Herr A.

 

KZ-Häftlingsnummern:

731 – 8922 - 17567 – 35185 - 26094

Bergen-Belsen – Buchenwald – Dachau – Mauthausen - Neuengamme


von Anne Schaude, 2021


Da auch heute noch Nachkommen von einigen NS-Opfern, die als sogenannte „Asoziale“ diffamiert wurden, von Nürtingern „gehänselt“ werden, hatte sich die Gedenkinitiative anfänglich entschieden, diese Opfer-Schicksale nicht darzustellen. Das unendliche Leid aber, dass diesem in Nürtingen geborenen und als „asozial“ gebrandmarkten Mann in der NS-Zeit bis hinein in seinen bis heute nicht rekonstruierbaren Tod erdulden musste, lässt es nicht zu, seine Lebensgeschichte, soweit sie als Bruchstücke überliefert ist, als Beispiel höchst menschenverachtender, unfassbarer Grausamkeit unerwähnt zu lassen. Aus dem anfänglich genannten Grund wird hier die Anonymisierung seines Namen aus dem Heimatbuch „Nürtingen 1918 – 1950“ mit „Herrn A.“ übernommen (1).


Im Bewahrungsheim Buttenhausen

Im Jahr 1935 hatte der im Jahre 1890 in Nürtingen Geborene (1) und Parteilose (2) ein langes Vorstrafenregister, unter anderem wegen Körperverletzung und Raub. Als Hilfsarbeiter und Tagelöhner wechselte er häufig seine Arbeitsstellen, zwischendurch war er immer wieder arbeitslos. So kam es dazu, dass der Nürtinger Kreisamtsleiter der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) bei Bürgermeister Hermann Weilenmann die Einweisung des Herrn A. in eine geschlossene Anstalt beantragte. Weilenmann lehnte den Antrag mit der Begründung ab, dass „in einer Anstaltsverwahrung“ keine Besserung bei Herrn A. zu erwarten sei (1).

 

Nach einer „Anpöbelung des nationalsozialistischen Stadtpfarrers (Anm.: Hermann) Maysenhölder am ,Tag der nationalen Solidarität’“ im März 1936 verbüßte Herr A. nun doch eine vierwöchige Gefängnishaft im Beschäftigungs- und Bewahrungsheim Buttenhausen. Diese Anpöbelung hatte sich vermutlich ereignet, als Herr A. eine Sammlung des Winterhilfswerks (WHW) unterstützen sollte. Daraufhin soll er dem Pfarrer Maysenhölder gegenüber geäußert haben, dass er „für solche Lumpen nicht arbeite“. Einige Tage später kam Herr A. nach Buttenhausen in Beschäftigungshaft (1).


Zum Verständnis:

Das Winterhilfswerk gehörte organisatorisch zur NS-Volkswohlfahrt. Bei diesen Sammlungen handelte es sich um Sammlungen für das „Winterhilfswerk des Deutschen Volkes“ (kurz: Winterhilfswerk, WHW), deren Spenden nur den bedürftigen „Volksgenossen“ zu Gute kamen.

 

In dieser Zeit sprach Pfarrer Maysenhölder Frau A. auf der Straße an. Die Ehefrau hatte dabei den Eindruck, dass dem Pfarrer die Anzeige leid tat. Dieser erklärte, er hätte ihren Mann nicht angezeigt, „wenn nicht andere Zeugen das Verlangen an (ihn) gestellt hätten“ (3). Mehrmals versuchte Herr A. aus Buttenhausen zu fliehen. Deshalb war es der Einrichtung nicht mehr möglich, ihn längerfristig zu bewachen. Unter Androhung von zukünftig schärferen Maßnahmen wurde er dort im Juli 1936 nach Hause entlassen (1).


Im letzten Jahr hat sich A. soweit ordentlich geführt ...“

Im Februar 1938 fragte der Nürtinger Landrat bei der hiesigen Schutzpolizei an, welche arbeitsscheuen Personen in der Stadt gemeldet seien. Bürgermeister Weilenmann berichtete daraufhin von dem „Hilfsarbeiter A., der verheiratet sei und dessen Familie aus zehn Köpfen bestehe. Seine acht Kinder seien im Alter von 22 bis fünf Jahren, wobei die älteren in Arbeit stehen, diese aber noch zu Hause wohnen“ würden. Zudem sei Herr A. wegen verschiedener Delikte, auch wegen Widerstand, vorbestraft. In politischer Hinsicht sei dem Bürgermeister aus den letzten Jahren nichts Belastendes bekannt, berichtete er, man habe aber bei Herrn A. wegen Unterhaltspflichtverletzung gegenüber seiner Familie einschreiten müssen: „Im letzten Jahr hat sich A. soweit ordentlich geführt. Er hat auch den ganzen Sommer über gearbeitet. Gegenwärtig arbeitet er bei einem Holzhauerakkord im Wald“ (3).

 

Kurze Zeit später, als Herr A. auf der Baustelle der Reichsautobahn bei Unterboihingen tätig war, verschlimmerte sich die Lage wieder. Das Landratsamt Nürtingen fragte beim Gesundheitsamt nach, ob man nicht einen Antrag auf Unfruchtbarmachung von Herrn A. „wegen Alkoholismus und Asozialität stellen“ könne. Amtsarzt Dr. (Walter) Wiegand fand diese Idee nicht gut. Zum einen sei es „außerordentlich schwierig, ein Verfahren auf Unfruchtbarmachung wegen Trunksucht durchzusetzen.“ Zudem sei Herr A. schon 48 Jahre alt. Dr. Wiegand schlug aber vor, ihn in eine Erziehungsanstalt mit „ausgesprochen strafanstaltsmäßigem Betrieb“ einzuweisen, aus dem er auch nicht fliehen könne. Daraufhin wurde Herr A. am 11. Juni 1938 zunächst ins Konzentrationslager Buchenwald eingewiesen (1). Spätestens jetzt galt der schwarze Winkel auf der Häftlingsuniform als Erkennungszeichen für die so genannten asozialen Häftlinge.

 

Das Konzentrationslager Buchenwald

Das KZ Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar war zunächst für politische Gegner des Naziregimes, vorbestrafte Kriminelle und so genannte Asoziale bestimmt. Diese so genannten „Gemeinschaftsfremden“ sollten dauerhaft aus dem deutschen „Volkskörper“ ausgeschlossen werden. Das Lager für die so genannte Schutzhaft war von einem drei Kilometer langen und drei Meter hohen Stacheldrahtzaun, einem Elektrozaun und von 22 mit Maschinengewehren ausgerüsteten Wachtürmen umgeben. Die Häftlinge waren in 34 Holzbaracken und 16 Steinbaracken untergebracht.

 

Ab Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden dort zunehmend Menschen aus anderen Ländern inhaftiert. Vor allem nach 1943 wurden im KZ Buchenwald und in seinen 136 Außenlagern KZ-Häftlinge rücksichtslos für die Rüstungsindustrie ausgebeutet. Daher war dieses KZ kein Vernichtungslager mit industrieller Vernichtung wie die großen Konzentrationslager in Polen. Trotzdem wurden viele Gefangene von der SS ermordet oder starben an Entkräftung aufgrund von unmenschlichen Arbeits- und Lagerbedingungen. Kurz vor der Befreiung schickte die SS zur Räumung des Lagers 28.000 Häftlinge auf Todesmärsche. Etwa 21.000 Inhaftierte blieben bis zum Schluss im Lager, das am 11. April 1945 von US-Einheiten befreit wurde. (Quelle: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, 2012)

 

 

Am 27. Juni 1938 wurde Herr A. von Buchenwald aus ins KZ Dachau, am 21. März 1939 für die Dauer von vier Wochen in das KZ Mauthausen, überstellt. Danach war er wieder zu Hause (2). Obwohl er bei seiner Entlassung zum Schweigen verpflichtet worden war, berichtete er seiner Frau von Schlägen, Hunger und nächtlichen Bädern in kaltem Wasser. Er würde lieber sterben als das noch einmal zu erleben, soll er zu ihr gesagt haben (3).


Das Konzentrationslager Mauthausen

Das KZ Mauthausen war das größte deutsche KZ der Nationalsozialisten auf dem Gebiet Österreichs. Im Mai 1938 hatte die SS den Steinbruch Mauthausen in Betrieb genommen und ab März 1939 zu einem selbstständigen Lager erweitert. Aus nicht bekannten Gründen war dies das einzigste KZ der Kategorie III auf dem Gebiet des Reiches. Kategorie III bedeutete: Vernichtung durch Arbeit. Wörtlich hieß dies in einem Erlass von Reinhard Heydrich (1904 – 1942 Attentat, Chef der Sicherheitspolizei), die Lagerstufe III sei „... für schwerbelastete, unverbesserliche und auch gleichzeitig kriminell vorbestrafte und asoziale, das heißt, kaum noch erziehbare Schutzhäftlinge Mauthausens“. Insgesamt waren hier fast 200.000 Gefangene inhaftiert, von denen ungefähr die Hälfte ermordet wurde, beziehungsweise starb. (Quelle: Gedenkstätte Mauthausen, 2016)


Am 5. März 1940 musste Herr A., der zu dieser Zeit im Nürtinger Zementwerk eingesetzt war, um 8.30 Uhr zur Arbeit geholt werden. Er hatte noch im Bett gelegen (3). Ende Mai 1942 wurde Herr A. zu einer Verwarnung im Rathaus vorgeladen. Man wies ihn darauf hin, dass, wenn er sich wieder dem Alkohol hingäbe, seine Arbeit vernachlässige, seine Frau und seine Familie misshandle, könne er wieder in Schutzhaft genommen und in ein KZ gebracht werden (1).

 

Im Juli 1942 war Herr A.’s letzte Arbeitsstelle die Nürtinger Holzhandlung L. (3). In dieser Firma (3), in der unter anderem Holzhäuser und später Wehrmachtsbaracken produziert wurden (3), waren während des Krieges etwa dreißig Mitarbeiter beschäftigt. Die genaue Anzahl der Betriebsangehörigen war sehr wichtig: Sie diente jeweils als Grundlage zur Bemessung der Produktionsmenge. Derjenige Betrieb, der die Auflage nicht erfüllte, wurde zum Beispiel mit Entzug der Maschinen, auch mit Betriebsschließung, bestraft. Weil die Firma L. dringend auf ihre Mitarbeiter angewiesen war, habe der Chef „in keinem Fall in gehässiger Weise“ gegen die Betriebsangehörigen intrigiert, berichtete nach dem Krieg ein ehemaliger Mitarbeiter. Und doch wurden drei Mitarbeiter dieser Firma, Herr A., Herr B., und Herr C., die als „arbeitsscheu“ galten, „hinter Schloss und Riegel gebracht“. Und es soll auch sein Chef, Herr W.L., gewesen sein, der Herrn A. – vermutlich nach einer Auseinandersetzung mit ihm – wohl direkt bei der Kriminalpolizei anzeigte. Im Juli 1942 wurde Herr A. erneut in so genannte Schutzhaft genommen (3).

Das Nürtinger Amtsgerichtsgefängnis in der Schlossgartenstraße, das 1967 abgerissen wurde. (Foto von 1963, StANT Nr. 1692A)

Dazu seine Ehefrau im Dezember 1946: „Im Sommer 1942 litt mein Mann an inneren Konflikten“. Nach einer Auseinandersetzung mit seinem Chef, Herrn L., soll er auf seine Frau sehr niedergeschlagen gewirkt haben. Herr A. war seiner Arbeit überdrüssig und wollte sich eine andere Tätigkeit suchen. Seine Frau versuchte ihm gut zuzureden, sie meinte aber, er könne seine Arbeit nicht mehr wechseln: „Mein Mann erzählte selten ein Wort über den Betrieb, weil er schweigend und verschlossen war. … Nach 1 ½ Tagen wollte ihn Kriminalkommissar (Anm.: Christian) W. (Anm.: zu Hause) abholen. Mein Mann war bereits weggegangen. Ich fragte W., von wem er beauftragt worden wäre? Dieser erwiderte, es sei sein Chef, Herr L., gewesen, dieser habe ,bei ihm angeläutet!’“ Am nächsten Tag wurde Herr A. also wieder verhaftet, er kam für zwei Wochen ins Nürtinger Gefängnis. Ohne dass seine Ehefrau darüber informiert wurde, brachte man ihn anschließend nach Stuttgart, wohin dort genau ist nicht bekannt (3)

 

Am 26. August 1942 wurde Herr A. ins KZ Dachau überstellt (3). Von dort erhielt die Ehefrau den ersten Brief ihres Mannes. Am 20. September 1942 kam er von Dachau noch einmal ins KZ Buchenwald (2). Wie seine Frau nach dem Krieg aussagte, blieb ihr Mann etwa ein halbes Jahr in Buchenwald. Sie ergänzte in ihrem Bericht, dass er sich anschließend ein Jahr in Bergen-Belsen aufgehalten haben soll (3). Dort wurde er im Mai 1943 eingeliefert (2).

 

Das Konzentrationslager Bergen-Belsen

Ein Teil des KZs Bergen-Belsen im Kreis Celle diente vor allem als so genanntes Aufenthaltslager für so genannte Austauschjuden, die gegen deutsche Zivilinternierte im Ausland ausgetauscht werden sollten. Später kamen ein Männer- und ein Frauenlager für kranke und arbeitsunfähige Häftlinge aus anderen KZs hinzu. Im März 1944 wurden weitere Zehntausende Häftlinge aus frontnahen KZs nach Bergen-Belsen verlegt. Sie kamen unter anderem aus dem KZ Sachsenhausen und den Außenlagern von Buchenwald. Diese Gefangenen waren in anderen Lagern als „nicht mehr arbeitsfähig“ ausgesondert worden. Es fehlte an ausreichender ärztlicher Hilfe und angemessener Verpflegung, um die aufgenommenen Kranken gesundheitlich wieder herzustellen. Weder Trinkwasserleitungen noch Waschgelegenheiten waren vorhanden. Seuchen brachen aus, zuletzt gab es kein Essen mehr. Bis zur Befreiung des Lagers am 15. April 1945 durch britische Truppen starben dort mindestens 52.000 Häftlinge aufgrund ihrer Haftbedingungen. (Quelle: Chronologie des KZ Bergen-Belsen und der heutigen Gedenkstätte, 2016)


Laut Dr. Steffen Seischab, der im Heimatbuch „Nürtingen 1918 – 1950“ über Herrn A., wie oben schon aufgeführt, berichtet, verlieren sich in Bergen-Belsen seine Spuren (1). Frau A. erhielt im Februar 1945 den letzten Brief ihres Mannes, datiert vom 28. Januar 1945 – und zwar vermutlich aus Neuengamme bei Hamburg. Sie war sich sicher, dass ihr Mann die längste Zeit und bis zum Zusammenbruch des Nazi-Regimes im KZ Neuengamme inhaftiert gewesen sein soll: „Meinen Mann habe ich seit seiner Inschutzhaftnahme nie mehr gesehen. Nach Kriegsende wartete und wartete ich. Alle Nachforschungen blieben ergebnislos. Die Mehrzahl der KZ-Insassen Neuengammes wurden auf Elbkähnen ins Meer hinausgeführt und versenkt, Tausende Häftlinge“ (3).

 

Die Versenkung der „Cap Arcona“

Auf der Spurensuche nach dem Verbleib ihres Mannes hatte Frau A. vermutlich von der Versenkung der Cap Arcona und anderer Schiffe und Boote an der deutschen Ostseeküste erfahren. Die Cap Arcona, 1927 gebaut und anfänglich für Luxusreisende und Auswanderer nach Argentinien eingesetzt, diente ab 1940 als Hilfsbeischiff der deutschen Kriegsmarine in der Ostsee, wo sie auch Flüchtlinge aus dem Osten evakuierte. Im April 1945 lag sie wegen eines Maschinenschadens manövrierunfähig vor Neustadt/ Holstein. Von der Kriegsmarine ausgemustert, wurde das Schiff dem Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann (1900 - 1969) unterstellt. Vor den anrückenden britischen Truppen wurden die verbliebenen Häftlinge aus dem KZ Neuengamme Ende April 1945 nach Lübeck transportiert. Mehr als 9.000 Häftlinge wurden auf kleinere beschädigte Schiffe gebracht, die dort vor Anker lagen. Am 26. April kamen 2.500 Häftlinge aus Neuengamme bei Hamburg und anderen Lagern in Lübeck an und wurden auf die Cap Arcona gebracht. Die meisten, die auf diese Weise in der Neustadter Bucht festgehalten wurden, waren unter „Deck eingepfercht, ohne Essen, Wasser oder frischer Luft. … An jedem Morgen mussten die Verstorbenen mithilfe von Seilen auf Deck gezogen werden. Der Kapitän des Schiffes kritisierte das Risiko der Mission, führte den Befehl aber aus, um der eigenen Erschießung zu entgehen".


Quelle: Wikimedia Commons (bearbeitet)

Der Großangriff alliierter Flieger der Royal Air Force am 3. Mai 1945 galt vielen Schiffen, die in der Kieler- und in der Lübeckerbucht lagen. Dabei wurden 23 Schiffe versenkt und 115 Schiffe beschädigt. Die Cap Arcona, die in Brand geschossen war, legte sich zur Seite, aufgrund der geringen Wassertiefe sank sie aber nicht. Etwa 6.400 der rund 7.000 KZ-Insassen der Cap Arcona und der „Thielbek“ verbrannten, ertranken oder wurden von anderen Booten aus erschossen. Nur ein geringer Teil der Häftlinge konnte von Booten aufgenommen werden, die sich vorrangig um die Rettung der Marineangehörigen bemüht hatten.

 

Ob die nationalsozialistischen Bewacher von Anfang an geplant hatten, die Schiffe mit allen Gefangenen an Bord in der Ostsee zu versenken oder ob sie den Alliierten eine Falle zur Vernichtung der Häftlinge stellten, um die geplante Vernichtung schuldlos erreichen zu können, konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden (Quelle: N. Wachsmann, KL- Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Siedler-Verlag, München, 2015, ISBN 978-3-88680-827-4, S. 672)


Spruchkammerverfahren gegen den Fabrikanten und Baumeister Herrn L.

Im Rahmen des Gesetzes „zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946“ übertrug die Militärregierung der US-Zone die Entnazifizierung an deutsche Laiengerichte, die Spruchkammern. Diese waren mit Laienrichtern und unbelasteten Juristen besetzt. In einem gerichtsähnlichen Verfahren mussten die Spruchkammern aber nicht die Schuld, sondern die Angeklagten ihre Unschuld, beweisen. Da hier die Betroffenen „die Schuldvermutung durch Beweismittel zu entkräften“ hatten, ließen sich viele Betroffene in ihrem sozialen Umfeld schriftliche Entlastungszeugnisse, so genannte Persilschein“ ausstellen. „In der Mitte der Gesellschaft“ entwickelte sich so ein System gegenseitiger Entlastung. Am Ende eines Verfahrens stufte die Spruchkammer jeden Betroffenen in fünf Kategorien ein: Gruppe 1: Hauptschuldige (Kriegsverbrecher), Gruppe 2: Belastete (Aktivisten, Militaristen), Gruppe 3: Minderbelastete (Bewährungsgruppe), Gruppe 4: Mitläufer und Gruppe 5: Entlastete. Das waren die, die nicht vom Gesetz betroffen waren (Tafel NS-Dokumentationszentrum, München, 2019)


Im Sommer 1946 musste sich Fabrikant L. seinem Entnazifizierungsverfahren stellen. In diesem Verfahren wurde er von der Spruchkammer Nürtingen in die Gruppe 4, als Mitläufer, eingestuft, weil, so die Spruchkammer, ihm keine aktive Tätigkeit in der NSDAP nachgewiesen werden konnte (3).


Als Herr A. nach dem Krieg nicht mehr nach Hause zurückkehrte, stellte seine Ehefrau im Herbst 1947 beim Kreiswohlfahrtsamt einen Antrag auf finanzielle Unterstützung. Das Amt hatte nun zu prüfen, ob es selber oder ob die allgemeine Fürsorgeunterstützung für Familie A. zuständig war. Deshalb mussten zuerst die Ursachen für Herrn A‘s Verfolgung festgestellt werden. Bekannt war, dass Herr A. im Sommer 1942 in der Holzhandlung L. kriegsdienstverpflichtet war. Bekannt war auch, dass die Firma L. sein letzter Nürtinger Arbeitgeber war, bevor er im Juli 1942 in Schutzhaft genommen wurde und nach dem Krieg nicht mehr nach Hause zurückkehrte (3).

 

Demzufolge musste sich ab Herbst 1947 noch einmal die Spruchkammer Nürtingen mit dem Entnazifizierungsverfahren gegen den Fabrikanten Herrn L. beschäftigen. Da ja inzwischen weitere Beweismittel gegen Herrn L. vorlagen, kam es zu einer Neuaufnahme seines Verfahrens. Die neue Klageschrift von April 1948 warf ihm vor, dass er sich als Fabrikant und Betriebsführer „wenig Gewissensbisse darüber“ gemacht habe, welche Folgen Denunzierungen „für seine eigenen Mitarbeiter haben können“. Er habe drei Menschen, Herrn A, Herrn B. und Herrn C., die als arbeitsscheu galten, auf diese Weise hinter Schloss und Riegel gebracht. „Wenn es sich nun auch bei dem einen von den drei Denunzierten um einen wahrscheinlich notorisch arbeitsscheuen Menschen handelte, hatte der Betroffene (Anm.: Herr L.) dennoch kein Recht, Maßnahmen gegen ihn zu treffen, die ihn in jahrelanges Gefängnis und ... KZ-Haft brachten, aus der er nicht mehr zurückkehrte. Als Fabrikant und Betriebsführer muss er davon Kenntnis gehabt haben, welche Folgen sein Vorgehen haben kann“. Somit hätten alle Mitinhaber der Firma L. „durch Denunzierung von Nicht-Nationalsozialisten zu deren Verhaftungen beigetragen und dadurch aus politischen Beweggründen Verbrechen gegen diese Opfer begangen, die (Herrn L.‘s) Einordnung in die Gruppe der Hauptschuldigen ... rechtfertigen“ würde (3).


Ein Arbeitskollege aus Unterensingen, der im Krieg mit Herrn A. zusammengearbeitet hatte, sagte im Juni 1947 im selben Spruchkammerverfahren gegen Herrn L. aus: „Er (Anm.; Herr A.) hatte eine etwas radikale Gesinnung und ist auch ab und zu nicht bei der Arbeit erschienen. ... Ob es eine Veranlassung (Anm.: zur Festnahme) gab, ist mir nicht genau bekannt. ... Herr L. versuchte, Nicht-Parteigenossen bei der Arbeit zu drücken, dagegen hat er den einzigen Pg. (Anm. Parteigenossen) bevorzugt“ (2). - Herr B., der aus uns unbekannten Gründen zur selben Zeit wie Herr A. in Schutzhaft genommen worden war, sagte aus: „Der Arbeiter A. wurde ... von der Firma L. der Polizei überantwortet. ... A. war ein fleißiger Arbeiter, ,ein Wühler’, wie es keinen zweiten bei der Firma gab. Nur dass er manchmal einen Tag von der Arbeit wegblieb. Allein die Tatsache, dass das Arbeitspensum zum Teil verdoppelt wurde, hätte die Firma nicht bewegen dürfen, ihre Arbeiter an die Gestapo zu denunzieren“ (4/486).


Ein in der Firma L. tätiger Nürtinger Kaufmann berichtete vor der Spruchkammer, Herr A. habe eine schlechte Angewohnheit gehabt, „... da er bekanntlich gerne zum Trinken geneigt war und dabei die Arbeit nach seiner Wahl niederlegte, egal, ob es gerade eilig war oder nicht. Sei dies beim Ein- und Ausladen von Waggons oder auf dem Platze. Meistens legte er die Arbeit mit dem schwäbischen Gruß nieder und verließ den Platz im Eiltempo“ (3).


Meldung bei der Polizei oder direkt bei der Kripo?

In seiner Aussage unterstrich Polizei-Wachtmeister Karl H., Herr A. und sein Kollege Herr B. seien beide während des Krieges bei der Firma L. kriegsdienstverpflichtet gewesen. Beide hätten wenig Freude bei der Arbeit gehabt und blieben deshalb öfter unentschuldigt von ihrer Arbeit fern. Eine Anzeige wegen dieser Vorkommnisse sei von Seiten der Firma L. damals nicht bei der Polizei eingegangen (3). - Wenn davon auszugehen ist, dass diese Aussage stimmt und die Firma keine Meldung auf der Polizeiwache machte, Herr A. aber zuletzt von der Kripo abgeholt wurde, kann vermutet werden, dass Herr L. einen direkten Draht zu Kripo-Kommissar W. hatte.

 

Herr L. sagte aber im Mai 1948 vor der Spruchkammer aus, er habe sich „immer nur an das Arbeitsamt gewandt und gebeten, es möchte auf die Leute hinwirken, dass sie pünktlich zur Arbeit kämen“, da er jede Arbeitskraft gebraucht habe. Er führte weiter aus, dass er 1940 „der Partei“ beigetreten sei – auf Drängen des Zellenleiters seines Blocks, in dem er wohnte. Er selbst habe „die Partei“ nur mit Mitgliedsbeiträgen unterstützt, ansonsten sei er mit „Parteileuten nie in Fühlung gekommen“. Seine Firma habe er „bis ins letzte Detail gekannt, seine Absetzung als Betriebsführer wollte er mit seinem Eintritt in „die Partei“ vermeiden. Eine Absetzung hätte dem Unternehmen schwer“ geschadet, da nur ein Polier ihn in diesem Fall hätte vertreten können (3).


Im Jahr 1948 war Herr L. 67 Jahre alt und – so hieß es - durch eine schwere Erkrankung „erheblich geschwächt“ (3). Sein Rechtsanwalt stellte am 26. April 1948 den Antrag, Herrn L. in die Gruppe der Mitläufer einzureihen und das mit folgender Begründung: „Mit einer Verbringung des A. in ein Arbeitslager oder in ein KZ war dem Betrieb des Betroffenen nicht gedient, da er auf diese Weise einer Arbeitskraft verlustig ging“. Der Anwalt war sich sicher, dass Herr L. schon allein aus dieser Erwägung heraus nie eine Anzeige erstattet“ habe (3).


Letztendlich wurden die Herrn L. zur Last gelegten Denunziationen nicht nur nicht bewiesen, sondern hatten sich angeblich sogar als unwahr herausgestellt (3). Im Sommer 1946 war er in seinem ersten Verfahren von der Nürtinger Spruchkammer als Mitläufer eingestuft worden. Und auch im Wiederaufnahmeverfahren 1947/48 kam er ungeschoren davon: Die Kammer entschied erneut, dass „eine aktive Tätigkeit in der Partei“ nicht vorliege (3). Zudem sei im Fall A. bewiesen, dass es sich bei diesem „um einen asozialen Menschen gehandelt habe, der wiederholt die Unterstützung der öffentlichen Fürsorge für seine Familie in Anspruch“ genommen hatte. Sein Chef sei im Rahmen des Möglichen für ihn eingetreten. Herr L. ist ein ruhiger, fleißiger und gewissenhafter, ein allgemein geachteter Unternehmer, der durch äußersten Fleiß und fachliche Tüchtigkeit den Betrieb, den er vom Vater mit seinem Bruder übernommen hat, weitergeführt hat“. Dem Nationalsozialismus soll er immer ablehnend gegenüber gestanden haben, urteilte die Nürtinger Spruchkammer im Mai 1948 (3).


Fürsorgeunterstützung für Frau A.

Nachdem das wieder aufgenommene Spruchkammerverfahren gegen Herrn L. abgeschlossen war, informierte die Landesbezirksstelle für Wiedergutmachung Stuttgart das Kreiswohlfahrtsamt Nürtingen darüber, dass von ihrer Seite die Gewährung einer laufenden monatlichen Beihilfe an Frau A. nicht erfolgen könne. Die Ermittlungen der Landesbezirksstelle hatten ergeben, dass der im KZ umgekommene Ehemann nicht aus politischen Gründen verfolgt worden war. Deshalb vertrat die Bezirksstelle die Ansicht, „das Wohlfahrtsamt Nürtingen möge ihr die allgemeine Fürsorgeunterstützung nach dem Normalsatz gewähren“ (3).

 

 

Im März 1953 wurde Herr A. vom Nürtinger Amtsgericht für tot erklärt“ (1).


Quellen:

  • add

    1. Steffen Seischab in: Nürtingen 1918 – 1950, Hrsg. R. Tietzen, Verlag Sindlinger- Burchartz, Nürtingen/    Frickenhausen, 2011, ISBN 978-3-928812-58-0, Seite 289f

    2. Internationaler Suchdienst, Digital Archive, Bad Arolsen, Februar 2016

    3. StAL EL 902/17 Bü 6365

    4. StAL EL 903/4 Bü 102