Gotthilf K. - Seine Familie sollte die Zwangssterilisation bezahlen

von Anne Schaude, 2019

Im Rahmen ihrer Bevölkerungspolitik verfolgte das NS-Regime zwei Ziele: Zum einen sollte die Zahl der "erwünschten Geburten" erhöht, zum zweiten die sogenannte „rassische Qualität“ der Deutschen verbessert werden. Dagegen stand die sogenannte „negative Bevölkerungspolitik“ mit den Maßnahmen der Rassenhygiene. Unter anderem wurden jetzt die Vorschriften zur Ehetauglichkeit verschärft und die „angeblich erbkranken Personen“ zwangssterilisiert (1 S. 41).

Mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 wurde „die Möglichkeit der Zwangssterilisation von sogenannten Erbkranken geschaffen. ... Beamtete Ärzte und Anstaltsleiter waren gehalten, für alle Personen die Zwangssterilisation beim Erbgesundheitsgericht zu beantragen, nach dessen Beschluss der Eingriff binnen 14 Tage vorzunehmen war, notfalls nach polizeilicher Zwangsvorführung des ,Patienten’.“ Zum Beispiel durften aus Heil- und Pflegeanstalten keine Pfleglinge mehr ohne Sterilisation entlassen werden. Im Rahmen dieser menschenverachtenden Maßnahmen wurden bis 1945 „zwischen 250.000 und 300.000 Menschen“ zwangssterilisiert  (1 S. 384f).

Einer der Opfer der so genannten Aktion „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ war Gotthilf K. aus Unterensingen. Der Historiker Gerhard Hergenröder beschreibt im Unterensinger Heimatbuch von 1995 diese tragische Vorgehensweise wie folgt:

 

„Im März 1938 mußte er sich zwangsweise einer Unfruchtbarmachung unterziehen. Nur mit Mühe konnte der Bürgermeister verhindern, daß die Familie ... auch noch die Kosten des ärztlichen Eingriffs in Höhe von 46,45 RM bezahlen mußte. Landrat Maier hatte die Angelegenheit zur Chefsache gemacht und persönlich bearbeitet.“  (2 S. 231)


Gotthilf Wilhelm war das dritte Kind von Wilhelm Christian (1877 – 1971 (3)) und Eva Margaretha K. (1882 – 1955 (4)) und wurde 1907 in Unterensingen geboren. Sein Vater war Gemeindebürger durch Abstammung und Bauer von Beruf. Ein älterer Bruder starb einige Monate nach der Geburt, die ältere Schwester wurde 1906 geboren. Ein jüngerer Bruder, 1914 geboren, fiel 1942 als Soldat an der Ostfront (5).

Er verrichtete einfache Arbeiten


Da Gotthilf K. aufgrund „seines Geisteszustandes" keine Schule besuchen konnte, wurde er in einem Heim in Wilhelmsdorf betreut. Dort, in der Nähe von Ravensburg, hielt er sich vom siebten bis zum 14. Lebensjahr auf. Anschließend lebte er wieder bei seiner Familie in Unterensingen und verrichtete dort einfache Arbeiten in der Landwirtschaft seines Vaters. Zeitweise war er auch in einem Gipsergeschäft als Hilfsarbeiter tätig (6).

Welcher Arzt oder welches Gesundheitsamt im Jahr 1937 einen Antrag auf Zwangssterilisation stellte, geht aus den heute noch vorliegenden Akten nicht hervor. Als gesichert gilt, dass im August desselben Jahres das Erbgesundheitsgericht in Tübingen feststellte, Gotthilf K. leide an „angeborenem Schwachsinn“ (7). Aufgrund dieser Diagnose beschloss das Amtsgericht Tübingen im November 1937 die Zwangssterilisation. Am 18. Januar 1938 wurde Gotthilf K. im Krankenhaus in Plochingen operiert (8).


Nach dem Krieg lebte er anfänglich in der Familie seiner älteren Schwester. Wegen eines Sittlichkeitsdeliktes und eines Diebstahls wurde er von 1954 bis 1956 in der Heilanstalt Winnental in Winnenden betreut. Dort wurde „angeborener Schwachsinn“ diagnostiziert. Das Heim beschrieb ihn als „relativ harmlosen und gutmütigen Schwachsinnigen, der leicht lenkbar ist“. Die Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt galt hier vermutlich als Strafmaßnahme mit der Begründung, „die Öffentlichkeit vor weiteren Straftaten des Angeschuldigten zu schützen“ (9).

Nach zwei Jahren, im Januar 1956, konnte ihn seine Schwester, die inzwischen mit ihrer Familie bei den Eltern lebte, wieder nach Hause holen. Der Vater der beiden war zu jener Zeit 78, die Mutter 72 Jahre alt. Diese Entlassung galt als nur „bedingte Aussetzung der Unterbringung“ und konnte jederzeit widerrufen werden. Schon ein Jahr zuvor hatte seine Schwester versucht, ihren Bruder nach Hause zu holen, dieser Antrag wurde aber zurückgewiesen (10).

Im Mai 1963 kam Gotthilf K. von der Landesstrafanstalt Hohenasperg in die Heil- und Pflegeanstalt Weissenau bei Ravensburg. In einem Gutachten wurde beschrieben, dass die Ursache seiner geistigen Behinderung möglicherweise auf einen Gehirnschaden zurückzuführen sei, der seine Einsichts- und Willensfähigkeit negativ beeinflusse. Gotthilf K. blieb in der Anstalt Weissenau (11) und starb dort 1980 im Alter von 72 Jahren (12).

  • add Quellen

        1. F. Bedürftig, Taschenlexikon Drittes Reich, Piper Verlag, München, 1998, ISBN 3-492-22369-9
        2. G. Hergenröder, Unterensingen, Geschichte einer Gemeinde, 1995, Gemeinde Unterensingen, ISBN 3-925589-13-9
        3. Standesamt Unterensingen 4/1971
        4. ebenda, 17/1955
        5. StAL FL 31/2 Bü 3089, 07. 10. 1954
        6. ebenda, 02. 12. 1954
        7. ebenda, 31. 08. 1937
        8. ebenda, 15. 11. 1937
        9. ebenda, 02. 12. 1954
        10. ebenda, 24. 02. 1955
        11. Dr. T. Müller/ Dr. U. Kanis-Seyfried, Historisches Archiv, ZfP Südwürttemberg, Ravensburg/Weißenau, Sept. 2018
        12. Standesamt Unterensingen 30/1980