegen im halbwachen Zustand“ musste genauso vermieden werden wie die „gemeinsame Nutzung eines Schlafsacks“. Beim Sport waren zum Beispiel „kokettieren in sportlichen Höschen und Hemden“ genauso verboten wie Spiele, „die zum Tummelplatz bewußter oder unbewußter Erotik werden“. Alle Unterhaltungen mit eroti­schem oder sexuellem Charakter, wie zum Beispiel „erotische Schallplatten“ und „schlüpfrige Gespräche“ sollten unschädlich gemacht werden. Im Einzelfall hatte der Truppenarzt zu ent­scheiden, ob es sich bei einer Entgleisung um einen Homosexuellen oder Scheinhomosexuel­len handelte oder eine Entgleisung aus Sexualnot erfolgt war (1 S. 233ff).

 

„Junge, seelisch und triebmäßig labile Soldaten sollten zur Selbstbeherrschung erzogen wer­den. ... Die Achtung vor der Frau und freudige Erwartung eines später einmal möglichen sau­beren und von seelischer Wärme getragenen .... Geschlechtslebens“ galten als sicherster Schutz vor „gleichgeschlechtlichen Entgleisungen“ (1 S. 237). 

Quellen

  • add

    1. Günter Grau, Claudia Schoppmann (Hrsg.), Homosexualität in der NS-Zeit, Dokumente ei­ner Diskriminierung und Verfolgung, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2013 (2. Auflage, neu überarbeitet), ISBN 978-3-596-15973-4