Er las eine Gedenkmesse für getötete Kommunisten

Alois Dangelmaier, katholischer Stadtpfarrer

 

von Anne Schaude, 2021

 

Insgesamt 16 Gestapoverhöre musste der katholische Stadtpfarrer von Metzingen über sich ergehen lassen, als er schon bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten aufgrund seiner religiösen Überzeugung im Herbst 1933 Opfer des NS-Regimes wurde (1).


Geboren wurde Alois Dangelmaier im Juli 1889 in Stuttgart. Er kam aus einer kleinbürgerlichen Familie und hatte vier Geschwister. Nach dem Studium der katholischen Theologie und „dem Besuch des Priesterseminars in Rottenburg erhielt er im Jahr 1913 die Priesterweihe. … Ab 1926 war er als katholischer Stadtpfarrer der Pfarrei St. Bonifatius in Metzingen tätig und gehörte zum engen Kreis um den württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz“ (geboren 1881). Dieser war „zeitweise Abgeordneter der katholischen Zentrumspartei im Reichstag“ und wurde wegen seines Widerstands gegen das NS-Regime im Januar 1945 in Berlin-Plötzensee enthauptet (1).

 

Die kleine katholische Kirche (erbaut 1907) an der Neuffenerstraße vor dem Abbruch 1960 (Quelle: StANT)

Als Metzinger Pfarrer war Alois Dangelmaier ab 1926 auch für die Nürtinger katholische Johannes-Gemeinde zuständig (2/514-99). Zu dieser Zeit war die hiesige Kirchengemeinde noch sehr klein, auch noch ohne eigenes Gemeindehaus. Wenn die Metzinger Pfarrer nach Nürtingen kommen wollten, mussten sie entweder „mit dem Zug pendeln oder über die 12 Kilometer einfach zu Fuß gehen“ (2/248).

 

Aufforderung des Bischofs zu unauffälligem Verhalten

Wie die Mehrheit seiner Amtskollegen war der Rottenburger Bischof Johannes Baptista Sproll (1870 - 1949), zu dessen Diözese die Metzinger, und somit die Nürtinger Gemeinde gehörten, kein „Anhänger des Nationalsozialismus“: Er soll die „Glaubensfeindlichkeit der NS-Bewegung … schnell erkannt haben“, ist überliefert.

Mit dem Reichskonkordat, einem Staatsvertrag, der im Juli 1933 zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikan unterzeichnet und im September 1933 mit seiner Ratifizierung rechtsgültig wurde, versuchte die katholische Kirche ihre Autonomie im NS-Staat zu wahren. Das Konkordat sollte unter anderem „die Freiheit des Bekenntnisses und seine öffentliche Ausübung“ garantieren und „das Eigentum der Kirche und die katholischen Bekenntnisschulen unter Schutz“ stellen (1).

Auf der Basis dieses neuen Staatsvertrags mit dem Vatikan ermahnte Bischof Sproll deshalb den Klerus und die Laien seiner „Diözese zunächst zur Kooperation mit den staatlichen Stellen“. Seine Katholiken sollten sich unauffällig verhalten, um „möglichst wenig Anlass zum Ärgernis (zu) geben“ (2/249).

 

Verurteilung der Hinrichtungen

Großen Mut, sich den Ermahnungen des Bischofs zu widersetzen und seinem Gewissen zu folgen, bewies Pfarrer Alois Dangelmaier, als er am 3. Dezember 1933 „eine Gedenkmesse für sechs in Köln hingerichtete Kommunisten“ las (2/249f). Auch im Religionsunterricht verurteilte er die Hinrichtungen vom 30. November, obwohl er „zu den Getöteten weder persönliche Beziehungen noch weltanschauliche Bindungen hatte“ (1).

Als die Metzinger NSDAP davon erfuhr, ließ sie die Schüler „der einklassigen katholischen Volksschule“ einen Aufsatz zum Thema schreiben: „Was der Stadtpfarrer Dangelmaier im Religionsunterricht über die Hinrichtungen in Köln und den Nationalsozialismus gesagt hat“ (3). - Noch im Dezember 1933 wurde der Pfarrer in Metzingen von Landjägern und Zivilbeamten verhört, von der so genannten Politischen Partei in Stuttgart am 5. Januar 1934 verhaftet und am nächsten Tag ins Konzentrationslager (KZ) Oberer Kuhberg in Ulm überführt und inhaftiert (1).


Ehemaliges KZ Oberer Kuhber, Ulm (alle Fotos von 2019, A. Schaude)

In seinem Verhör gab er an, „seinen Gläubigen und den Kindern zum Bewusstsein zu bringen, wie weit man kommen könne, wenn man die böse Lust nicht beherrsche und sich verhetzen lasse. Es sei doch furchtbar, wenn ein Mensch auf dem Hinrichtungsplatz ende. Namentlich sei es ein Knabe seiner Pfarrei gewesen, den er im Auge habe, der sehr jähzornig sei und von dem die andern sagen, der werde noch ein Mörder.“ Nach der gelesenen Messe habe er dasselbe Thema auch in der Christenlehre behandelt. Die Gestapo konnte diese Argumente nicht akzeptieren, „da Dangelmaier als Pfarrer doch sicher eine andere, unverfänglichere Möglichkeit gehabt hätte, seine erzieherischen Aufgaben auszuüben“ (2/249f).

 

KZ Oberer Kuhberg, Seiteneingang

KZ Oberer Kuhberg, Zugang zu den Kasematten

Politische Drohgebärde gegen die katholische Kirche ...“„

"Die Verhaftung Dangelmaiers war Teil einer politischen Drohgebärde gegen die katholische Kirche im Bistum Rottenburg. Zwei weitere“ Priester wurden zur selben Zeit wie der Metzinger Pfarrer in Ulm inhaftiert. Zunächst versuchte das bischöfliche Ordinariat „den … entstandenen Schaden zu begrenzen, indem man seine Aktion den staatlichen Behörden gegenüber als einmaligen Ausrutscher eines irregeleiteten Einzelnen darstellte“. Für die Begnadigung ihres „beliebten Seelsorgers“ setzten sich auch im Januar 1934 die Nürtinger Katholiken „Josef Dreher, Johann Baptist Glocker und Anton Halbherr“ unter einer Solidaritätsadresse ein (2/250).

 

 

Als der Nürtinger Arzt Dr. Wilhelm Dandler „von den Machenschaften“ gegen Pfarrer Dangelmaier erfuhr, soll er, so sagte er selbst im Jahr 1947 im Rahmen seiner eigenen Entnazifizierung vor der Nürtinger Spruchkammer aus, „als völlig Unbeteiligter in die Bresche“ gesprungen sein. Er habe sehr ausführlich „an den sehr mächtigen und selbstherrlichen Gauabteilungsleiter Dr. Klett“ geschrieben und ihn „auf die Unverantwortlichkeit seines Verhaltens hingewiesen“. Weiter sagte er aus: „Das Verfahren wurde dadurch verzögert, der arme Geistliche landete trotzdem in den Kasematten des Fort Kuhberg in Ulm. Ich wurde schwer verwarnt.“ (4)

 

Trotzdem wurde der „unbequeme“ Pfarrer nach einer Haftzeit von sechs Wochen aus dem KZ Oberer Kuhberg entlassen. Er durfte nicht mehr nach Metzingen zurück und musste „kirchliche Aushilfsdienste übernehmen. Ab August 1935 bis 1956 war er Pfarrer in Oeffingen nordöstlich von Stuttgart. Dort stellte er sich um 1936 hinter den öffentlichen Protest Oeffinger Frauen gegen das Verbot des Religionsunterrichts und damit gegen die nationalsozialistische Schulpolitik“. Ab 1937 durfte er selbst keinen Religionsunterricht in den Schulen mehr erteilen. Sein vermutlich letztes von 16 Verhören musste er im Jahr 1943 über sich ergehen lassen, „weil er auf einem Vordruck für die Ausfertigung eines Stammbaums die Grußformel ,Mit deutschen Gruß‘ durchgestrichen hatte“ (1). Wie Alois Dangelmaier im Jahr 1947 dem Nürtinger Arzt Dr. Wilhelm Dandler in einem Brief mitteilte, sei er 1943 nochmals mit „drei Monaten Gefängnis bestraft worden, diese Strafe sei aber in eine Geldstrafe umgewandelt worden“ (3).

Nach der NS-Zeit war Alois Dangelmaier weiter als Priester tätig. Ab 1956 verbrachte er seinen Ruhestand in Weingarten und starb 1968 in Ravensburg (1).

 

Der Rottenburger Bischof Johannes Baptista Sproll hatte schon im August 1934 mit seiner Aussage: „Lieber kein Konkordat als ein Konkordat, das nur einseitig bindet“, öffentlich Stellung bezogen. Er hatte früh erkannt, dass der Nationalsozialismus nicht mit dem Christentum vereinbar sei. Aber von kirchlicher Seite wurde der Staatsvertrag nicht gekündigt. Dort hoffte man weiter auf die Möglichkeit, sich auf das Konkordat berufen zu können, solange es bestehe.

Am 10. April 1938 führte die Stimm-Enthaltung des Bischofs bei der Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs zu einem Ermittlungsverfahren und zu Demonstrationen gegen ihn. Er musste aus seinem Bistum fliehen und irrte von Zufluchtsstätte zu Zufluchtsstätte. Das gesundheitlich angeschlagene Oberhaupt der Diözese Rottenburg lebte dann bei Krumbach in Schwaben und fand 1941 Aufnahme bei Nonnen in einem bayrischen Krankenhaus. Bis zum Kriegsende konnte er sein Bistum nicht mehr betreten (2/250ff).

 

  • add

    1. Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm, Häftlingsdatenbank   

    2. Nürtingen 1918 – 1950, Hrsg. R. Tietzen, Verlag Sindlinger- Burchartz, Nürtingen/ Frickenhausen, 2011, ISBN 978-3-928812-58-0   

    3. Südwestpresse vom 06. 05. 2015, Bericht Vortrag v. R. Renz   

    4. StAL EL 902/17 Bü 1422, Blatt 8, 1947

     

    Fotos: A. Schaude, Dokumentationszentrum KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg, Ulm, 2019