Das jüngste Nürtinger Euthanasie-Opfer – Eberhard Hermann F.

von Anne Schaude, 2014

Erinnerung an die Nürtinger "Euthanasie"-Opfer, gestaltet von Schülerinnen des Max-Planck-Gymnasiums Nürtingen, Foto: Manuel Werne

Erinnerung an Eberhard F. auf dem Mahnmal in Mariaberg, Foto: Anne Schaude

"Wenn die Menschen schweigen, so werden die Steine schreien." Lukas 19,40

Im Jahr 1940 wurden durch staatliche Zwangsmaßnahmen 61 Menschen mit geistigen Behinderungen von Mariaberg nach Grafeneck verlegt und dort ermordet. Ein Mahnmal bei den Mariaberger Heimen erinnert an diese Euthanasieopfer. 

Einer der Ermordeten war Eberhard F. aus Nürtingen

Im Herbst 1911

wurde Eberhard F. in Klosterreichenbach geboren. Er war das dritte Kind seiner Eltern Emil August und Anna Maria F. (2). Als sein Vater, ein Apotheker und „Württemberger durch Abstammung“ (7), hier eine Apotheke übernahm, zog die Familie nach Nürtingen.

Im Jahr 1933

musste Eberhard F. in einer Anstalt untergebracht werden, wohl sofort in der evangelischen Heil- und Pflegeanstalt Mariaberg bei Gammertingen (1).  

Am 1. Oktober 1940

wurde er nach Grafeneck deportiert und dort getötet (1). Bei dieser Deportation durch die Gemeinnützige Kranken-Transport-GmbH (Gekrat) waren laut Liste 97 Pfleglinge der Heil- und Pflegeanstalt Mariaberg bei Gammertingen (Württemberg) zum Transport in die Heil- und Pflegeanstalt Grafeneck (Tötungsanstalt) vorgesehen. Durch Verhandlungen der Anstaltsleitung mit der Medizinalverwaltung des Württ. Innenministeriums konnte die Anzahl auf 56 Kranke reduziert worden. Am Tag des Abtransports gelang es noch einmal, 15 Pfleglinge zurückzuhalten. Somit wurden bei diesem ersten Transport „nur“ noch 41 Pfleglinge deportiert und ermordet. Ein zweiter Transport aus Mariaberg wurde am 03. Dezember 1940 durchgeführt. Insgesamt kamen 61 Patienten aus dieser Pflegeanstalt in der Gaskammer von Grafeneck ums Leben (3). 

Lt. einer Statistik wurden im Monat Oktober 1940 in Grafeneck 761 Menschen vergast, im Jahr 1940 waren es insgesamt etwa 10.000 Menschen (5).  

Am 8. Oktober 1940

schrieben seine Eltern einen Brief an den Direktor nach Mariaberg. Darin bestätigten sie den Empfang der Nachricht, "dass Eberhard in eine andere Anstalt überwiesen worden ist. Die versprochene Nachricht aus eben dieser Anstalt ist aber noch nicht eingetroffen". Zu diesem Zeitpunkt wussten sie noch nichts vom Tod ihres Sohnes. Allerdings ahnten sie möglicherweise, dass "Eberhard nach Mariaberg nicht mehr zurückkehren wird ...". In diesem Brief baten sie deshalb auch um einen Termin, an dem sie, "bei der heutigen Kleiderknappheit", die Kleidung ihres Sohnes in Mariaberg abholen dürfen. Zudem dankten die Eltern der Pflegeanstalt "für die Sorge, mit der Sie unseren Eberhard betreuten. ..." (11)

Der 15. Oktober 1940

ist das Datum, das im Geburtenregister als Todestag eingetragen wurde. Laut dieser Auskunft starb Eberhard F. in Sonnenstein/Sachsen. In der Opferdatenbank der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein ist sein Name nicht zu finden. Es handelt sich hier um den damals „gängigen Aktentausch, der praktiziert wurde um die Morde zu vertuschen“ (4). Um Nachforschungen von Angehörigen, die wie bei Eberhard F. in der Nähe wohnten, zu unterbinden, gehörten systematische Täuschungsmanöver und Verfälschungen von Ort und Zeitpunkt der Tötungen zum Alltag in den Tötungsanstalten. Nicht nur die Opfer selbst, sondern auch die Erinnerungen an sie, sollten gründlich ausgelöscht werden.  

Am 30. Oktober 1940

stellte seine Mutter, Anna Maria F., beim Nürtinger Friedhofsamt den Antrag auf Bestattung der Urne ihres Sohnes, die am 16. November 1940 auf dem Alten Friedhof an der Stuttgarter Straße beigesetzt wurde (8). Heute ist bekannt, dass man in der Regel den Angehörigen nicht die Asche des Verstorbenen zugeschickt hatte. Angehörige, die ... eine Urne angefordert hatten, erhielten „... eine Urne mit irgendwelcher Asche“. Es existierte aber ein so genanntes Urnenbuch, in dem alle verschickten Urnen eingetragen wurden. Bezüglich der in Grafeneck Getöteten, deren Akten zum Zweck der Todes-Beurkundung an andere Vernichtungsanstalten versandt worden sind, wurde zwar auch ein Eintrag im Urnenbuch getätigt, aber mit dem Vermerk, dass man die Akten zum Beispiel nach Sonnenstein geschickt hatte.  

In den Deckel jeder Urne, die verschickt wurde, war zuvor eine Nummer samt Name, Geburtsdatum, Sterbetag und Sterbeort eingestanzt worden. Die Nummer war dieselbe, die dem Kranken bei der Abholung in der Anstalt als Personenkennziffer mit Tintenstift auf den Rücken, in den Nacken oder auf den Arm, geschrieben worden war. Vom Augenblick des Einstiegs in den grauen Bus zählte nur noch diese Nummer. Der Name des Patienten, wie später auch seine Asche, hatte für die Täter des NS-Regimes jede Bedeutung verloren (9 S. 128f).  

Eberhard F. war, so weit bis jetzt bekannt, mit 29 Jahren das jüngste Nürtinger "Euthanasie"-Opfer. Die Stadt seiner Kindheit, seiner Jugend, darf Eberhard’s Schicksal nicht vergessen! Es ist dringend nötig, eine örtliche Gedenkkultur zu erschaffen, in der den hiesigen Opfern der Nazi-Herrschaft ein würdevolles Gedenken zugestanden wird. 

"Gedenken möchten wir der Opfer - erinnern aber an die Mörder" (6 S. 33)

 

Im Jahr 1991 erinnerte sich in einem Gesprächskreis des Bürgertreffs eine Nürtingerin an Eberhard F.: „Der Apotheker F[...]*, die hent en Eberhard g’het, ond der isch wegkomma. Wenn mer sich da erkundigt hat, hat’s geheißa: ,Ha, der fehlt halt.’ Also solche Sacha hat mer scho mitkriegt, des war oim na scho arg. ... Dr F[...] isch nach Grafeneck komma, da hat mer g’sagt: ,Also Mensch, do got was – was machet die mit dene Behinderte?’ Es gab auch Behinderte, die net fort komma send“ (10) 

 

*Im Original ist der Nachname ausgeschrieben.

Detail eines Stolpersteins, Foto: User:Enslin, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Gedenken möchten wir der Opfer - erinnern aber an die Mörder“(6)

Der Schuppen in Grafeneck, in dem die "Euthanasie"-Opfer vergast wurden. Foto: Anne Schaude, Motiv aus der Ausstellung in Grafeneck

Denk Ort, Nürtingen, Erinnerung an Eberhard F., Foto: M.Werner

Quellen

  • add

    1. R. Tietzen (Hrsg.), Nürtingen 1918 bis 1950, Nürtingen/ Frickenhausen: Sindlinger-Burchartz, 2011, S. 287
    2. Geburtenregister Klosterreichenbach Nr. 30/ 1911
    3. www.tenhumbergreinhard.de, Infos zur Transportliste 01. 10. 1940 Mariaberg
    4. Auskunft 28. 08. 13, Dr. Boris Böhm, Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein
    5. Hrgb. Klee, E., Dokumente zur Euthanasie, 1985, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/ Main, ISBN 978-3-596-24327-3, S. 232f
    6. Hrgb. Martin, Elke, Verlegt, Verlag P. Grohmann, Stuttgart 2011, ISBN: 978-3-927340-74-9, S. 33
    7. Familienregister Klosterreichenbach, Bd. II, Bl. 91
    8. StANT: NA 899a
    9. Th. Stöckle, Grafeneck 1940, Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland, Silberburg-Verlag, Tübingen 2002, ISBN 3-87407-507-9, S. 128 f (Ausgabe im StANT, auch Stadtbücherei, vorrätig)
    10. Wie’s früher in Nürtingen war: Ältere NürtingerInnen erzählen lebendige Stadtgeschichte(n), aufgeschrieben von H. Wezel und H. Binder, Verlag Sindlinger-Burchartz, Nürtingen 1991

    11. Brief der Eltern nach Mariaberg, 08. 10. 1940