Albert Thumm – „Er ist hier als Antifaschist bekannt"

von Anne Schaude, 2019


Geboren wurde Christian Albert Thumm im Jahr 1897 (1) in Oberensingen. Er war das achte von neun Kindern seiner Eltern Jakob und Christiane Thumm. Der Vater war Bürger von Oberensingen und Schmied von Beruf. Albert wurde evangelisch getauft und im Jahr 1911 konfirmiert. 1922 heiratete er Luise Rosine L., die 1895 in Frickenhausen geboren war. Das Ehepaar bekam drei Söhne (2). Albert Thumm hatte den Beruf des Schlossers gelernt und übte den Beruf des Monteurs aus. Im Jahr 1931 war er bei der Firma J. G. Mailänder, Druckmaschinen, in Stuttgart-Bad Cannstatt angestellt und bekam dort einen Stundenlohn von 1.44 Reichsmark (RM), bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 48 Stunden (1).

Er war Mitglied der Kommunistischen Partei (KPD) (1). Ende 1932 entwickelte sich die KPD „mit etwa sechs Mio. Wählern zur drittstärksten Partei in Deutschland. Gelenkt von der Kommunistischen Internationalen, dem internationalen Zusammenschluss der kommunistischen Parteien, in Moskau, richtete sich die KPD frühzeitig auf die Illegalität ein. ... Bei den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 konnte die KPD zwar 12,3 Prozent der Stimmen erreichen, ihre 81 Mandate wurden jedoch sofort konfisziert. ... Der Alltag des Widerstands war in der ersten Phase bis Ende 1935 durch einen verlustreichen Aktionismus und den ständigen Neuaufbau der Organisation gekennzeichnet, so dass sich danach ein großer Teil" der Mitglieder „auf das Überleben im Milieu beschränkte“ (3/548).

Am 24. März 1933 wurde Albert Thumm zum ersten Mal vom Amtsgericht Nürtingen wegen Vergehens des Waffenmissbrauchs zu 150 RM oder fünf Tagen Gefängnis verurteilt. Welcher Anlass zu dieser Verurteilung führte, ist nicht bekannt. Überliefert ist aber, dass Albert Thumm zu dieser Zeit arbeitslos war (1). Möglicherweise stand sein Vergehen des so genannten Waffenmissbrauchs in Zusammenhang mit den Vorbereitungen der Nürtinger Kommunisten, einem „gewaltsamen Putsch, wie ihn Hitler 1923 in München versucht hatte, bewaffneten Widerstand zu leisten“. Als im Kreis Nürtingen SA und SS militärische Übungen abhielten, war den Kommunisten klar, „dass die faschistischen Verbände auf ihre ,nationale Erhebung’ hinarbeiteten“. So kauften auch sie Waffen und unterwiesen „die jungen nicht ausgebildeten Arbeiter“ in deren Handhabung. Ihr Ziel war, diese Waffen „gegebenfalls gegen die faschistischen Verbände einsetzen zu können“ (4/171).  

So genannte Schutzhaft für hiesige Kommunisten


Am 3. April 1933 gehörte Albert Thumm zu denjenigen Nürtinger und Oberensinger Kommunisten, (1) die verhaftet und in so genannte Schutzhaft genommen wurden. Weil es keine Verhaftungslisten gibt, ist die genaue Zahl der damals Festgenommenen nicht überliefert. Jahre später sagte Albert Thumm aus, Oberensinger SA-Leute hätten zwar den auswärtigen SA-Leuten und Landjägern die Wohnhäuser der Betroffenen genannt, es seien aber überwiegend Fremde gewesen, die die Verhaftungen durchgeführt hätten. Und auch auf dem Rathaus, wohin man die Verhafteten gebracht hatte, waren ebenfalls „nur Kräfte von auswärts" im Einsatz (4/178f).

Wie alle in dieser Zeit Verhafteten kam auch Albert Thumm in ein Schutzhaftlager, ins Konzentrationslager (KZ) Heuberg bei Stetten am Kalten Markt. Aufgrund der hohen Zahl von Festgenommenen herrschte dort „drangvolle Enge“. Am 1. Mai 1933 erreichte das Lager Heuberg mit 2.086 Häftlingen seinen höchsten Belegungsstand, danach „ging die Häftlingszahl kontinuierlich zurück“. Zu dieser Zeit befanden sich im gesamten Reich etwa 16.000 Menschen in so genannter Schutzhaft. Die württembergischen Oberämter scheinen mit ihren Festnahmen wohl zu den eifrigsten gehört haben, denn ihre Erfolge lagen über dem Reichsdurchschnitt (4/179).

Genaueres ist über die Haftzeit von Albert Thumm auf dem Heuberg nicht bekannt. Dort soll er bis zum Dezember 1933 inhaftiert gewesen sein, berichtet die Häftlingsdatenbank der heutigen KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg in Ulm (5). Als im Dezember 1933 aufgrund militärischer Nutzung des Geländes das KZ Heuberg aufgelöst wurde (3/509), kam Albert Thumm - und mit ihm 263 weitere Häftlinge – in das KZ Oberer Kuhberg nach Ulm. Dort wurde er am 6. Januar 1934 entlassen (5). Er bekam die Auflage, sich „alle 3 Tage auf dem zuständigen Polizeimeldeamt in Oberensingen zu melden, erstmals am Tage der Entlassung“ (1)

Nach seiner Haft war Albert Thumm wieder einige Wochen arbeitslos (1), danach fand er eine Tätigkeit  in einer Oberensinger Gärtnerei, bei einem Wochenlohn von 30 Mark. Wann er zur Firma Mailänder, seinem alten Arbeitgeber in Bad Cannstatt, zurückkam, ist nicht bekannt (1).

Am 16. Januar 1934 wurde Albert Thumm erneut vom Amtsgericht Nürtingen verurteilt, dieses Mal zu drei Monaten Gefängnis wegen Nichtanmeldung von Waffen und Munition und Nichtablieferung von Heereswaffen (1). – Obwohl die Kommunisten anfänglich davon ausgegangen waren, sie hätten sich gut auf den Widerstand vorbereitet, hatten sie „nicht damit gerechnet, dass das neue Regime so rasch und rücksichtslos gegen die politischen Gegner vorgehen“ würde. Diese seit März 1933 einsetzende Verhaftungswelle war viel größer als zuvor geahnt und auch für die Nürtinger ein immenser Schock. (4/172)

Wiedergutmachung im Jahr 1949


Im Jahr 1949, nachdem Albert Thumm einen Antrag auf Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts gestellt hatte, teilte der Öffentliche Anwalt aus Nürtingen der Landesbezirksstelle für Wiedergutmachung in Stuttgart mit: „Thumm ist hier als Antifaschist bekannt". Daraufhin erhielt er eine Haftentschädigung für den Zeitraum von neun Monaten und drei Tagen Konzentrationslager, die ihm 1950 und 1952 in zwei Raten ausbezahlt wurde. Damit war sein Fall abgeschlossen (1). Albert Thumm starb 1973 in Oberensingen (2)

  • add Quellen

        1. StAL EL 350 I Bü 7025
        2. Ortsfamilienbuch Oberensingen, Nr. 4901, S. 677f
        3. Hrsg. W. Benz/ H. Graml/ H. Weiß, Enzyklopädie des Nationalsozialismus, dtv, 1997, ISBN 3-608-91805-1
        4. Hrsg. R. Tietzen, Nürtingen 1918 – 1950, Verlag Sindlinger-Burchartz, Nürtingen/ Frickenhausen, 2011, ISBN 978-3-928812-58-0
        5. Häftlingsdatenbank, Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg, KZ-Gedenkstätte, Ulm, 2018