Vortäuschung einer „natürlichen Todesart“ - Dunkelziffer „Wilde Euthanasie“

von Anne Schaude und Manuel Werner

Francisco Goya: Los Desatres de la Guerra, public domain

Foto: Dr. Henning Krämer, Geesthacht, bearbeitet, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Der "Aktion T4" fielen insgesamt bis zu 100.000 Menschen zum Opfer. Doch die Zahl der "Euthanasie"-Morde ist viel höher.

Warum?

Am 23. August 1941 wurden die sechs deutschen "Euthanasie"-Mordanstalten geschlossen, sei es wegen kirchlicher Proteste, sie es, weil z.B. aufgrund der geballten Todesanzeigen und der Beobachtungen von Zeitgenossen Ahnungen und Kenntnisse durchgesickert waren. Die Gaskammern, in denen Menschen systematisch ermordet wurden, wurden daraufhin viel weiter im Osten eingerichtet.

Dieser zentral geleiteten Euthanasie durch die "Aktion T 4" schloss sich in der Folge die so genannte „wilde“ bzw. „weiche“ Euthanasie an. 

Von nun an wurde bis zum Ende der NS-Zeit weiterhin gemordet, aber in den betreffenden Anstalten und Kliniken selbst. In ihnen wurden unzählige Menschen durch Totspritzen, Verhungernlassen und ähnliche Maßnahmen umgebracht. Dies war unauffälliger als der Transport mit Bussen in Tötungsanstalten, aber nicht weniger tödlich und ebenfalls Programm.

Dr. Karl Brandt (1994-1948) im Jahr 1941, rechts neben Hitler, war Hitlers Beauftragter für die Tötungen der Aktion T4, Bild: (Ausschnitt): Bundesarchiv, Bild 183-H0422-0502-001 / CC-BY-SA, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany

Die Ausweitung der „Euthanasie“-Morde fand durch die so genannte „Aktion Brandt“ statt. Ab 1943 führte die Verschärfung des Luftkriegs über Deutschland zu einem steigenden Bedarf nach Ausweichkrankenhäusern. (1 S. 118) Jedes Bett wurde „ganz besonders in der jetzigen Zeit unseres Existenzkampfes ... für die Wertvollsten unseres Volkes benötigt ...“. (1 S. 125) Unter Leitung von Dr. Karl Brandt verlegten sie, je nach Bedarf, die Insassen von Heil- und Pflegeanstalten in die Tötungsanstalten. Das waren viele Anstalten des Deutschen Reiches, eine bis heute unbekannte Zahl. 

In enger Zusammenarbeit mit der T4-Zentrale in Berlin erfasste die Abteilung des Reichsministeriums des Innern bis 1945 alle Insassen der Heil- und Pflegeanstalten, zudem Insassen von Arbeitshäusern, Alters- und Fürsorgeheimen. Zu den Opfern zählten psychisch Kranke und geistig Behinderte, Altersheiminsassen, psychisch- oder tuberkulosekranke ZwangsarbeiterInnen. In Hadamar wurden auch Kinder mit einem jüdischen Elternteil, die sich in Fürsorgeerziehung befanden, getötet. Während die Morde der „Kinder-Euthanasie“ im Zweiten Weltkrieg nicht unterbrochen wurden, nahm die so genannte „Erwachsenen-Euthanasie“ nach ihrem Stopp im August 1941 (erst!) im Sommer 1942 ihren Fortgang. 

Mit Luminal, Veronal und Hungerkost „natürliche Todesart“ vorgetäuscht

Die Organisation von Erfassung und Ermordung der Opfer unterschied sich nicht wesentlich von der ersten Mordphase. Wieder wurde der Meldebogen 1 zur Erfassung der Daten verwendet, Gutachter und Obergutachter entschieden über Leben und Tod, und die "Gekrat" organisierte die Verlegungen der Patienten in die Tötungsanstalten. Dort wurde nicht mehr mit Gas, sondern mit Überdosen der Medikamente Luminal [Beruhigungs- und Schlafmittel, wirkt gegen Krampfanfälle, Epilepsie, AS] und Veronal [Schlafmittel, AS] oder durch Injektionen von Luft oder Morphium-Skopolamin gemordet. Der qualvolle Todeskampf dieser Menschen, der von  Lähmungs- und Erstickungserscheinungen begleitet wurde, konnte sich über Tage hinziehen. Diese neuen Tötungsarten sollten eine „natürliche Todesart“ vortäuschen. Durch Mangelernährung waren die Kranken sowieso schon so geschwächt, dass geringe Dosen des tödlichen Medikamentes für die Ermordung ausreichten. In manchen Anstalten der zweiten Euthanasie-Phase wurde mit Hungerkost begonnen. Die fettarme Kost führte nach monatelangen Qualen zum grausamen Tod. - In dieser zweiten Phase wurden beträchtlich mehr Menschen erfasst und somit zum Tode verurteilt als in der ersten Phase bis Sommer 1941. Noch immer ist die Anzahl der Tötungsanstalten nicht bekannt, die bis 1945 in Deutschland bestanden. Erst das Ende des Zweiten Weltkriegs konnte diese Morde beenden. (1 S. 118ff)

Eine überlebende Patientin berichtete:

„Das Essen bestand morgens aus zwei dünnen Schnitten, mittags einer dünnen Suppe, ohne Fett und Mehl mit schwimmenden Kartoffelschalen, abends wieder eine Wassersuppe. ... Dass bei dieser Ernährung eine schnelle Abmagerung eintreten musste, ist wohl erklärlich. ... Wenn Transporte ankamen, reichten die Betten nicht aus, es mussten Strohsäcke heruntergebracht werden. ... Die verseuchten und urindurchtränkten Strohsäcke wurden niemals erneuert. Weder gewaschen noch mit frischem Stroh erneuert. Die Schlafdecken wurden nie gelüftet. Es gab nur alle 14 Tage frische Leibwäsche. ...“. (1 S. 125)

  • add Quellen

    • Landeswohlfahrtsverband Hessen - Allgemeine Verwaltung (Hrsg.).
      Autoren: Gerhard Baader, Johannes Cramer; Bettina Winter. Wiss. Bearb.: Bettina Winter: 
      "Verlegt nach Hadamar". Die Geschichte einer NS-"Euthanasie"-Anstalt; Begleitband; eine Ausstellung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen. Kassel 1991 (Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Kataloge, Bd. 2, ISBN 3-89203-011-1.

Text: Anne Schaude, Manuel Werner (die beiden ersten, einleitenden Abschnitte), Stand: 26. August 2013