Hintergrundinformationen: Deutsche Sinti und Roma – Geschichte und Gegenwart

von Michaela Saliari, Nürtingen

Sinti und Roma leben seit Jahrhunderten in Europa. In ihren jeweiligen Heimatländern bilden sie historisch gewachsene Minderheiten. Sich selbst nennen sie Sinti oder Roma oder verwenden eine andere differenziertere Gruppenbezeichnung, wobei die Sinti seit dem 14./15. Jahrhundert in West- und Mitteleuropa und die Roma (im engeren Sinne) in Ost- und Südosteuropa beheimatet sind, manche dieser Roma (im engeren Sinne) sind auch schon seit über 150 Jahren z.B. in Mitteleuropa beheimatet. In den meisten europäischen Ländern hat sich Roma (im weiteren Sinne) als Oberbegriff durchgesetzt – Ròm ist im Romanes das Wort für Mann (Plural: Roma oder Rom).

Geschätzte 100.000 Sinti und Roma mit deutscher Staatsangehörigkeit leben in der Bundesrepublik. Sie sind eine nationale Minderheit und Bürgerinnen und Bürger dieses Staates. 

Ein deutscher Sinto und eine Sintiza, 1924, privat, alle Rechte vorbehalten!

Aktion des Gitarristen Harri Stojka "Wir sind gegen das Wort Zigeuner", hier mit dem Geschäftsführer der Volkshilfe Österreich sowie Harri Stojka, Doris Weinrich-Stojka und Sissi Asenbaum-Stojka, Foto: Bettina Neubauer, mit freundlicher Genehmigung

Petra Rosenberg, 2010, Foto: MarsmanRom, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Marianne Rosenberg, 2009, Foto: Arne List, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Zigeuner“ ist eine in seinen Ursprüngen bis ins Mittelalter zurückreichende Fremdbezeichnung durch die Mehrheitsbevölkerung. Sie wird von großen Teilen der Minderheit selbst als diskriminierend abgelehnt. Etymologisch ist der Begriff nicht eindeutig ableitbar. Verbunden mit ihm sind sowohl negative als auch romantisierende Bilder und Stereotypen, die real existierenden, also denkenden, fühlenden und handelnden Menschen zugeschrieben werden. Der Begriff ist darum zuallererst ein gesellschaftliches Konstrukt. Die Herkunft der Sinti und Roma aus Indien wurde schon im 18. Jahrhundert anhand sprachwissenschaftlicher Untersuchungen nachgewiesen, denn das Romanes ist mit der altindischen Hochsprache Sanskrit verwandt. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich in den jeweiligen Heimatländern der Sinti und Roma unterschiedliche Ausprägungen des Romanes.

Auf dem Gebiet, das die heutige Bundesrepublik Deutschland umfasst, sind Sinti seit über 600 Jahren beheimatet (urkundlich erstmals 1407 in Hildesheim erwähnt). Anfangs standen die Ankömmlinge, wie alle Kaufleute, Händler und Reisende, unter dem Schutz der jeweils örtlichen Obrigkeit, denn solche waren besonders willkommen: sie versprachen Abwechslung, brachten Neuigkeiten und schufen Gelegenheiten zum Erwerb seltener Güter. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts, einer Zeit, in der die spätmittelalterliche Gesellschaft an der Schwelle zur frühen Neuzeit eine Phase des politischen und sozialen Umbruchs erlebte, verändert sich das Verhältnis: Das Fremde, Unergründbare wurde politisch und religiös bedrohlich erlebt, mit der Folge, dass die „Zigeuner“* zunehmend verfolgt und unterdrückt wurden. Vertreibungen sowie das Verbot Handwerksberufe auszuüben, welches ihnen durch die Zünfte auferlegt wurde, trugen im Wesentlichen dazu bei, dass sie sich vor allem dem mobilen Handel zuwandten. Wie die Juden, so wurden auch die “Zigeuner“ für alle möglichen Missstände verantwortlich gemacht und als Heiden oder gar als Verbündete des Teufels stigmatisiert. Die durchaus vorliegenden Berichte über das vielfach normale und friedliche Zusammenleben auf lokaler und regionaler Ebene fanden keinen Eingang in die offizielle Geschichtsschreibung; diese hinterlässt stattdessen ein einseitiges und verzerrtes Bild.

„In einem Punkt sind die Geschichtserzählungen so unmissverständlich wie die Legenden aus dem heiligen Land. Die unbekannten Nomaden werden als Eindringlinge dargestellt, die sich durch ihren Büßer- und Opferstatus unangreifbar machen möchten. Sie sind weder christliche Europäer noch moslemische Sarazenen, sondern Dritte, die an keinem Ort zuhause sind. Die wandelbare Verkörperung des Anderen, das keinen Namen hat und das man deshalb beliebig bezeichnen darf: als Egyptier, Tataren, Ziganer etc.“ (Bogdal 2011, 40).

Fragt man heute Mitbürger darüber, was ihnen zu Sinti und Roma einfällt, so sprudeln die Wörter nur so heraus: Zigeuner! … sind nicht sesshaft … sind arbeitsscheu … sind faul … sind schmutzig, lügen …sie stehlen Kinder … haben riesige Wohnwagen und große Autos – woher haben die das Geld dazu? … Kriminalität. Fragt man sie dann danach, wie viele Sinti oder Roma sie persönlich gut kennen, wird es still. Es scheint sich also ähnlich zu verhalten, wie mit den Ressentiments gegenüber Ausländern. Unlängst war in der Presse zu lesen, dass die Vorurteile gegen Ausländer gerade in der Bevölkerungsgruppe am größten ist, die keinerlei Kontakt zu ausländischen Mitbürgern pflegt. Im deutschen Sprachraum hat sich für die vorurteilsreiche Haltung gegenüber Sinti und Roma der Begriff „Antiziganismus“ entwickelt. Die Antiziganismusforschung steckt in den Kinderschuhen und wird derzeit vor allem durch „ehrenamtliches“ Engagement betrieben – staatliche Fördergelder gibt es noch nicht. Dabei wäre es dringend nötig. „Wir dürfen dabei nicht so tun, als sprächen wir hier nur über Vergangenes. Ausgrenzung und Diskriminierung von Sinti und Roma aufgrund von Ressentiments und Vorurteilen sind auch heute europäische und leider auch deutsche Realität“, so  Ministerpräsident Kretschmann anlässlich der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Deportation von Sinti und Roma aus Baden-Württemberg am 15. März 2013 im Neuen Schloss. Da hat er wohl recht. In dem im Dezember 2012  veröffentlichten Gutachten „Antiziganismus – Zum Stand der Forschung und der Gegenstrategien“ werden verschiedene Umfrageergebnisse der letzten Jahre beschrieben. „Wenn noch 2011 knapp die Hälfte der Deutschen denkt, dass Sinti und Roma zur Kriminalität neigen, während gleichzeitig rund ¾ der 2006 befragten Sinti und Roma angeben, schon häufiger diskriminiert worden zu sein, stellt das ein äußerst beunruhigendes Ergebnis dar“, so Markus End, der Verfasser der Studie. Sein Gutachten zum Antiziganismus in Deutschland kann hier) (PDF, 3,41 MB) online gelesen und auch heruntergeladen werden.

Bei einer Veranstaltung der Baden-Württembergischen Landeszentrale für politische Bildung im Februar 2013 in Stuttgart, berichtet die Referentin Petra Rosenberg, Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma in Berlin-Brandenburg und Schwester der bekannten deutschen Pop- und Schlagersängerin Marianne Rosenberg, dass sie sich während ihrer Gymnasialzeit als Sinteza nicht outete. Sonst wäre ihr vom Deutschlehrer womöglich unterstellt worden, den Aufsatz abgeschrieben zu haben. Zu viele Erlebnisse in der Grundschulzeit ließen sie vorsichtig sein: Weniger von den Mitschülern, als von den Lehrern wird sie als „Zigeunerin“ schikaniert. Sie bricht die Schule ab, ohne Abschluss, weil sie die Anfeindungen nicht mehr aushält. Erst Jahre später holt sie zunächst ihren Hauptschulabschluss nach, dann die allgemeine Hochschulreife und beginnt mit 30 ein Pädagogikstudium; erst hier bekennt sie öffentlich Sinteza zu sein. Das Thema ihrer Diplomarbeit lautete: "Bildungspolitische Ausgrenzung von deutschen Sinti und Roma in Vergangenheit und Gegenwart in der BRD".

Ein sehr großer Teil der in Deutschland ansässigen Sinti und Roma leben inmitten der Mehrheitsgesellschaft als erfolgreiche, in sämtlichen Sparten berufstätige Menschen, ohne jedoch ihre ethnische Identität gegenüber Nachbarn und Kollegen preiszugeben – ein Leben im Verborgenen, ein Schattendasein. Sie laufen Gefahr mit Misstrauen, Ablehnung und Aggressionen konfrontiert zu werden.

Auch unter den ehemals als „Gastarbeiter“ ins Land geholten Menschen aus der Türkei, Griechenland, Italien, Spanien und Portugal, befindet sich ein großer Anteil von Roma. Hier aber waren sie nie „die Zigeuner“, sondern der Luigi aus Süditalien oder Ali aus Izmir, und konnten sich so einen guten Platz in der Gesellschaft sichern – integriert, wie die anderen auch.

Mit dem Staatsvertrag, den das Land Baden-Württemberg mit dem Landesverband Deutscher Sinti und Roma in Baden-Württember nach 18 Jahren Verhandlungen am 28. November 2013 feierlich unterzeichnete, „soll erstmals nicht nur der Status Quo aufrecht erhalten, sondern für Deutschland beispielhaft und zukunftsgerichtet die Minderheitenkultur gestärkt und gefördert werden“. Daniel Strauß, Vorsitzender des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma mit Sitz in Mannheim, erhofft sich davon auch, dass dies ein politisches Signal in die europäische Gemeinschaft sein könne, die Minderheitensituation der Roma in ihren Heimatländern zu stärken und zu sichern.

* Im geschichtlichen Kontext halte ich es für angemessen, den Begriff „Zigeuner“ zu verwenden.

Text: Michaela Saliari, Nürtingen, Stand: 11. Dezember 2013, alle Rechte vorbehalten!