„Sie stopft und strickt unermüdlich Strümpfe“ – Wilhelmine Ernestine S.

von Anne Schaude, Nürtingen

Erinnerung an die Nürtinger "Euthanasie"-Opfer, gestaltet von Schülerinnen des Max-Planck-Gymnasiums Nürtingen, Foto: Manuel Werne

Im Winter 1873 

wurde Ernestine als Tochter von Andreas und Katharina W. in Markgröningen geboren. 


Im Herbst 1905 

heiratete sie den Oberensinger Steinhauer Christian Gottlob S.. Das Ehepaar wohnte hier und hatte vier Kinder, von denen zwei im ersten Lebensjahr starben.

 


Im Jahr 1932 

starb ihr Mann. Nach seinem Tod bekam sie eine schwere psychische Erkrankung. 


Im Februar 1933 

wurde Ernestine S. in die Universitäts-Nervenklinik in Tübingen eingewiesen. 


Im Dezember 1934

kam sie von Tübingen aus in die Heilanstalt Weißenau bei Ravensburg. Dort soll sie sich gut eingelebt haben, ihr Zustand besserte sich „bald erheblich“. An „ihren Verfolgungsideen“ hielt sie zwar weiter fest, sprach aber wenig davon. „Eine ruhige, stille Kranke, die mit jedermann auskommt, friedlich ihrer Arbeit nachgeht“, so wurde das Wesen von Ernestine S. nach einem Jahr Aufenthalt in Weißenau beschrieben. Das Pflegepersonal hielt in seinem Bericht sogar fest: „Sie stopft und strickt unermüdlich Strümpfe“. Eine ruhige Kranke, die friedlich ihrer Arbeit nachgeht, fällt hier nicht unangenehm auf, könnte man vermuten. Dem war aber nicht so! 


Am 01. August 1940 

wurde Ernestine S. von Weißenau aus in die Landes-Pflegeanstalt Grafeneck „verlegt“ und dort umgebracht. Sie hatte zu mindestens einer der vier Patientengruppen gehört, deren Namen ab September 1939 in den Anstalten und Einrichtungen des Reiches systematisch in Meldebogen erfasst worden waren. Ernestine S. war 67 Jahre alt geworden. 


Der 14. August 1940 

ist als ihr Sterbetag in Grafeneck dokumentiert. Ihre beiden Söhne forderten die Urne ihrer Mutter an, um sie auf dem Oberensinger Friedhof beizusetzen. Im Grab ihres Mannes sollte Wilhelmine Ernestine S. ihre letzte Ruhe finden.

Detail eines Stolpersteins, Foto: User:Enslin, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Es ist davon auszugehen, dass es nicht die Asche ihrer Mutter war, die den Söhnen zugeschickt wurde. Angehörige, die in Grafeneck eine Urne angefordert hatten, erhielten in der Regel „... eine Urne mit irgendwelcher Asche“. Zudem wurden die Urnen nicht von der Münsinger Post verschickt, weil dort Massensendungen aufgefallen wären. Kuriere gaben die Urnen zum Beispiel regelmäßig auf den Postämtern in Stuttgart, Ulm und anderen Orten auf. Allerdings gab es in Grafeneck ein sogenanntes Urnenbuch, in dem alle verschickten Urnen eingetragen wurden. In den Deckel jeder Urne war zuvor eine Nummer samt Name, Geburtsdatum, Sterbetag und Sterbeort eingestanzt worden. Die Nummer war dieselbe, die dem Kranken bei der Abholung in der Anstalt als Personenkennziffer mit Tintenstift auf den Rücken, in den Nacken oder auf den Arm geschrieben worden war. Vom Augenblick des Einstiegs in den grauen Bus zählte nur noch diese Nummer. Der Name des Patienten, wie später auch seine Asche, hatte für die Täter des NS-Staates jede Bedeutung verloren. 

Gedenkplatte auf dem Friedhof von Grafeneck, Foto: Anne Schaude, Nürtingen

  • add Quellen

    • R. Tietzen (Hrsg.), Nürtingen 1918 bis 1950, Nürtingen/ Frickenhausen, Sindlinger-Burchartz, 2011, S. 287
    • StANT: OFB Nr. 4110
    • Th. Stöckle, Grafeneck 1940, Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland, Silberburg-Verlag, Tübingen 2002, ISBN 3-87407-507-9 (Ausgabe im StANT, auch Stadtbücherei, vorrätig)
    • Stadtarchiv Markgröningen Dr. Petra Schad, August 2013
    • StANT: Auskunft Reinhard Tietzen, Oktober 2013
    • StANT: NA 899a

Text: Anne Schaude, Nürtingen, Stand: Oktober 2013, alle Rechte vorbehalten!